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Eine Stadt auf der Bühne


Yiğit Sertedemirs feiert mit „Sȗrname 2010. Ein Fest für Sühendan“ die türkische Kultur

Eine Tanzvorstellung übertrifft die nächste (Foto: Lena Obst).

Fünf Meter große Puppen mit Turban und Pumphosen schlagen ein Rad, an Stäben geführt von sieben Schauspielern. Davor Tänzer mit hoch aufgetürmten Puppenköpfen, ein Chor mit Handpuppen, grinsenden Masken und Tänzer mit liebevoll verzierten Papppferdchen am Bauch. Eine Szene übertrifft die nächste mit eindrucksvollen Bildern und aufwendigen Kostümen, angekündigt von zwei Handpuppen namens Schwätzer und Schwätzerin.

„Sȗrname 2010. Ein Fest für Sühendan“ heißt das Stück von Autor und Regisseur Yiğit Sertdemir. Es hat nichts Geringeres als eine ganze Stadt zum Thema: Istanbul. Die einfache wie rührende Geschichte ist schnell erzählt. Sühendan, eine alte Frau, die nach dem Tod ihres Mannes der Großstadt überdrüssig ist, sitzt den ganzen Tag in ihrem Antiquariat und redet nur noch mit ihrer Blume Filifu. Doch dann fällt ihr zwischen den staubigen Folianten ein Notizbuch ihres Mannes in die Hände, in dem er seine Ideen für ein großes Fest zu Ehren seiner Frau notiert hatte.

Ein Buch, das Wirklichkeit wird

Beim Lesen vermischen sich Realität und Traum. Sühendan wird zur Festleiterin des eigenen Festes. Zuerst tauchen aus dem Orchestergraben Trommler auf mit Modellen von Istanbuler Gebäuden auf dem Rücken, dann treten Narren, Sackpfeifer, Reiter, eine Janitscharenkapelle, Musikanten, Tänzer, Matrakspieler, Dschurdschurnatänzer und ein Vogeldresseur auf. Zwischendurch zeigen „Istanbulspieler“ ihre Kunst: in Istanbul zu leben, im aufgeregten Gedränge und in ständiger Angst vor einem Erdbeben.

Nicht nur ein Fest für Sühendan, sondern auch ein Fest für die Sinne (Foto: Lena Obst).

Der Zuschauer vermag es nicht, die vielen Sinneseindrücke auf der Bühne gleichzeitig wahrzunehmen: Farben, Musik, Gesichter, sie ziehen wie ein rauschendes Fest am Auge vorbei. Zeit vergeht in Windeseile. Die Reizüberflutung ist gewollt und weist auf die traditionelle osmanische Kultur mit all ihren komischen Momenten hin. Liebevoll zeichnet Sertdemir die Bürger seiner chaotischen Stadt als emotional, spontan, laut, aber freundlich. Emotionale Ausbrüche sind schnell verziehen, Bekanntschaften schnell geschlossen.

Der deutsche Zuschauer mag überfordert sein von der fremden Ästhetik einer Kultur, von der er häufig eher im Zusammenhang mit Integrationsverweigerung hört. Der türkische Humor erschließt sich oft nicht recht, die Musik ist ungewöhnlich disharmonisch. Doch wie bei einem Fest gilt: Nicht nachdenken, sondern mitmachen und mitfeiern. Wir sind gefordert, uns auf eine andere Kultur einzulassen. Das ein oder andere Lied klingt seltsam schräg, doch wenn der Übersetzer ins Ohr flüstert „ Komm sei das Auge meiner Träume/schweb in mir sei meine Melodie/wenn du sie nicht hörst/geh und such den Sinn deiner Worte neu“, erfährt man, dass das getragene Gejammer ein poetischer, einfühlsamer Text ist.

Warum soll Theater nicht mal lustig sein?

Und plötzlich reißt der fremde Rhythmus mit. Dann empfindet man Sühendans staunende Worte: „Diese Menschenmenge. Ich habe ja kaum etwas damit zu tun, aber man scheint sich doch danach zu sehnen“, „Wonach?“, „Danach, zusammen zu sein.“ Sie verleiht dem Gefühl Ausdruck, gemeinsam in einer Stadt zu leben, in einer gemeinsamen Kultur, einem gemeinsame Alltag und auch einer gemeinsamen Geschichte. „Jeder von uns hat Tausende von Menschen im Herzen. Das Herz eines jeden von uns ist ein großer Festplatz“, sagt Sühendan am Ende. Sie lässt uns in hoffnungsvoller Stimmung zurück, obgleich das Fest und die Aufzeichnungen im Notizbuch plötzlich abbrechen.

Es gibt politisches, komplexes, innovatives und experimentelleres Theater. Warum sollte es nicht mal pompös, schön und lustig sein? Selten hat man so viel Spaß im Theater, geht so beschwingt nach Hause, als käme man nicht von Sühendans, sondern vom eigenen Fest.

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