Berkun Oyas „Schöne Dinge sind auf unserer Seite“: Istanbuler Spielarten der Fremdheit
„Wie kannst du so eiskalt sein, wie eine Fremde“ sagt der Mann zu der Frau. Die Fremde ist seine langjährige Freundin. Fällt dieser Satz in Berkun Oyas Kammerspiel, ist die Beziehung schon kaputt. In die Welt des aufgeklärten Paares, angesiedelt im großstädtischen Intellektuellenmilieu, dringt etwas Fremdes ein. Das eigene System kollabiert. Ein junges Pärchen vom Land ist vor der Familie des Mädchens geflohen und bricht, etwas hilflos, in die Wohnung des Paares ein. Es kommt zum Konflikt, ein Messer ist im Spiel, ein banaler Fotoapparat wird zum Zankapfel, das Pärchen auf der Flucht flieht auch aus dem Großstadt-Apartment.
Zurück bleiben zwei Menschen Anfang dreißig vor den Trümmern einer ausgehöhlten Beziehung. Draußen hört man Schüsse. In der Wohnung verlässt die Frau den Mann. Draußen wird der Junge von den Familienangehörigen seiner Freundin erschossen. Dann kommt das Mädchen aus der Provinz zurück. Vier Menschen, zwei Paare, fremde Welten. Einer ist tot, eine fort. Die beiden übrig gebliebenen sitzen in einem verwüsteten Raum und sprechen von Planet zu Planet.
Verschärfte Distanz
All das geschieht hinter einer Glaswand, die die Bühne vom Publikum trennt. In die modern eingerichtete Wohnung mit Schallplatten, Büchern, skandinavischen Möbeln und einem Kafkaposter an der Wand schaut man wie in ein Terrarium. Das Publikum sitzt vor einem Schaukasten, der den Blick intensiviert und die Distanz verschärft. Überdies ist der Raum verwanzt. Die Zuschauer hören die Gespräche über Kopfhörer. Aber sie hören noch viel mehr. Jedes Atmen, jedes Rascheln, jedes leise Schluchzen dringt direkt in ihr Ohr. Laut und unbarmherzig untermalt umständliches Schnaufen das Zerbrechen einer Beziehung und die zähe Stimmung, wenn jedes Gespräch in einer quälenden Schleife mündet, jede versöhnlich gemeinte Geste zum Missverständnis wird.
Voyeuristisch schaut und hört man in fremde Leben hinein und sieht zu, was nach der Liebe, dem Wohlwollen und nach der Erkenntnis kommt. Wie das ist, wenn man mit seinem überreflektierten Leben ein Schauspieler in einem falschen Film war. Und dann dieses Landpaar, das alles hat, was die coolen Großstädter nicht haben. Bedingungslose Liebe, Vertrauen und innere Stimmen, die intuitiv kommunizieren. Sie sind der Kontrast. Für sie ist ein Film ausschließlich schön. Daher rührt der Titel: Sie waren mal im Kino, konnten aber nur die Hälfte der Leinwand sehen, auf der aber gab es die schönen Dinge zu sehen. Jetzt sind sie nicht nur naiv, sondern auch existenziell bedroht. Ihr Fluchtplan ging nicht auf. Dann ist der Junge tot.
Zarte Annäherung
Das gute an diesem Kammerspiel ist sein Interesse für die unterschiedlichen Spielarten von

In "Schöne Dinge sind auf unserer Seite" wird zweifach vor der eigenen Haustür gekehrt (Foto: Martin Kaufhold).
Fremdheit. Hier wird zweifach vor der eigenen Haustüre gekehrt. Vor der der eigenen Gesellschaft und der des eigenen Milieus. Einen Gewinner gibt es nicht, aber eine zarte Annäherung zwischen dem abgestumpften Mann aus der Großstadt und dem Mädchen vom Lande. Als sie sich auf die Couch zum schlafen legt, zieht sie ihr Kopftuch aus. Er sieht sie und wendet sich ab. Sie hat Vertrauen, er Respekt.
Der Abend ist dicht. Das liegt, neben dem konzentrierten Stoff, an der überzeugenden Arbeit der Schauspieler und der ungewöhnlichen, ja filmischen Tongestaltung, die das Spiel mit kleinen Gesten und Geräuschen erlaubt. Die merkwürdige Distanz, die die unerbittliche vierten Wand aus Glas in den Zuschauerraum abstrahlt, wird auch zum Ende hin nicht aufgebrochen. Und das ist konsequent.


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