Festivalleiterin Maya Schöffel im Gespräch über Kinder, Theater und Knochenarbeit
Wir treffen uns um drei. Die Mittagszeit ist ein bisschen schwer planbar, weil man nicht genau weiß, wann das Baby essen will. Es ist noch ganz klein, aber wie eine strapazierte junge Mutter sieht Maya Schöffel, Festivalmanagerin und Künstlerische Leiterin der Theater-Biennale, nun wirklich nicht aus. In der Kantine holt sie Kaffee, bespricht noch ein bisschen nach links, noch ein bisschen nach rechts, und sitzt dann sehr gelassen und freundlich an einem der kleinen Tische. Sie sieht entspannt aus. „Ja“, sagt sie, lacht, und sieht noch entspannter aus. Das liege daran, dass ihre Vertretung Christine Bocksch die „Knochenarbeit“ übernommen habe, ab dem Zeitpunk als sie in den Mutterschutz ging. Jetzt sei das Schlimmste ja schon gelaufen und sie von der strapaziösen Phase ausgenommen. Das sagt sie fast, als wäre ein Kind zu bekommen so was wie Urlaub.
Es ist gut, beim Thema Baby zu bleiben, beziehungsweise bei all den Fragen, die sich anschließen, wenn man als Frau beides möchte: arbeiten und Kinder haben. Jeder weiß, dass das Theater kein besonders familienkompatibler Arbeitsplatz ist, allein wegen der Arbeitszeiten und wegen des Anspruchs an die ständige Verfügbarkeit. Liest man das Kleingedruckte des Festivalkatalogs und die Listen, wer für was zuständig ist, fällt der hohe Anteil weiblicher Namen auf. Man kann sich schlecht vorstellen, dass dieses hoch politische Thema hier am Haus keine Rolle spielt. Es gibt auch andere Kinder, sagt Maya Schöffel, und „es gibt Erfahrungswerte“. Für sie ist es zum jetzigen Zeitpunkt, acht Wochen nach der Geburt, nur deshalb möglich, ihre Aufgaben beim Festival zu übernehmen, weil es sich um eine begrenzte Zeitspanne handelt und sie einen Partner hat, der seine Vaterrolle ernst nimmt.
Arbeit mit viel Hingabe
Dann geht das Gespräch in eine andere Richtung. Im Handumdrehen sind wir bei der Herausforderung, die eigenen Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen zu überprüfen, wenn man sich so viele Stücke aus so unterschiedlichen Kulturkreisen ansieht. Sie beschreibt die Entscheidungsprozesse bei der Stückauswahl und erzählt vom Organisations- und Logistikaufwand, der hinter jeder Produktionen steht. Egal um welchen Punkt es geht, sie spricht von ihrer Arbeit mit viel Hingabe.
Noch ist unklar, wie das mit der Arbeit in Zukunft aussehen wird. „So, wie ich bisher gearbeitet habe, auf verschiedenen Positionen, werde ich das nicht mehr können. Das weiß ich.“ Das klingt eher nach pragmatischer Einsicht als nach Anklage. Sie kennt den Betrieb und weiß, dass hier keine einfachen Lösungen auf der Hand liegen, schon gar keine schnellen. An einem gewissen „Entweder Oder“ wird sie also nicht vorbeikommen. Trotzdem sieht sie es als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe, fünfzig Prozent der Bevölkerung besser arbeiten zu lassen.“ Sie lächelt. Es hat den Anschein, als könnte sie in anderen Zusammenhängen noch einiges mehr dazu sagen.
Unbefristete Verträge
Für sich selbst hat sie zwar noch keine Lösung, aber die wird sich finden. „Ich wusste noch nie während der Theater-Biennale, was ich danach mache, das hat sich immer so ergeben.“ Im Organisieren und Schreiben von Dispositionsplänen ist sie ein Profi, aber ihr eigenes Leben folgt keinem strengen Karriereplan. Zum einen, weil sie sich während eines Projektes so sehr darauf einlässt, dass sie gar nicht an das nächste denken kann. Zum anderen, weil sie die Pausen und Abstände auch erfrischend findet. „Man fixiert sich nicht so stark auf eine bestimmte Struktur.“ Sie finde das gut, sagt sie, und sieht dabei so aus, als meinte sie es ernst. Im Grunde ist ihre neue Situation, die mit dem Kind, ähnlich. Eine neue Herausforderung, in die sie Stück für Stück hineinwachsen muss, und „Routine, Selbstverständlichkeit und Gelassenheit“ entwickeln wird. Nur dass der Vertrag diesmal nicht befristet ist.
Der Kaffee ist ausgetrunken. Später wird sie noch bei einer Diskussion zuhören, einiges mit ihren Kolleginnen besprechen, dies und das erledigen, die Vorstellungen in Mainz anschauen und am späten Abend im Zelt sein, um sich über alles auszutauschen, was der Tag so gebracht hat. Und was macht sie am nächsten Dienstag? „Mit den Kolleginnen das Büro aufräumen.“ Und am Freitag? Da ist das Dankesgrillen, das es bereits am Donnerstag vorzubereiten gilt.
Beim dritten Anlauf lacht sie. Natürlich weiß sie, dass die Frage auf die Zeit nach Ende der Spielzeit abzielt. Sie wird die provisorischen Zelte in Wiesbaden abbrechen und mit ihrer Familie nach Hause fahren. Es steht noch Nachbereitungsarbeit an, und dann freut sie sich darauf, den Sommer zu genießen und mal wieder was Selbstgekochtes zu essen. Wenn ihr Vertrag im Herbst ausläuft, geht sie in Elternzeit. Hoffentlich hat sie dann eine gute Lösung, Beruf und Familie zu vereinbaren. Auf eine so sympathische und unprätentiöse Person sollte das Theater nicht verzichten müssen.


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