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Björn mit dem Hackebeilchen


Das isländische Gruppe Vesturport beschäftigt sich mit der mythischen Geschichte eines Serienmörders

Man sagt, es gäbe auf Island keine Morde, von Mordserien ganz zu schweigen, das Land habe seit jeher die niedrigste Mordrate weltweit. Tatsächlich muss man weit in der Geschichte des Landes zurückgehen, um das Klischee vom nordischen Arkadien zu widerlegen und mit Björn von Öxl auf einen isländischen Serienkiller zu stoßen. Axlar-Björn, so sein isländischer Name, lebte im 16. Jahrhundert auf einer abgelegenen Farm ganz im Westen der Insel.

Als Kind wurde er zu einem reichen Bauern geschickt, welcher ihm nach Jahren in seinem Dienst die kleine Farm Öxl überließ. Dort lebte Björn fortan mit seiner Frau Thordis. Dann und wann kamen Reisende an der Farm vorbei. Die Eheleute beherbergten sie erst und töteten sie dann mit einer Axt, die Björn in einer Gletscherspalte gefunden hatte. 18 Menschen kamen durch Axlar-Björn zu Tode, bevor er schließlich entdeckt und hingerichtet wurde. Seine Geschichte gehört seither zum festen Inventar der isländischen Mythen- und Sagentradition. Die isländische Theatergruppe Vesturport hat die Legende von Axlar-Björn in ihrem gleichnamigen Stück nun einer Aktualisierung unterzogen.

Björn aus Öxl auf der Couch

Wohl aus Angst vor der hierzulande ebenfalls weit verbreiteten Plattitüde, alle Isländer seien miteinander verwandt, eröffnet der Autor Björn Hlynur Haraldsson sein Stück mit dem Vermerk, dass keine verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen ihm und Björn von Öxl bestehen. Irgendwie blutsverwandt erscheinen Axlar-Björn und Autor-Björn dann aber doch, wenn Haraldsson sein Vexier-Spiel über den Axt-Mörder inszeniert:

Das Stück setzt in einer unbestimmten Gegenwart ein. Zwei Männer sitzen sich in einer Therapiesitzung gegenüber. Beide stellen sich als Björn vor, nachdem sie zuvor bereits den Doktorkittel untereinander ausgetauscht haben. Langsam kristallisieren sich zwei Figuren heraus: Ein Arzt befragt sein Gegenüber, dieser stellt sich als Björn von Öxl vor, „der einzige Serienmörder diese Landes“. Die Diagnose des Doktors – „Du lebst nicht in der Realität“ – macht stutzig: Wird hier wirklich die Geschichte von Axlar-Björn in die Gegenwart versetzt oder haben wir es mit einer psychopathologischen Rollenidentifikation à la Dürrenmatts Die Physiker zu tun? „Bist du dir sicher, dass das, was du für real hältst, auch für andere real ist?“, fragt der Arzt noch, bevor er mit einem Mal selber proklamiert, Björn aus Öxl zu sein. Nein, sicher sind wir uns jetzt bei gar nichts mehr.

Theater mit der Axt

In der zweiten Hälfte des Stücks reihen sich einzelne Episoden aneinander, die von den beiden Schauspielern in wechselnden Rollen vorgestellt werden: Der Mord an einem Reisenden, der bei Björn und seiner Frau übernachten wollte, die Entdeckung und Verurteilung des Mörders, aber auch Björns obskuren Auftritt in einer Talkshow, wo er zwar als Mörder, nicht aber als Björn von Öxl vorgestellt wird. Die einzelnen Episoden sind formal durch Wiederholungen verbunden, und ergeben zusammen ein schillerndes Potpourri aus Mythen und Legenden.

Axlar-Björn, dem Mörder vom sagenumwobenen Snaefellsjökull, jenem Gletschervulkan, der Jules Vernes Held aus Voyage au Centre de la Terre als Einstieg ins Erdinnere dient und der wiederum vom isländischen Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness in seinem Roman Am Gletscher verewigt wurde, dient als Ausgangspunkt für einen wilden Assoziations-Ritt durch verschiedene Epochen und Genres: Wikinger-Könige aus grauer Vorzeit treffen auf den als Clown-Killer berühmt gewordenen amerikanischen Serienmörder John Wayne Gacy, Verse des Nationaldichters Davíð Stefánsson auf Talkshowtrash, Puppenspiel auf Splatterhorror.

Vesturport macht Anleihen beim Varieté,  dem Zirkus und der Popkultur

Die isländische Theatergruppe Vesturport ist für ein solches Theater der Opulenz weit über Island hinaus bekannt geworden: Ihre bildgewaltigen Inszenierungen kanonischer Theaterstoffe wie Romeo und Julia (2002) oder Faust (2010) machen Anleihen beim Varieté, dem Zirkus und der Popkultur. So verbinden sie beispielsweise für Faust akrobatische und tänzerische Elemente mit den Kompositionen der Musiker um Nick Cave, mit dem die Gruppe bereits mehrfach zusammenarbeitete.

Die 2001 von Absolventen der isländischen Theaterakademie in Reykjavik gegründete Gruppe, die im letzen Jahr den Europäischen Theaterpreis erhielt, besteht heute aus etwa 20 festen Mitgliedern, die je nach Produktion andere Funktionen übernehmen: Björn Hlynur Haraldsson, der Autor und Regisseur von Axlar-Björn, war zuvor meist als Akteur auf der Bühne zu sehen. Er, wie seine beiden Darsteller Atli Rafn Sigurðarson und Helgi Björnsson (sic!) sind auf Island außerdem als Fernseh- und Filmschauspieler bekannt.

Wenngleich Haraldsson der Ästhetik von Vesturport verpflichtet bleibt, schlägt er mit Björn aus Öxl zugleich ein neues Kapitel auf: Anstatt internationaler ‚Theater-Blockbuster‘ wie Faust oder Romeo und Julia kommt mit der nationalen Legende von Axlar-Björn ein Kammerspiel auf die Bühne, das allein auf Haraldssons Text basiert. Weil Haraldsson es versteht, diese Geschichte mit vielerlei Anspielungen und Kontexten zu verknüpfen, ohne sie dabei aus den Augen zu verlieren, verspricht der diesjährige isländische Beitrag einen so spannenden wie anspruchsvollen Theaterabend. Bis es soweit ist, halten wir es mit dem Schlager aus den 20er Jahren: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Björn auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen…“

Island: Björn Hlynur Haraldsson: “Björn aus Öxl”, Wiesbaden Wartburg, 24.6. 19.30Uhr

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