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„Was glotzt ihr so“


In Oliver Frljićs „Verdammt sei der Verräter seiner Heimat“ prallen Publikumsbeschimpfung, politisches Theater und Nachdenken über das Medium aufeinander

Neun Personen stehen in einer Reihe. Ein Mann tritt heraus, zieht eine Waffe und erschießt die restlichen acht, einer Hinrichtung gleich. „Was glotzt ihr so?“, schreit er in den Zuschauerraum, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtet. In Oliver Frljićs „Verdammt sei der Verräter seiner Heimat“ wird so oft gestorben, dass der Tod zu einem absurden Vorgang wird. Dabei fängt der Abend ruhig an: die Schauspieler liegen auf der Bühne, jeder ein Instrument in Griffweite. Eine schwere osteuropäische Volksweise ertönt. So behutsam, wie sie eingesetzt hat, klingt sie wieder aus. Die Schauspieler reihen sich auf, langsam fängt einer nach dem anderen an, zu weinen und sich auszuziehen. Sie schildern, wo sie sich zum Zeitpunkt von Titos Tod befanden und was sie währenddessen taten.

Lachen erstickt im Keim

Von nun an werden collageartig Szenen in verschiedenen Variationen wiederholt. Immer wieder kommt es neben den Hinrichtungen zu direkten Ansprachen ans Publikum. Es wird beleidigt. „Wenn ich mir jemanden im Publikum aussuchen dürfte, um ihn zu ficken, dann wären das Sie, mein Herr. Ich würde ihnen meine Hand…“. Oder: „You fucking whealthy Germans, you think you do everything so correct, taking over Europe!“ Das verhaltene Lachen erstickt im Keim, wenn ein Schauspieler schreit: „What the fuck is funny?!“ Das Tempo ist hoch und das Publikum kaum in der Lage, Bilder und Assoziationen zu verarbeiten.

Die zugrunde liegenden Texte sind größtenteils autobiographisch und in Improvisationen während der Probe entstanden. Sie drehen sich um die Zersplitterung Jugoslawiens, den anschließenden Krieg und den slowenischen Nationalismus, der historisch kaum aufgearbeitet wurde. Immer wieder setzt Musik ein und verklärt die brutal anmutenden Vorgänge auf der Bühne. Doch gerade, wenn man anfängt, sich auf das Stück einzulassen, zerreißen Schüsse und Schreie jede Möglichkeit der Annäherung. Nach einer der Hinrichtungen, das Publikum ist wie üblich betroffen, fragt der Schütze: „Was ist los mit euch. Das ist doch alles nur Theater. Fiktion.“

Dringlichkeit der Inszenierung

Die Inszenierung oszilliert zwischen Provokation, politischer, sowie historischer Aufarbeitung und Reflexion über das Theater selbst. Momente der Komik gehen nahtlos über in Momente des Schocks. Angesichts der vielen aufgeworfenen Fragen verlässt man ratlos den Theaterraum. Nur langsam ordnen sich die Szenen, gären die Bilder. Provokation, Publikumsbeschimpfung und der politische Diskurs sind im Theater inzwischen etabliert. Dennoch spürt man die Dringlichkeit der Inszenierung, empfindet die Aktualität und Relevanz der slowenischen Probleme, deren Ursprung weit zurück reicht.

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