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„Wir haben kein Recht dazu, es satt zu haben“


Giorgos Neophytou, Autor von „DNA“ und der Zypern-Pate Antonis Georgiou in einem Gespräch über die Folgen des Krieges in ihrer Heimat

Wie beeinflusst die politische Situation in Zypern das Theater?
Giorgos Neophytou:
Jede politische Situation, in jedem Land muss auch die Kultur beeinflussen. Direkt nach dem Krieg 1974 war das ein Tabu, jetzt fangen wir an darüber zu schreiben.

Ist Politik ein wichtiges Thema im zypriotischen Theater? Gibt es eine Tradition?
Neophytou:
Nein. Die Staatstheater wurden erst 1973 gegründet. Die Stücke, die davor geschrieben wurden, waren eher Komödien mit etwas Gesellschaftskritik, aber nicht politisch.
Antonis Georgiou: Nein, es gibt keine Tradition des politischen Theaters. Aber man kann sagen, durch den Krieg ist es politisch geworden. Alle Stücke von Neophytous sind politisch. Aber ich mag daran, dass es nicht um hohe Politik geht, sondern darum, wie es den Menschen betrifft.

Wie gehen die Menschen in Zypern mit der politischen Situation um?
Neophytou:
Ich denke, sie haben das Ganze satt. Sie wollen nichts mehr hören von Politik und von den Tragödien.
Georgiou: In den vergangenen Jahren hatten wir viel Propaganda sowohl auf der türkischen als auch auf der griechischen Seite Zyperns. Die Leute sind misstrauisch, wieder ein Teil von Propaganda zu werden. Deswegen haben sie politische Themen satt.

Wünschen sich die Zyprioten noch die Einheit ihres Landes?
Neophytou:
Es gab diesen großen Wunsch nach einer Einheit. Aber weil die Menschen das in letzter Zeit so satt haben, denken sie im Moment, es ist besser, wenn alles erstmal so bleibt. Eine Lösung ist das aber nicht. Wir leben seit den letzten drei, vier Jahren in einer sehr schwierigen Situation. Es entsteht eine Sehnsucht, sich in sein eigenes, privates Leben zurückzuziehen.
Georgiou: Nach dem Referendum wurden die Grenzen geöffnet, das hat in Vielen einen starken Wunsch nach der Einheit geweckt. Aber dazu kam es nicht und das Hin und Her verunsicherte die Leute. Die Zeit wird aber wohl eine Lösung bringen.
Neophytou: Aber ich möchte noch mal betonen: In ihrem Innern sehnen sich die Leute sehr stark nach der Einheit ihres Landes!

Wie würden Sie derzeit die Beziehung zwischen Zypern und der Türkei beschreiben?
Georgiou:
Ich denke, mit den türkischen Zyprioten haben wir ein gutes Verhältnis. Die Türkei dagegen ist ein starkes Land, und es hat seine Armee nach Zypern geschickt. Deswegen sind wir keine vereinte Gesellschaft, jeder hat Angst vor der anderen Seite.
Neophytou: Meine Generation ist noch mit den türkischen Zyprioten aufgewachsen. Ich persönlich habe auch noch Kontakt mit ihnen, auf freundschaftlicher Ebene. Aber nach dem Referendum gibt es so viel Misstrauen. Damals, 2004, wurde die Grenze geöffnet. Man konnte ganz einfach auf die andere Seite gehen. Die Politiker haben viel Angst geschürt, es könnte wieder ein Krieg ausbrechen. Es gab viel Propaganda. Ich traf einen türkisch-zypriotischen Kollegen, der sein altes Haus sehen wollte. Bisher hatte ich nur von griechischen Flüchtlingen gehört. Jetzt traf ich einen türkischen Flüchtling und sah, es war dasselbe.

Und wie stehen Sie zur Türkei?
Neophytou:
Naja, sie ist das Land, zu der die Armee gehört, die die Hälfte unseres Landes besetzt.
Georgiou: Ich war in Istanbul, und alle waren sehr freundlich zu uns Zyprioten. Zwischen den Menschen besteht eine gute Beziehung, aber wir können dieses gute Gefühl nicht in die hohe Politik transportieren. Das ist das Problem.
Neophytou: Meine Stücke werden auch ins Türkische übersetzt und, obwohl sie politisch sind, auch auf der türkisch-zypriotischen Seite aufgeführt. Aber ich mache auch keine Propaganda gegen Türken. Die einzige Propaganda, die ich mache, ist gegen den Krieg und seine Folgen.

Denken Sie, Theater kann Gegensätze aufbrechen?
Neophytou:
Ja, auf jeden Fall! Theater hat eine Sprache, die über Politik hinausgeht.
Georgiou: Es kommt darauf an, wie man Theater benutzt. Es gibt auch Stücke, die sehr nationalistisch sind.
Neophytou: Also meine Aufgabe ist es nicht, Leute anzuklagen, die andere umgebracht haben. Das würde den Konflikt neu entfachen. Es geht mir darum, den Krieg als eine Situation anzuklagen, in der Menschen getötet werden.

Ist Theater für Sie etwas, womit man gegen Propaganda ankämpfen kann?
Neophytou:
Propaganda ist nicht immer ein schlechtes Wort. Wenn ich Propaganda dafür mache, dass die Leute ohne Krieg leben, ist das eine gute Propaganda. Ich will das Leben der Menschen besser machen. Ich glaube, jeder hat die Aufgabe einen Weg zu finden, das Leben der Menschen zu verbessern, so dass sie in Frieden und Glück leben können. Sie zum Beispiel schreiben Kritiken, andere machen vielleicht…(schaut sich um)…Tische. Das Leben der Menschen besser zu machen, das ist Kultur!

Gibt es immer noch Manipulation durch die  Medien?
Neophytou:
Die Medien manipulieren immer.
Georgiou: Die Medien wiederholen immerzu das, was schon seit vierzig Jahren gesagt wird. Dieses Wiederholen, ohne zu hinterfragen, ist eine große Gefahr.

Jetzt hätten wir noch ein Fragen zu Ihrem Stück. Warum haben Sie das Thema „Vermisste“ gewählt?
Neophytou:
Der letzte Satz meines Stückes ist: „Wer gibt mir meine verlorenen Jahre zurück?“ Diesen Satz habe ich schon viele Jahre davor geschrieben. Ich habe angefangen, das Stück zu schreiben, als ich gemerkt habe: Oh, ich habe es satt, von den Vermissten zu hören. Ich habe selbst keine Vermissten in der Familie, aber man sieht in Zypern zum Beispiel immer wieder einen Jungen ohne Vater. Und dann weiß man, dass war einer von denen, die nicht zurückgekehrt sind. Wir leben damit und sind alle davon betroffen.

Wurde auch mit diesem Thema Propaganda gemacht?
Neophytou:
Ja, es wurde von der Politik ausgenutzt. Sie versprachen, sie würden dafür sorgen, dass die Vermissten zurückkehren können. Sie haben den Menschen falsche Hoffnungen gegeben, und das war sehr hart für sie. Sie wurden irgendwann müde. Doch das geht nicht, du kannst das Thema nicht satt haben, wenn es eine Frau gibt, die auf ihren Mann wartet, viele Jahre lang. Oder einen Jungen, der ohne seinen Vater aufgewachsen ist und ihn niemals getroffen hat, wie der Held in meinem Stück. Wenn du dessen überdrüssig bist, frage ich: Warum bist du es? Nein, wir haben kein Recht dazu, genug davon zu haben.

Wird das Problem der Vermissten noch diskutiert?
Neophytou:
Ja. Besonders seit dem Abkommen, das DNA-Analysen zur Identifizierung von Vermissten zulässt. Davor wussten wir nicht, wer alles in den Massengräbern liegt. Nun können sie endlich zurückkehren, und zwar die Vermissten beider Seiten. Fast jeden Tag sieht man eine Beerdigung.

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