„Rückstoß“ – einfallslose Männerphantasie oder sauber genähter Theaterabend: Darüber kann man streiten.
Tod, Sex und Traum. „Guten Abend, Herr Freud!“, ist man bei solch einer Kombination versucht zu rufen. Um dann gleich hinterherzuschicken: „Wie konnten Sie nur vor hundert Jahren schon ahnen, was das Unbewusste auf zeitgenössischen Theaterbühnen alles anrichten kann?“ Aber das unkritische Nachspielen von Phantasien und Geschlechterklischees ist im Theater nicht gerechtfertigt. Schon gar nicht in Zeiten, in denen Frauen mitreden. Zeiten wie der Sommer 2012, in dem die bulgarische Produktion „Rückstoß“, nach einem Text von Zachary Karabashliev in der Regie von Stayko Murdzhev im Staatstheater Wiesbaden aufgeführt wird und, ohne mit der Wimper zu zucken, emanzipatorische Tendenzen der Gegenwart ignoriert.
Dabei fängt doch alles so schön an. In einem spröden Wohnzimmer monologisiert der Vater in Richtung des Sohns, der über seiner Arbeit eingeschlafen ist: „Du hörst ja nie zu, weil du immer schon darüber nachdenkst, was du danach sagen wirst.“ Dieses Verhängnis, dass man sich selbst ständig voraus ist und darüber das Leben verpasst, versucht die Inszenierung in einer nicht linearen Erzählung durchzuexerzieren. Der Vater verschwindet, seine ungehörten Worte geistern als Anfangssetzung weiter durch den Theaterabend – wir wissen jetzt, dass er nicht mehr lange zu leben hat – der Sohn bleibt zurück. Er ist Theaterautor und anstatt endlich mal seinen Vater anzurufen, fabuliert er lausige Mafiageschichten zusammen, die wir dann auch direkt auf der Bühne vorgeführt bekommen.
David Lynch lässt grüßen
Fleißig wird eine Zwischenwand hinauf und hinunter gelassen, die das Wohnzimmer abtrennt, und – wenn hochgezogen – den Blick auf ein staubiges Theater freigibt. Dort treiben sich weiß gepuderte Menschen mit Perücken und distinguierten Gesichtsausdrücken herum. Und hopps, landen wir wieder in einer Szene, bei der absichtlich unsicher bleibt, was davon zu halten ist. Sehen wir Ausschnitte aus dem Leben des Autors, oder schreibt er gerade eine Szene, in der er sein Leben verarbeitet? In dieser Erzählung ist die Wirklichkeit verschoben, das ist irgendwann klar. Alles wird sprunghaft erzählt, und die Leuchter flackern verräterisch, das Licht wird zum bläulichen Schimmer, die Menschen verändern sich: Der Kellner lacht ein dämonisches Lachen. David Lynch lässt grüssen. Schon ist auch alles wieder normal, wir sind wieder vor dem Vorhang, oder hinter einem anderen.
Die Eltern des Theaterautors sitzen derweil wie zwei alte verstaubte Clownpuppen auf dem Sofa. Absurd reißt der Mann am Schluss des statisch vorgetragenen, sinnentleerten Dialogs den Mund auf. Dieser Mund kann als Sinnbild für einen Vater interpretiert werden, der nicht mit seinem Sohn spricht, da der ihm sowieso nicht zuhört. Man kann sich an den Schrei von Edvard Munch erinnert fühlen. Vielleicht hat es aber auch einfach nichts zu bedeuten.
Die Inszenierung verwirrt nicht nur uns, sondern auch sich selbst mit ihrem eigenen Verwirrspiel. Postmoderne, wie im Programmheft angeboten wird, ist dafür keine Erklärung. Auch wenn der Abend nur ein alkoholseliger, Tschechow-geschwängerter Traum sein soll, ist die Inszenierung zu wenig entschieden darin, nichts Sinnstiftendes zu erzählen. Haben wir es hier mit einem trauernden Sohn zu tun, einem Autor, der sich vor dem Misserfolg fürchtet, oder einfach nur mit einem feuchtfröhlichen Traum?
Sexuelle Projektionsflächen, die nur Probleme machen
Andauernd hat irgendjemand „einen Ständer“, sei dies nun das Fohlen auf der Weide, das zu tiefsinnigen Überlegungen über unser Verhältnis zum Triebhaften anregt; sei es der Jungprofessor nächtens im Bett, der seine Frau zum Analsex nötigen will, was diese gar nicht lustig findet (und er dann am nächsten Morgen auch nicht mehr). Oder sei es der Mafiaboss, dessen Probleme begannen, als er von seiner großen Liebe verlassen wurde und dann in eine Vase mit warmem Wasser onanierte, bis diese zerbrach. Während er das erzählt, fährt er mit lüsternen Händen über den Körper einer jungen Gefangenen. Frauen sind in dieser Inszenierung sexuelle Projektionsflächen, die den Männern nur Probleme bereiten. Abgewiesen von den Männern, brechen sie in Tränen aus oder fuchteln hilflos mit Pistolen herum.
Zu guter Letzt setzt sich der Autor zu seinem alter Ego in die Badewanne und lässt uns wissen, dass er ein bisschen traurig war und ein bisschen getrunken habe, und darüber wohl eingeschlafen sei. Rotes Lametta regnet vom Himmel. Was so ein Unterbewusstsein alles anrichten kann. Und dabei hat mal alles so schön angefangen. Doch dann werden wir gefangen genommen von den Endlosschleifen des selbstreferentiellen Autors. Wenn abschließend ein Video eingespielt wird, in dem wir alle Szenen im Schnelldurchlauf noch einmal sehen – der todessehnsüchtige Traum Revue passiert – dann hebt sich dieser Abend selbst auf. Das kann man als Konzept sehen. Konsequent setzt die Inszenierung dem offenen Text eine durchgetaktete Form entgegen und schafft es somit, trotz abgedroschener Geschlechterklischees und vieler Floskeln, einen runden Abend zu bauen. Die Frage, wie man Frauenklischees auf der Bühne darstellen kann, ohne selbst in den Verdacht zu geraten, sie auch so zu meinen, löst sich darüber nicht. Hier setzt die Inszenierung dem im Text angelegten einseitigen Blick auf die Frau keine kritische Spielweise entgegen. Wie sagt der Mafioso im Stück: „Wir Männer sind programmiert, um mit Misserfolgen fertig zu werden. Wir stehen immer wieder auf.“ Na dann, Prost!


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