All articles by this author

212 minutes of the sounds of Sarajevo

In 1977, the spacecraft Voyager was launched into outer space equipped with a golden data disk. In 55 languages, it sent out a message for extraterrestrial ears. This means that, among other things, 90 minutes of music have been drifting through space ever since. On an audio cassette, I recorded 212 minutes of the sounds of Sarajevo – the voices of children, the sounds of the tram, the arguments of people waiting in line for water, the laughter of the military police, the Miljacka River, a cat, pigeons, gunfire in the distance, radio static, water spilling out of a small pot, a crackling fire (I had difficulties trying to record the snow), the applause after a performance in Kamerni Teatar, father‘s snoring, the muezzin, the war siren, my voice… The Red Cross told me they could not accept donations like this.

Translated into English by Lynnette Polcyn

Zweierlei Maß

Im Jahre 1977 wurde die Raumsonde Voyager ins Weltall geschickt, und an ihr war eine goldene Datenplatte angebracht, quasi eine Flasche, mit einer Nachricht, die an intelligente Wesen aus anderen Galaxien gerichtet ist. Carl Sagan war gemeinsam mit einer Gruppe von Wissenschaftlern der Verfasser dieser Nachricht, und die NASA übernahm die Rolle des kosmischen Postboten. Auf diese goldene Datenplatte ist die Lage des Planeten Erde eingraviert, sowie die menschliche DNS…

Gesendet wurde auch eine Reihe an Fotografien, die Bilder vom Leben auf diesem Planeten zeigen – das Diagramm eines Fetus, eine gebärende Frau, ein Baum, ein Insekt, Vater und Tochter, eine Tänzerin von Bali, ein Greis mit Brille und Bart, die Chinesische Mauer, ein Fischerboot, das Taj Mahal, ein Greis mit Hund und Blumen, ein Alpinist, ein Zug, eine Buchseite von I. Newton, der Sonnenuntergang, ein Streichquartett…

In 55 Sprachen wurde eine Nachricht für außerirdische Ohren gesprochen. In serbischer Sprache wurde mit der Stimme eines Anrufbeantworters gesagt: “Wir wünschen Euch das Allerbeste von unserem Planeten”. Schon seit 32 Jahren treiben 90 Minuten Musik durch das Weltall. Bach, ein senegalesischer Trommler, Lieder der Aborinignes “Morning Star” und “Devil Bird”, Chuck Berrys “Johnny B. Goode”, Armstrongs “Melancholy Blues”, Beethovens Fünfte…und intelligente Wesen haben die Möglichkeit, 115 Geräusche vom Planeten Erde zu hören – Wind, Regen, Vulkanausbruch, Donner, Vögel, Elefanten, Feuer, Menschengespräche, Schiffshorn, Kuss, Grillen, Frösche…

Im Jahre 1993 verließ sie  die belagerte Stadt Sarajevo und ging 287 Kilometer weiter nach Zagreb. (Der Flug dauerte 21 Minuten) In einem Jahr sammelte ich sieben Fotografien, und nahm auf eine Audiokassette 212 Minuten die Geräusche Sarajevos auf – Stimmen von Kindern, die vor dem Fenster spielten, des Nachbars Stimme, während er Wache vor dem Hauseingang hielt, die Straßenbahn, den Streit in der Schlange beim Anstellen für das Wasser, das Lachen der Militärpolizisten, den Fluss Miljacka, eine Katze, Tauben, ein entferntes Geschützfeuer, Rauschen des Radios, das Verschütten des Wassers aus einem kleinen Topf, Anzünden eines Feuerzeugs, Feuerknistern (ich tat mir schwer beim Aufnehmen des Schnees), den Applaus nach der Vorstellung im Kamerni teatar, Risto Đogos Stimme, Vaters Scharchen, den Muezzin, die Kriegsirene, meine Stimme…

Man sagte mir beim Roten Kreuz, sie können solche Sendungen nicht entgegennehmen.