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Theater in Weißrussland – Zerrspiegel einer entstellten Wirklichkeit

Seit den Präsidentschaftswahlen vom 19. Dezember 2010 wurde eine schwarze Liste mit Namen von Kulturschaffenden veröffentlicht. Das Land ist noch weniger frei und offen als vorher. Das Theater bleibt von diesen gesellschaftlichen Umwälzungen nicht unberührt.

In den letzten zwei Jahren hat sich Weißrussland verändert. Nach den Präsidentschaftswahlen am 19. Dezember 2010 sind düstere Zeiten über das Land hereingebrochen – geradezu mittelalterliche. Acht von zehn Präsidentschaftskandidaten wurden festgenommen, einige sind bis heute in Haft. Der Dichter und Präsidentschaftskandidat Wladimir Nekljaew wurde noch am Tag der Wahlen brutal zusammengeschlagen. weiterlesen »

Theatre in Belarus – distorted reflection of a disfigured reality

Since the presidential elections on 19 December 2010 a blacklist containing names of creative artists was published. The country is even less free and open than before. The theatre has not remained unaffected by these upheavals in society. Belarus theatre has turned to classical drama.

Belarus has changed during the last two years. Since the presidential elections on 19 December 2010, dark times have descended on the country – downright medieval times. Eight out of ten presidential candidates were arrested; some of them are still in custody today. The poet and presidential candidate Vladimir Neklyaev was brutally beaten up on the very day of the elections. weiterlesen »

БЕЛОРУССКИЙ ТЕАТР – КРИВОЕ ЗЕРКАЛО КРИВОЙ РЕАЛЬНОСТИ

За два года Беларусь изменилась. После президентских выборов, которые произошли 19 декабря 2010 года, страна погрузилась в сумрачные времена, почти средневековье. 8 из 10 кандидатов в президенты были арестованы, несколько сидят в тюрьмах до сих пор. Поэт и кандидат в президенты Владимир Некляев был жестоко избит прямо в день голосования. Страна стала еще более несвободной и закрытой. «Белорусский свободный театр» иммигрировал в Лондон. В Беларуси появились «черные списки деятелей культуры», для которых неофициально ввели запрет на концерты и упоминания в государственных СМИ. Я тоже попал в этот список. Одновременно я был в Общественном совете по культуре при Правительстве Беларуси, из которого я вышел в знак протеста и солидарности с другими фигурантами «черного списка». weiterlesen »

Open letter

The four artistic directors of our theatres commended the fact that Belarus had become dominated by native drama as it came to comprise 25% of all playlists – an amount never before thought possible.

We, the Belarusian authors, living and dead (for in this ghetto, contemporary authors were grouped together with the classics), “rejoiced” in this moment!

This 25 percent notwithstanding, the existence of our vocation in Belarus is still threatened. Being a playwright is not considered an official occupation, and we receive neither wages nor pensions. Under Stalin, even farmers were entitled to more social benefits than Belarusian authors in the 21st century. The “Belarusian Dramatists Guild” that we tried to initiate many times to protect our rights was not authorized.

Briefe an den Minsker Freund

Vor kurzem ereignete sich in Weißrussland eine, für unser politisches System, seltene öffentliche Diskussion in Form einer Liveübertragung des Staatssenders ONT. Regie und Dramatik, die in Weißrussland zwei unvereinbare Naturgewalten sind, stießen aufeinander. Es war eine Schlacht… Als Ergebnis dieser Debatte veröffentlichte ich einen offenen Brief an die einflussreichste Person im Kulturbereich Weißrusslands, dem ersten stellvertretendem Kulturminister Vladimir Petrovitsch Rylatko.

Die im Brief von mir angesprochenen Fragen betrafen unmittelbar sowohl das Leben der Dramaturgen als auch aller, die nicht gerade ein gleichgültiges Verhältnis zur weißrussischen Kultur pflegen…

Warum ein Brief an Rylatko? Weil, wenn unser Staat ein „Gesicht“ der Kultur- und Kunstsphäre hätte, dann kann es kein geringeres sein als das Vladimir Petrovic Rylatkos. Allein während meines im Ganzen nicht langen professionellen Werdeganges „saß“ er fünf Kulturminister aus… Er kam noch lange vor Lukaschenko und leitet faktisch seit zwei Jahrzehnten die weißrussische Kultur. Rylatko ist nicht einfach ein sehr einflussreicher Stellvertreter, Rylatko ist ein Symbol und wie man weiß, besteht ein Symbol ewig. Somit ist dieser Brief an die Ewigkeit bestimmt oder auch in die Ewigkeit geschickt…

Also, woran entzündete sich im Wesentlichen die Debatte der Livesendung? Die vier Künstlerischen Leiter unserer Theater – Nikolaj Pinigin (Kupalovskij Teatr), Sergej Koval’tschik (Teatr imeni Gor‘kogo), Modest Abramov (Molodjoschnyj Teatr) und Natal’ja Bascheva (TJuZ) – lobten, jeder in seiner eigenen Manier, die Situation ihrer Häuser. Das Publikum besuche sie regelmäßig, die Inszenierungen wären nicht gerade langweilig und die Krise hätte keine Auswirkung auf den jeweiligen Betrieb. Aber die wichtigste Erkenntnis war, dass in Weißrussland eine Übermacht einheimischer Dramatik vorherrsche, wobei sie ganze, bis dato nie dagewesene fünfundzwanzig Prozent aller Spielplantitel ausmache.

Wir, die weißrussischen Autoren, lebende und tote (denn in dieses Ghetto wurden sowohl Gegenwartsautoren als auch Klassiker zusammengepfercht), „jauchzten“ in diesem Augenblick auf! Zugegeben, ein wenig beengend… Irgendwie unangenehm, sich auf einem Fleck zusammengedrängt zu fühlen… Gusovskij, Kupala, Kolas, Dunin-Marcinkevitsch, Dudarev, Makaenok, Krapiva, Delendik, Kovalev, Popova, Martschuk, Rudkovskij, Karelin, Prjaschko, Steschik, Rusakevitsch, Schtschutskij, Schurpin, Chalezin, Balyko, Prosaiker wie Bykov, Korotkevitsch, Tschornyj und selbst Kureitschik – und diese zusammen machen 25 Prozent aus! Welch eine unwahrscheinliche, welch überwältigende Großzügigkeit! Welch unwahrscheinliche Liebe zur nationalen Literatur! Nur haben Dramatiker in irgendeinem Land der Dritten Welt so etwas offenbar nicht einmal, nicht wahr?

Nicht alle Dramatiker sind aber an solch eine Enge und an solch eine „spartanische“ Umgebung gewöhnt. So haben viele ihrem Beruf den Rücken gekehrt: die meisten gingen zum Kino, und natürlich zum russischen Film, weitere sind in die Lehre gegangen, die dritten in die Politik, die vierten arbeiten als Nachtwächter oder Handelsvertreter und die fünften leiden in gottverlassenen Käffern und Provinznestern ganz einfach Hunger. Dass sie hungern, sage ich nicht des poetischen Ausdruckes halber, nicht aus einer „dostojewskijhaften“ Pose heraus, sondern ausschließlich um der Wahrhaftigkeit willen. Sie hungern! Denn ungeachtet dieser ganzen 25 Prozent, worauf Ihr mit Recht stolz sein könnt, steht in Weißrussland die Existenz des eigentlichen Berufs des „Theaterdramatikers“ unter einem Fragezeichen. Dramatiker zählen nicht zu den offiziellen Berufen und sie bekommen weder Lohn noch Rente. Unter Stalin hatten selbst Bauern mehr Anspruch auf Sozialleistungen als Weißrusslands Dramatiker des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die „Weißrussische Gilde der Dramatiker“, die wir, die weißrussischen Autoren, einige Male versuchten zu initiieren, um unsere Rechte zu schützen, wurde nicht genehmigt.

Ist denn mein Hauptgedanke nicht verständlich genug formuliert: zählt denn nur das nationale Wort auf der nationalen Bühne als indigene weißrussische Kultur? Ist denn nur die nationale Literatur das wahrhaftige Spiegelbild, die Seele und das Gewissen der Gesellschaft, das ein ausländisches Stück nicht ersetzen kann? Aber unser Gewissen ist so wie es ist. Wie die Gesellschaft, so auch ihr Gewissen. Sich über dieses zu beschweren heißt, alles auf den Spiegel zu schieben.

(Lesen Sie hier das russische Original in ungekürzter Form.)

Aus dem Russischen Edwin Warkentin

ПИСЬМА МИНСКОМУ ДРУГУ

Недавно в Беларуси случилась редкая для нашей политической системы публичная дискуссия в прямом эфире главного белорусского канала ОНТ. Сошлись две непримиримые в Беларуси стихии – режиссерская и драматургическая. Была битва… По результатам этой дискуссии я опубликовал открытое письмо самому влиятельному в сфере культуры в Беларуси человеку — первому заместителю министра культуры Владимиру Петровичу Рылатко.

Вопросы, которые я поднял в этом письме, напрямую касаются и жизни драматургов, да и всех неравнодушных к белорусскому искусству людей…

Почему к Рылатко? Потому что, если уж и есть у нашего государства «лицо» в сфере культуры и искусства, то это ни кто иной как Владимир Петрович Рылатко. Только на моем, недолгом, в общем-то, профессиональном пути он «пересидел» пятерых министров культуры… Он пришел еще задолго до Лукашенко и до сих пор фактически два десятилетия руководит белорусской культурой. Рылатко – это не просто очень влиятельный первый замминистра, Рылатко – это символ, а символ, как известно, вечен. Так что это письмо – письмо к вечности или в вечность…

Итак, о чем же, собственно, случился спор в прямом эфире? Четверо главных режиссеров наших театров: Николай Пинигин (Купаловский театр), Сергей Ковальчик (Театр им Горького), Модест Абрамов (Молодежный театр) и Наталья Башева (ТЮЗ), на разные лады расхваливали ситуацию в своих театрах: и публика туда ходит, и постановки нескучные и кризис на театрах не сказался. Но самое главное, в Беларуси, оказывается, засилье  отечественной драматургии – целых, невиданных доселе 25 процентов от всех названий в репертуарах!

Мы, белорусские авторы, живые и мертвые (ведь в это гетто бросили как современных авторов, так и классиков), в этот момент просто «возликовали»!  Конечно, несколько тесновато… Как-то неприятно, толпиться на таком пяточке… Гусовский, Купала, Колас, Дунин-Марцинкевич, Дударев, Макаенок, Крапива, Делендик, Ковалев, Попова, Марчук, Рудковский, Карелин, Пряжко, Стешик, Русакевич, Щутский, Шурпин, Халезин, Балыко, прозаики Быков, Короткевич, Чорный и даже Курейчик – и на всех целых 25 процентов! Какая невероятная, какая потрясающая щедрость! Какая невероятная любовь к национальной литературе! Но ведь где-нибудь в Африке, наверное, у драматургов и этого нет, правильно?

Но не все драматурги привыкли к такой тесноте, к «спартанской» обстановке, и многие из профессии ушли: большинство в кино, российское, конечно, другие в преподавание, третьи в политику, четвертые в сторожи да провизоры, а пятые просто голодают по глухим деревням и городишкам… Голодают – это я не ради красного словца, не ради «достоевщинки», а исключительно по правде жизни. Голодают! Ведь, не смотря на  целых 25 процентов, которыми Вы по праву можете гордиться, самое существование такой профессии как «театральный драматург» в Беларуси находится под вопросом. Работниками они не считаются, зарплаты им не платят, пенсии – тоже. Крестьяне при Сталине имели больше социальных благ, чем драматурги в Беларуси 21 века. «Белорусскую Гильдию Драматургов», которую мы, белорусские авторы, несколько раз пытались учредить, чтобы защитить свои права, не разрешили.

Неужто непонятна главная моя мысль: только национальное Слово на национальной сцене является истинно белорусской культурой?  Только национальная литература является истинным отражением, душой, совестью общества, и никакая иностранная пьеса эту совесть не заменит? А совесть у нас такая, какая есть.  Какое общество, такая и совесть. Пенять на нее, значит – пенять на зеркало.

http://naviny.by/rubrics/opinion/2009/10/24/ic_articles_410_165115/