Meine Beziehung zur Biennale begann im Jahr 2000. Im Rahmen des Forums junger Autoren Europas gab es eine kleine Lesung aus meinem Stück „Suite“. Es war ein absolut geheimnisvolles Stück, das mit den Mechanismen der Ambiguität zwischen Wirklichkeit und Fiktion spielte. Verschiedene Bühnenräume überlagerten sich auf einer einzelnen Bühne, welche die Widersprüche der Perspektive in der Erzählung verstärkten und die Erfahrungen aus der Vergangenheit der Personen neu erschafften (und sie damit gleichzeitig relativierten) und so weiter.
Damals war ich vollkommen überzeugt davon, dass die Universalität – das Europäische, wenn Ihnen das lieber ist – der zeitgenössischen Theaterstücke fundamental auf den dramatischen Ausdrucksformen der Perplexität beruht und nicht auf den thematischen oder ideologischen Fragen. Auch heute noch vertrete ich die Grundlagen dieser Idee: Das, was unsere Texte am meisten verbindet und sie wahrscheinlich europäisch macht, ist eine formelle gemeinsame Suche durch das Bilden einer relativen oder mehrheitlichen oder vielflächigen oder widersprüchlichen Meinung. Oder dies alles zur gleichen Zeit.
Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe des Theaters ist, Europa eine Identität zu geben, wie jene, die Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zum modernen Staat führte. Ich glaube weiterhin auch nicht, dass das Theater eine restaurierende Funktion haben sollte oder Kampfanweisungen gegen die Angst, die Desorientierung oder den Verlust an Anhaltspunkten geben sollte. Ich bin davon überzeugt, dass man sich durch Arglosigkeit, Mangel an Perspektiven oder Messianismus schuldig machen würde, wenn das Theater diese Funktion bekäme. Sicher, die heutige Welt ist komplex. Das Theater – das zeitgenössische Drama, was mich betrifft – ermöglicht es uns, diese Welt zu befragen. Wir wurden von einer Tradition der absoluten, nicht verhandelbaren Werte genährt, und die Erziehung zu einer Kultur der Unsicherheit und der Vielfalt gibt es noch nicht lange. Diese neue Kultur gibt dem Theater sein Erscheinungsbild und seinen zeitgenössischen Sinn, nicht der gemeinsame Wille, eine Identität zu schaffen und Lösungen zu finden. Diese Erfahrung, finde ich, macht man heute durch die Möglichkeit, die Wirklichkeit durch neues Fokussieren zu erfassen, indem man auf die Gewissheiten verzichtet, die die Schlagzeilen machen, indem man die Gewohnheiten und Werte infrage stellt, indem man das Publikum mit nie dagewesenen Wahrnehmungen und Möglichkeiten konfrontiert.
Aber das sind keine Lösungen – darauf bestehe ich –, nur neue Fragen, neue Sichtweisen. Vielleicht ist es genau diese fragende – und nicht affirmative – Art, die die Verbindung herstellt, die es erlaubt, die zeitgenössische europäische Dramaturgie zu definieren. Als Mitglied des Auswahlkomitees zweier Theater[1] und als Professor hatte ich in den letzten Jahren das Glück, Zugang zu einer Fülle verschiedener Texte aus verschiedenen Ländern zu haben. Sie haben es mir erlaubt, eine Idee zu überprüfen: Viele zeitgenössische europäische Autoren gestalten ihre Stücke mit der Idee des Perspektivenspiels, einer multiplen Fokussierung.
Ihre Vorgehensweisen dienen dazu, Zweifel, Fragen und Widersprüche zu formulieren – zu formalisieren – entweder, um sie zu vertreiben oder sie mithilfe des künstlerischen Schaffens zu reinigen. Sie sind das Symptom des Zustandes der Perplexität und gleichzeitig ein rührender Versuch – da er zum Scheitern verurteilt ist – der Heilung oder der Reinigung. Aber – und ich betone es noch einmal – ich bin fest davon überzeugt, dass die zeitgenössische Dramaturgie, wenn sie sich dieser Verfahren bedient, nicht versucht, gegen ein Gespenst zu kämpfen, gegen ein unbehagliches Mysterium. Sollte ein solches existieren sollte, denke ich nicht, dass es die vorrangige Aufgabe der zeitgenössische Theaterstücke sein sollte, es zu denunzieren. Die formelle Suche nach einer Perspektive im zeitgenössischen Drama ist ein Kind seiner Zeit, sie stellt eine Anstrengung dar, um eine angemessene Dialektik zwischen den historischen Inhalten unserer Gegenwart und einer Form, die sie ausdrückt, die sie übersetzt, die sie verdichtet, zu finden.
[1] Das Théâtre National de Catalogne und die Sala Beckett in Barcelona