In einigen Teilen ihres Werkes nennen sie sich “blind” im Bezug auf die kommunistische Ideologie, da sie sich mit dem System identifiziert haben, und viele kommunistische Gedanken teilten.
Ich stand der kommunistischen Idee der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichheit zwischen den Menschen sehr nah. Ich denke, dass diese Ideen allen jungen Menchen aller Länder gefallen. Ich war davon überzeugt, dass es keine bessere Idee gibt als die Gleichheit der Menschen. Jeden, der an dieser Idee zweifelte, betrachtete ich als meinen Feind. Ich glaubte ehrlich und stark an diese Idee der Gleichheit und sah keine Lüge darin. Es gab eine totale Übereinstimmung zwischen den propagandistischen Büchern und meinem Empfinden.
Galt diese Übereinstimmung auch für ihre Kollegen?
Weniger. Sie waren dem System gegenüber ironischer. Für einiges, was ich damals getan habe schäme ich mich jetzt. Manche Schulkollegen kamen mir nicht regimetreu genug vor und ich stritt mich mit ihnen. Wenn sie Dummheiten agestellt hatten, verteidigte ich sie nicht. Zum Beispiel wenn die Eltern in die Schule gebeten wurden, nahm ich die Partei des Lehrerpersonals an. Ich habe mich wirklich idiotisch verhalten. Meine Schulkollegen hatten oft mehr Recht als ich in ihren Äusserungen. Es war wie eine kleine Revolution. Ich glaube ich hatte damals große Chancen für den KGB rekrutiert zu werden, ich glaubte von ganzem Herzen an das kommunistische System und störte mich an jeder Aussage über die Lügen des Systems.
In Ihrer Familie wurde verschwiegen, dass ihr Großvater durch ungeklärte Umstände im Jahr 145 bei einer Befragung starb. Ihr Vater hat nie mit Ihnen darüber gesprochen. Wieso?
Stattdessen sprach mein Vater mit einem meiner Jugendfreunde, er sagte ihm „Die Sowjetunion ist ein Land voller Banditen. Sie ist Kriminell”, Mein Freund war ein einfacher Junge, er hatte Potential, doch er wurde vom System überrollt. Mit diesem Jungen hat mein Vater über alles geredet, mich hat er gemieden.
Weshalb hat er Sie gemieden?
Mein Vater hatte keinen Glauben daran, dass er mich umstimmen könnte. Er war überzeugt davon, dass ich sehr Regimetreu war, so versuche er mich nie vom Gegenteil zu überzeugen oder über die Vergangenheit unserer Familie zu reden. Ich glaube, er sah in mir einen zukünftigen Politoffizier. Er hat sich mir gegenüber nicht geöffnet.
Aber was sagte ihnen ihr Vater über die Sowjetunion?
Er erzählte mir, was für eine gut vorbereitete Armee die Sowjetunion hatte. Wie unbeugsam die Soldaten waren! Und wie er in der Armee Fußball gespielt hatte. Mein Vater hat mir nur schöne Geschichten über die Armee erzählt, oder er verschönerte die erlebten Kriegsmomente für mich. Er wollte meinen Erwartungen entsprechen und ich war nicht darauf vorbereitet etwas anderes zu hören.
Wann sind sie “aufgewacht”?
Im ersten Studienjahr. Mein großes Glück war, dass ich mit älteren Studenten im Studentenwohnheim wohnte. Sie wussten über die Geschichte der Sowjetunion Bescheid. Er waren Nächte, in denen ich schreckliche Geschichten hörte. Diese Diskussionen haben mich völlig verstört.
Was haben Ihre Studienkollegen ihnen erzählt?
Über die Hungersnöte, über Stalin, darüber was mit uns und Rumänien los ist.
In welchen Jahren haben diese Diskussionen stattgefunden?
1977 und 1978. Nach diesen Gesprächen schwenkte ich komplett auf die andere Seite. Ich habe das System gehasst, ich war davon überzeugt meine gesamte Kindheit und Jugend über belogen worden zu sein. Mir wurde klar, dass ich ein Schuft hätte werden können. Ich hätte soweit deformiert werden können, dass ich ein Schuft geworden wäre, ich hätte von der KGB angeheuert werden können, ich hätte benutzt werden können.
Gab es viele, die in der gleichen Situation wie sie waren, die Personen des Systems werden könnten?
Viele waren darauf vorbereitet den Schritt ins System zu gehen. Aufgrund der Vorteile und Erleichterungen, sie wollten sich im Leben arrangieren. Ich hingegen hätte aus Überzeugung gehandelt. Glauben sie mir, nach den Gesprächen mit meinen älteren Mitstudenten habe ich mich lange Zeit nicht erholen können. Als ich aufgewacht bin, habe ich alles gehasst woran ich zuvor bedingungslos geglaubt habe, ich bin ins andere Extrem gefallen.
Was gabe es für Möglichkeiten in den 80er Jahren? Die Ära Brejnev, die Stagnation, und Gorbatschow war noch nicht im Kreml…
Ich gewann eine Art Freiheit und begann von nichts mehr Angst zu haben, Den Gefahren gegenüber war ich absolut gleichgültig. Ich diskutierte mit meinen Studienkollegen und war über alle Maßen offen.
Wurden sie nie zum KGB gerufen?
Nein. Ich bin davongekommen. Ich habe mich oft gefragt, weshalb der KGB einen Bogen um mich machte. Ich weiss es bis heute nicht.
Auch die Parteiaktivisten hatten ihnen nichts vorzuwerfen ?
Da gab es einen Moment. Wir haben an der Uni eine Wandzeitung veröffentlicht, in der wir die Schriftsteller, die als Symbole der Partei galten und Loblieder auf die kommunistischen Partei gesungen haben, kritisierten. Der Dekan hat diese Wandzeitung abgerissen und mich beschimpft. Das war aber alles.
Lassen sie uns zum Jahr 1985 kommen. Was bedeutete Gorbatschow für die Menschen aus Chişinău?
Alles was ich bin habe ich aus der Perestroika. Vor 1985 bin ich mir meines Hasses auf das System bewusst geworden. Aber ich hatte noch einige Probleme mit mir als Individuum. Ich fühlte mich gespalten, ich glaubte an nichts und niemandem mehr. Ich konnte nicht lieben, ich war mit niemandem verbunden und hatte keine Freunde. Zur Zeit der Perestroika, überrollte mich das Wissen um die große Wahrheit über den Stalinismus und über unsere Geschichte. Ich war so glücklich über diese Jahre: ein intensiveres Leben hatte ich bis zu dieser Zeit nicht gekannt. Alles war im Umbruch. Wir konnten Berdiaev, Nietzsche und Kierkegaard lesen. Sogar Schopenhauer konnten wir vollständig lesen – bis zur Perestroika wussten wir nur, dass „Schopenhauer Eminescu zerstört hat “. Die Perestroika hat mich geformt.
In Ihrem Buch erwähnen sie, dass sie zur Zeit der Perestroika bei der Zeitschrift “Literatura şi arta” / “Literatur und Kunst” beschäftigt waren. Diese Zeitschrift war gemässigt und kontrolliert.
Deshalb bin ich auch dort weggegangen. Alles was ich aus Moskau las was so frei… Ich wünschte mir auch so zu schreiben und das in der «Literatur und Kunst» zu veröffentlichen. Und alles was ich schrieb und etwas schockierender war, wurde “eingelegt”, also wurde nicht publiziert. So kam ich 1988 zur « Uniunea Teatrală », zur Theater-Union, die das Gebäude des Landwirtschaftsministeriums erhalten hatte. Ich nannte mich Anarchist, trat die Möbel ein und hatte Sex im Büro.
Dann lassen sie uns über Sex im Büro sprechen, den sie in Ihrem Buch beschreiben. Weshalb wollten sie so unbedingt Sex im Büro machen ?
Es war eine Form der Freiheit. Ich hatte viele Orte an denen ich mich mit einer Frau gut fühlen konnte. Aber auch nur wenn ich an Sex im Büro dachte überkam mich Aufregung und eine aussergewöhnliche Ekstase. Meine Heldin, mit der ich Sex im Büro hatte, war Marcela Bevziconi. Ein erfundener Name, ich konnte ihre wirkliche Identität nicht preisgeben, diese Person lebt in Chişinău und ist verheiratet,. 1989 konnte ich endlich mit Marcela Sex im Büro haben, auf so natürliche Weise und in dem Konsens mit allem, was ich gegen das Regime machen wollte. Ich fühlte mich befreit. Es war ein Triumph.
Dennoch eine Frage: wir, ihre Leser, sollen das also tatsächlich glauben? Dass sie Sex im Büro gehabt haben? Ist es keine literarische Konvention?
Als Autor müsste ich scharf nachdenken, wie ich ihnen darauf antworte. Denn von meiner Antwort werden alle folgenden Fragen abhängen, und auf eine bestimmte Weise mein Erfolg oder Misserfolg. Ich bestätige es mit Nachdruck: Ich hatte Sex im Büro. Die Parallele in meinem Buch – Sex im Büro und das Parteitreffen im Nebenzimmer – ist bereits Fiktion. Als ich diese Parallele schuf, war ich Schriftsteller. Aber den Sex, den ich 1990 im Hotel des Zentralkommitees hatte, war real. Und der Sex mit Ludmilla im Gebäude des Kulturministeriums 1999 war auch real. Nur der Name der Frau, Ludmilla, ist nicht real. Ich darf ihnen sagen, dass diese Szenen nicht mal in Chişinău geglaubt werden. Wunderbar, glaubt, was ihr glauben wollt! Ich kann ihnen nicht beweisen dass ich Sex im Büro hatte
(Ausschnitt aus dem Interview mit Constantin Cheianu in der Zeitung „OBSERVATOR CULTURAL” Bukarest, Oktober 2009)
Aus dem Rumänischen von Luisa Brandsdörfer