Es ist kein glücklicher Moment für mein Land. Wie schon öfter in der Geschichte, scheint sich Italien wieder einmal in einem Zustand der Schlafwandelei zu befinden. Überrollt von einer – eigentlich untypischen – Welle der Fremdenfeindlichkeit, läuft es einem ausgeflippten Milliardär hinterher, der sich mit seinen Schurkereien brüstet und die Lüge zur alltäglichen politischen Praxis gemacht hat.
Was zunächst wie ein Unfall der Geschichte aussah, ist inzwischen seit fünfzehn Jahren demütigende Realität. So als würde das “Laboratorium Italien” eine Idee hervorbringen, unheilvoll wie der Faschismus, die man mehr oder weniger so zusammenfassen kann: die Demokratie ist überflüssig, nicht mehr auf der Höhe der Zeit und der Geschäfte, und wer die Macht über die Kommunikation hat, sollte am besten auch persönlich die politische Macht übernehmen und damit die neue Figur des Sommo Controllore – des Obersten Kontrolleurs[1] etablieren.
Eine einfache Geste würde ausreichen, um diesen Alptraum zu verjagen: man bräuchte nur den Stecker des Fernsehgeräts herauszuziehen. Das tut aber niemand, der Fernseher bleibt an, wie gebannt sitzen alle vor dem Schirm, begeistert von einem Rattenfänger mit Lifting-gestrafftem Gesicht, der stets einem schmutzigen Witz auf Lager hat. Wir Italiener laufen in unseren schönen Städten mit all ihren Kunstwerken herum, ohne sie überhaupt noch zu sehen, geschweige denn zu verstehen. Abgeschottet nicht nur von der Gegenwart, sondern auch von der Geschichte, unfähig, die Verbindung zur Vergangenheit wiederzufinden.
Deshalb versuche ich jeden Morgen, wenn ich mich an den Schreibtisch setze, an diesen verlorengegangenen Faden zu unserer großen Theater- und Musiktradition wieder anzuknüpfen. Und ich versuche mit allen Kräften, Qualität zu produzieren. Weil Qualität in diesem desolaten Panorama das einzige Heilmittel gegen die Verwahrlosung ist. Und Qualität kann man in Italien nach wie vor in unerwartetem Ausmaß finden, auf den verschiedensten Gebieten, auch im Theater: das ist die andere Seite des “Laboratoriums Italien”. Wenn ich darauf stoße, begreife ich zwar nicht immer, woher sie kommt, wie sie sich hat entwickeln können. Ich verspüre aber einen Schauder, als ob der unterirdische Strom der Geschichte durch unendlich winzige Einträge auf dem genetischen Code wieder hochkäme und den Sinn des Schönen, Wahren, Guten und Richtigen mit sich brächte.
[1] Sommo Pontefice (lat. Summus Pontifex) ist eine Bezeichnung für den Papst.
Aus dem Italienischen Sabine Heymann