Unser Theater wird immer mehr zu einem Bastard und damit ist es zur einer Missgeburt verurteilt
Herr Boytchev, in dieser Spielzeit gab es mehr als 10 neuen Premieren von Ihren Stücken im Ausland. In Bulgarien werden sie aber seit Jahren nicht mehr gespielt. Warum?
Es gibt nicht so viele Theater in Bulgarien und dort wurden sowieso schon meine Texte inszeniert. In Westeuropa gibt es etwa 300 seriöse Theater und in Russland noch 100. Deshalb reisen meine Texte durch die Welt. Nichtsdestotrotz versteht man ein Talent grundsätzlich in Bulgarien schwer. Ich habe mich 5-mal an der Bulgarischen Theaterakademie beworben und wurde nicht angenommen. Und obwohl meine Stücke in den meisten Staatstheatern in Europa gespielt werden, wurde noch kein Text am Bulgarischen Nationaltheater inszeniert. Neulich habe ich mich wieder mit meinem Text „Flieg, Oberst, flieg“ bei einem Drehbuchwettbewerb in Bulgarien beworben. Der wurde auf Grund der Inkompatibilität fürs Ausland abgelehnt. Dabei handelt es sich um einen Text, der schon in 40 Länder gespielt wurde.
Wie erklären Sie sich das?
Auf der einen Seite liegt das an der Inadäquatheit und der Korruption der bulgarischen Kommissionen und auf der anderen an dem fehlenden Entdeckergeist. Sie haben kein Gefühl dafür, was aktuell ist. Sie kapseln sich ab und lassen niemanden von außen rein, damit es keine Konkurrenz gibt. Deshalb kannst du nichts vom Kino oder vom Theater erwarten. Zwei-drei gute Inszenierungen pro Jahr und das wars. Unser Theater wird immer provinzieller, wird immer mehr zu einem Bastard und damit ist es zur einer Missgeburt verurteilt.
Was stört Sie noch an uns?
Die Demokratie. Unsere Demokratie ist wie unser Kommunismus – sie funktioniert nicht. Es kann regieren wer will – es ändert sich nichts. Wenn das System marode ist, kannst du keinen „guten Zaren“ erwarten. Oder wie man es so schön formuliert: „Für eine schiefe Rakete findet sich kein gerader Kosmos“. Nur ein Genie kann uns helfen, wie Atatürk in der Türkei. Staatssysteme werden von Genies verändert. Jetzt stimuliert das System nur die Unmoralischen und Kriminogenen, von welchen die intelligenteren in der Politik und die dümmeren in der Mafia zu finden sind. Die politischen und überhaupt alle Klüngel bei uns bestehen aus ehemaligen Denunzianten der Staatssicherheit – alles moralisch nicht vollwertige Leute. Angefangen beim Präsidenten bis zum…
Bis zum?
Wer kann das sagen? Auch die Medien sind abhängig und manipulierbar. Und so verlieren wir unser Gefühl für die Realität. Wenn die Schweinebauern im Dorf neue Schweine kaufen, beschmieren sie erstmal sowohl die neuen als auch die alten Schweine mit Heizöl, damit sie alle gleich riechen und nicht in Konflikt geraten. Das gleiche ist mit den Menschen passiert. Wir sind alle besudelt und riechen schon gleich. Selbst die Ehrenhaften unter uns sind schon schmutzig und können gar nicht mehr feststellen, woher der Gestank eigentlich kommt. Alles stinkt nach bulgarischer Demokratie.
Wer hat uns alle besudelt?
Das lasterhafte System .
Gibt es einen Ausweg?
Der Ausweg ist einfach aber unmöglich. Man muss die Ursachen neutralisieren und nicht die Wirkung. Man braucht selbstregulierende gesetzliche Mechanismen.
Lass uns als Beispiel den Drogenhandel nehmen. Wenn es keinen Gewinn gäbe, würde man Drogen gar nicht anbieten. Gib den Abhängigen einen Gutschein für eine kostenfreie Dosis und du würdest das Angebot stoppen. Man macht dies aus Profitgier nicht. Deshalb wird sich in naher Zukunft nichts ändern.
Warum sind Sie so pessimistisch?
Weil nur die Nichtmachthabenden nach Ordnung und Gesetzmäßigkeit streben. Die Machthabenden haben ein ganz anderes Interesse. Wir wollen weniger beraubt werden und die wollen uns noch mehr aussaugen. Deshalb wollen alle an die Macht. Warum sollen wir dann erwarten, dass sie das System verbessern? Besudel alle und beraub je nach Rang.
Wo liegt, Ihrer Meinung nach, die Ursache für dieses schädliche System?
Der Grund ist komplex, so wie alles auf dieser Welt. Erstens, haben wir uns noch nicht als eine vollwertige Nation formiert. Wir sind erst seit 100 Jahren ein Staat. Und bislang wurden wir nur von Ausländern regiert: Battenberg, Ferdinand, Boris, Stalin, Brezhnev, Simeon II. Woher, denken Sie, kommt dieses ständige Geschrei nach ethnischer Intoleranz? Wen haben wir in den letzten 20 Jahren nicht toleriert? Wir sind alle gleich. Sogar die Minderheiten werden toleranter behandelt als wir, zumindest einige. Aber jetzt geht es um Geopolitik.
Da Sie die Geopolitik angesprochen haben…
Lass uns nicht über Geopolitik sprechen. Wir auf dem Balkan sind alles trübe Tassen. Byzanz war auch ein Balkanstaat, deshalb existiert er nicht mehr. Und wir alle, die überlebt haben, verbrüdern uns mit den Stärkeren aber nie untereinander. Guck mal, was im Parlament stattfindet und du wirst verstehen, warum wir unter türkischer Herrschaft geraten sind. Wir sind um keinen Kompromiss verlegen und uns für keine Koalition zu schade, wenn es um die Macht bzw. den persönlichen Gewinn geht. Obwohl es jetzt eigentlich, realistisch betrachtet, keine Macht gibt. Geschweige denn Demokratie. Demokratie ist die Diktatur des Gesetzes, bei uns ist es die Diktatur des Geldes. Das Geld hat keine Moral oder Nationalideale. Das ist der Unterschied von Demokratie und Demokratie…
Interview: Pepa Vitanova, Samstag, den 6. Dezember 2008
Aus dem Bulgarischen von Silvia Petrova