Am 4. Dezember 2009 wurde in Belgrad „Der General der toten Armee” präsentiert. Das Stuck basiert auf dem Roman von Ismail Kadare und wurde vom bosnisch-albanischen Regisseur Dino Mustafić inszeniert. Ich hatte ihn für das Albanische Theater in Skopje adaptiert. Dort hatte er im September 2009 Premiere. Die Aufführung in Belgrad (im Jugoslawischen Schauspieltheater, einem der wichtigsten Serbiens) wäre unter normalen Umstanden nicht der Rede wert. Aber angesichts der politischen Geografie stellt sie eines der wichtigsten kulturellen (vielleicht auch politischen) Ereignisse der letzten Jahre dar. Mit ihr hat sich das Albanische Theater von Skopje zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder nach Belgrad gewagt. Seit 20 Jahren ist in Belgrad kein einziges albanisches Stuck gespielt worden. Die Aufführung war also ein außergewöhnlicher Schritt zur Entspannung der albanisch-serbischen Beziehungen nach dem Krieg und den daraus resultierenden Konflikten, die noch immer andauern. Er war mutig und angemessen für das Theater auf dem Balkan, dessen Autorität man wegen „ideologischer Beschmutzung“ anzweifelte, auch weil das Stuck vom Krieg und den Gewalttaten der letzten Jahre inspiriert ist. Ein General und ein italienischer Priester kommen nach Albanien, um die Gebeine der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten des faschistischen Italiens aufzusammeln. Stolzgeschwellt ob ihrer Mission kommen sie an, kehren aber fassungslos und erschöpft von dem, was Kadare „den Schatten des Krieges“ nennt, zurück. Die Regie Mustafićs verschiebt die Zeit ein wenig, so dass ein Bezug auf die letzten Balkankriege sichtbar wird. Deshalb ist die Aufführung in Belgrad, das von vielen als das „Nest des Bösen“ angesehen wird, von so großer, nicht nur kultureller, sondern auch politischer Bedeutung. Sie konfrontiert die serbische Gesellschaft, aber auch die anderen Kulturgemeinschaften der Region mit einer Herausforderung: Der jungten Vergangenheit ins Gesicht zu schauen.
Aus dem Albanischen von Andrea Grill