Ich sehe einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen den berüchtigten Mohammed-Zeichnungen aus meinem Land und der europäischen Krise in der Behandlung des Politischen in der Kunst – auch im Theater.
Lassen Sie mich es kurz vertiefen: Die schrecklichen Mohammed-Zeichnungen decken den Selbstbetrug einer Reihe von Gesellschaften auf, die die Fähigkeit zum politischen Denken und Handeln einer heißblütigen, aber erfolglosen Debatte über kulturelle Freiheit UND kulturelle Identität opfern, – und der Skandal passt genau in die implizite und potentiell kriminelle Absprache zwischen Kunst und Staat seit dem 2. Weltkrieg: Die Überführung des Politischen und Staatlichen in den kulturellen Bereich, wo alle Leute verstehen und am Diskurs teilnehmen können, aber wo niemand Recht hat, weil emotionale und kulturelle Werte auf dem Spiel stehen und nicht politische, auf Vernunft basierte Handlungen und Ideen.
Das ist eine Strategie, die jede eigentliche Kritik z. B. an der dänischen Regierung auf Abstand hält, während die Debatte über das Recht auf freie Meinungsäußerung tobt, leider in einem Raum, in dem es nichts Politisches gibt und in dem die Regierung keine Verpflichtung hat.
Das Problem ist hier ja, dass die kulturelle Macht die zentrale Macht in der modernen westlichen Gesellschaft ist, hierzu zählen Kunst, Sport, ja Werte und kulturelle Identität. Aber eins ist sehr schwierig in diesem Machtgefüge zu diskutieren, und das ist das Politische, weil Kunst und Politik Gegensätze sind, Kinder des Religiösen bzw. des Philosophischen.
Hier kommen wir an den Kern der Sache: Der Grund dafür, dass die Sache mit den Mohammed-Zeichnungen unmöglich zu lösen ist und nur noch mehr Zerstörung vor sich hat, ist die Tatsache, dass die Zeichnungen eine politische Antwort auf eine (abgestumpfte) künstlerische Aussage fordern, und eine solche Antwort lässt sich nicht geben. Aber nochmal, wir haben uns daran gewöhnt, vergebens zu warten, denn wir haben uns daran gewöhnt, künstlerische Aussagen über etwas zu hören, was eigentlich eine politische Depression ist, und diese Antwort kommt auch nie. Das heißt, sie kommt unaufhörlich und ununterbrochen von Millionen europäischer Künstler, aber die Antwort hat nichts mit dem eigentlichen Leiden zu tun: Dass die westliche historische Entwicklung stehen geblieben ist und wie in einem Isolationsgefängnis die Zukunft der Gegenwart gleicht: die erste Ursache für Wahnsinn.
Die Sache mit diesen hässlichen und diffamierenden Zeichnungen zeigt mir, dass der moderne Künstler, hoch oder niedrig, vor einem unlösbaren Paradox steht. Er hat über das Politische gesiegt, aber seine Macht lähmt sein Tun. Er hat zwei Wahlmöglichkeiten: Er kann sich der Staatsmacht anschließen und Oden an die jeweilige Regierung verfassen. Er kann sich der Staatsmacht auf einer geheimen Lohnliste anschließen und eine hohle und künstliche Dissidentenkunst vorbringen.
Oder er kann die Augen zumachen und so tun, als sei alles wie immer: Der Staat und die Macht sind nach wie vor eine autonome Größe, in der eine kafkaeske Machtfülle herrscht. Die Bevölkerung hat keinen Einfluss, Kunst und Kultur sind ein Volkshochschulprojekt, das absehbar eine bessere und gesündere Demokratie schafft.
Aber nichts ist, wie es mal war. Alles hat sich geändert. Die handlungsgelähmte, auf Werte basierte Gesellschaft, vom modernen Künstler geboren, ist auf dem Weg in den Abgrund. Wie können wir nun unsere eigene destruktive politische Allmacht als Theaterkünstler abbauen?
Die Antwort ist kurz: Stellen wir das Ästhetische wieder her, wählen wir das Ethische ab. Kunst und Theater haben keine Verpflichtungen was Werte, Gesellschaft, Staat oder Religion betrifft. Theater hat nur eine Verpflichtung: Theater.
Aus dem Dänischen von Bitten J. Stuhlmann-Laeisz