Seit einigen Jahren, seit dem Fall der kommunistischen Diktatur, ist man auch in Albanien in Richtung modernes Theater unterwegs. Bis zu den 90er Jahren folgte man nur den erlaubten dramatischen Modellen, nennen wir sie „traditionell“, mit überwiegend geradlinigen Handlungssträngen, die dem Aristotelischen Ursache-Wirkung oder dem bekannten Schema „typische Figuren in typischen Verhältnissen“ folgten. Ab und zu gab es das eine oder andere modernisierende Element, wie zum Beispiel die Vermischung von Realem und Traumhaftem.
Außer an den üblichen Utopien, der kommunistischen Mythologie, der Verschönerung des Lebens und ihrem propagandistischen Charakter litt das „sozialrealistische“ Drama aber auch an einem großen Mangel an Fantasie; und gleichzeitig wurde die Realität ästhetisch bearbeitet. Historische Wahrheiten, und sogar die menschliche Natur, wurden verdreht, sodass sie den Schemata, den Klischees und der Zensur entsprachen. Trotzdem gab es Stücke, die aufgrund ihrer Struktur, den Figuren und dem dargestellten Konflikt Teil der guten albanischen Dramaturgietradition ausmachen (erinnern wir uns an: „Unsere Erde“ von Kolë Jakovë, „Das Haus am Boulevard“ von Fadil Paçramit, „Die Frau aus der Stadt“ von Ruzhdi Pulahës u.a.).
Ab den neunziger Jahren hat sich die Situation vollkommen verändert. Interessante Strukturen, paradoxe Konzepte, die die Regeln der alten Modelle brechen und neue schaffen, zeigen sich bei jungen Dramatikern wie Ferdinand Hysi, Stefan Çapaliku, Albri Brahusha, Ilir Bezhani, Gazmend Krasniqi u.a. .
Ausgehend von oft banalen Ereignissen und Zufälligkeiten des Lebens schaffen die besten unter ihnen es auf ganz natürliche Weise, diese Geschehnisse in einem anderen Licht erscheinen zu lassen, insbesondere die psycho-soziale Dimension; da schlägt sich das Leiden, die Verwirrung und das innere Chaos des albanischen Menschen nieder, in seiner Suche nach Identifikation unter den dramatischen Umständen der politischen und ökonomischen Transition.
Aus dem Albanischen von Andrea Grill