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Aufplustern und Abtauchen

Eine kleine Theatertierkunde.

Plustert sich gerne auf: Der Intendant. Hat zuletzt Henry IV inszeniert. Im Hintergrund der Oberspielleiter, inszeniert gerade Henry VI.

Das alte Ehepaar. Halten sich die Augen zu, weil sich gerade auf der Bühne wieder soviele nackte Männer mit Kartoffelbrei beschmieren.

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Die Scheinheiligkeitsstatue

Immer wieder sitzen Menschen auf Podien und diskutieren über die Festung Europa.

Wenn wir das zehnte Jubiläum der Biennale begehen, feiern wir dann auch automatisch Europa? Feiern wir die Reisefreiheit, den Euro, das Zusammenwachsen und den Frieden, wo sich noch vor 20 Jahren scheinbar unüberwindbare Fronten gegenüber standen? Soweit so gut? Dann aber auch das Europa, in dem Konzerne Arbeiterschaften gegeneinander ausspielen können, indem sie drohen, Fabriken zu verlegen? Das Europa, in dem wir uns aus dem Osten unterbezahlte Pflegekräfte für unsere Eltern kommen lassen können? Das Europa der Bürokratie und der Sexarbeit?

Aber immer nur Fragen zu stellen, ist keine produktive Herangehensweise. Die Festung Europa können wir nur von innen beschreiben; wir schotten uns in der Festung ab und kommen nicht heraus: weiterlesen »

Zehn von Zehn

Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale

Die Turnschuhe kleben nass an meinen Füßen. Mit einem Kuss hat meine Mutter mich aus dem Auto geworfen, mit ihrem “Du schaffst das schon” in den Ohren bin ich direkt in die große Pfütze vor der Sporthalle getreten. Ich schlage die Augen nieder, schweige, fixiere meine Zehenspitzen, verkrampfe sie, die triefendkalten Socken machen schmatzende Geräusche. In meinem rechten Augenwinkel verschränkt die neue Lehrerin ihre Arme vor der Brust und lehnt sich an die Fensterfront, nickt mir aufmunternd zu. Meine Finger krallen sich in der Jutetragetasche fest, verhaken sich, ich raschele mit dem Inhalt wie ein nervöser Löwenbändiger, gehe mit der Tragetasche herum und werfe Süßigkeiten in die aufgerissenen Mäuler, zwischen die gefletschten Zähne. “Hallo. Ich heiße Karl – und ich habe heute Geburtstag.” Mein zehnjähriges Jubiläum fällt auf den ersten Schultag in einer neuen Stadt. Alles neu und aufreibend. Mit zehn Jahren dominiert die Schüchternheit und Angst gegenüber den vielen neuen Fremden, ich reflektiere die neue Umgebung und meine eigene Veränderung höchstens unterbewusst. Es ist mir als Zehnjährigem noch nicht klar: Das hier ist jetzt ein neuer Abschnitt, den ich wage. Eine Woche später sollte es mit der neuen Klasse dann auch noch auf Klassenfahrt gehen – das war dann allerdings etwas zuviel des Neuen. Gefahren bin ich trotzdem.

hotblood.org

„Allegretto Albania“ verwandelt das brisante Thema Blutrache in ein komisch-absurdes Kammerstück.

Das Lob des Computers: die Moderatorin preist ihre Geschenke an. Foto: Lena Obst

Eine vierköpfige Familie ist in ihrem Haus gefangen. Bei verbarrikadierten Fenster und Türen halten die Söhne mit dem Fernglas Ausschau und polieren Schusswaffen, der Vater jammert, die Mutter brutzelt Kartoffeln. Der entfernte Verwandte Satedin hat einen jungen Mann umgebracht und dessen Clan sinnt jetzt auf Blutrache am Familienoberhaupt. Den einzigen Kontakt zur Außenwelt bilden eine tussige TV-Sprecherin und ein Lehrer, beide von einer Hilfsorganisation beschäftigt.

Autor Stefan Çapaliku und Regisseur Altin Basha vemeiden in „Allegretto Albania“ geschickt die Moralpredigt und finden stattdessen einen angenehm leichten und unterhaltsamen Zugriff auf dieses hochpolitische Thema. Die Inszenierungsideen dienen immer dem Text und bauen effektvoll eine Drohkulisse auf. weiterlesen »

Die Tage haben Farben

Ich weiß nicht, welcher Tag heute ist. Das verschwimmt alles, wenn man jeden Tag zeitloses Theater sieht. Ich stehe also im Zelt und habe nach zwei Vorstellungen hintereinander unglaublichen Hunger, verheißungsvoll leuchtet das Buffet vor mir auf. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Oh nein, heute ist der lindgrüne Tag! Ich wühle nervös in meinen Hosentaschen, hoffentlich habe ich sie dabei, bitte mach, dass ich sie nicht in der Redaktion oder im Hotel vergessen habe!, ah, da ist er: der lindgrüne Essenscoupon für heute!

Ansichten aus einem Kellerloch: Tackern Praktikanten hier um ihr Leben?

Dazu kommen noch zwei Getränkecoupons, alle liebevoll von Praktikantenhänden zusammengetackert. Während ich also noch dastehe und auf das Essen warte, rechne ich mir aus, wieviele Coupons es gibt, wieviele Tackernadeln, wieviele Stunden hier fleißige Praktikanten in irgendeinem Praktikantenraum getackert haben. Die durchschnittliche Verweildauer der Produktionen ist vier Tage, jede Produktion ungefähr 15 Theaterleute, es gibt 20 Produktionen (exklusive der Eigenbeiträge): macht 3.600. Ungefähr 20 Paten, ca. 10 Tage anwesend, 600. Praktikanten, Forumsteilnehmer, Organisatoren, 2.100. Insgesamt 6.300 Coupons, macht 2.100 Dreierpäckchen. Puh, da bluten ja die Finger. Während ich überlege, wieviele Sekunden ich für ein Dreierpäckchen veranschlagen kann, reicht mir der nette junge Mann hinter der Theke einen Teller. weiterlesen »

Die Walnuss-Revolution

Wie die rumänische Theatergruppe tangaProject in Bukarest öffentlichen Raum mit Kunst zurückerobert. Ein Porträt.

Sein Haus musste weg, für einen Parkplatz. Straßenagitation mit tangaProject. Foto: tangaProject

Bukarest, 6. Oktober 2006: In den Morgenstunden beherrscht den Stadtteilpark von Rahova eine raue Tristesse: aus der löchrigen Grasfläche ragen Baumstümpfe, kleine Müllhaufen sind die einzigen Farbtupfer vor der dreckiggrauen Kulisse der heruntergekommenen Großstadthäuser. Für eine Wahlkampfveranstaltung des Bürgermeisters wurden kürzlich alle Bäume im Park gefällt, die Hässlichkeit der leeren Fläche schreit den Betrachter an, die Bewohner des Stadtteils nutzen ihn kaum noch, Geld für die Parkpflege ist sowieso nicht da. Doch heute kommt Bewegung in den Park. Ein paar Menschen beginnen, den Müll aufzusammeln, später tragen sie Schaufeln und Setzlinge herbei und bepflanzen den Park selbst neu. Initiator dieser Aktion ist die freie Theatergruppe “tangaProject um Gründer Bogdan Georgescu, der kurzerhand in seine Heimatstadt Bistriţa in Transsilvanien gefahren ist und Setzlinge besorgt hat – ebenfalls Walnussbäume, die auch vorher im Park standen.

Die künstlerischen Werkzeuge sind so ziemlich alles, was wir in diesem Kampf haben“

Die Mitglieder von tangaProject verstehen sich als Künstler und soziale Aktivisten gleichermaßen. In Rahova, einem sehr armen Stadtteil der rumänischen Hauptstadt, beginnen sie 2006 ihr erstes Experiment “Die Offensive der Großzügigkeit”. weiterlesen »

Der Presseclub

Wenn Sie wissen wollen, wo wir newplays-Journalisten arbeiten: im Wiesbadener Presseclub. Hier entsteht auch gerade unsere erste “Printblog”-Ausgabe, die alle Mainzer und Wiesbadener morgen in den Händen halten können.

Der Flipchart liefert die Bildunterschrift zur Ahnengalerie. Foto: Karl W. Flender

Ich betrete den Presseclub und mir schlägt Rotary-Club-Feeling entgegen. Dunkle Holztische und mit grünem Leder bezogene Stühle, eine reichhaltige Bar, der goldene Kronleuchter. Ehrfürchtig betrachte ich die Ahnengalerie an den Wänden, unglaublich, wer schon in diesen heiligen Hallen weilte! Steinbrück, Wowi, Möllemann. Ich muss etwas über ein Portrait schmunzeln, zu dem wohl die örtliche BILD-Redakteurin die Bildunterschrift verfasst hat: “AIDS-Pfarrer Stefan Hippler besucht den Presseclub!”

Und wie sie alle gestikulieren! Entweder diese Trappatoni-Geste, bei der die vier Finger zum Daumen geführt werden, oder der ausgestreckte, der erhobene Zeigefinger. Oder die Mr. Spock Fingerartistik, bei der zwischen Mittel- und Ringfinger eine Lücke besteht, dann das rechtwinklig abgeknickte Handgelenk, oder die zur Decke geöffneten Hände, als würde das Gewicht zweier Weinflaschen miteinander verglichen. Bei uns in der Redaktionssitzung dagegen: Gestik-Lethargie. Wir müssen wohl noch auf die Weide.

Aus jedem zweiten Ahnenportrait spricht außerdem ein rotweinseliger Blick. Es werden mitunter absurde Diskussionsvorwände gefunden, um die Bar zu plündern (drei offene Weine), zum Beispiel: “Wie der Wein zum Fußball passt” oder “Wie sich der deutsche Wein in der Welt behaupten will”.

Am letzten Redaktionstag werde ich heimlich ein Foto austauschen. Dann blicke ich auf ewig bei einem Glas Rotwein von der Wand – wahrscheinlich wird dafür ein Bild von Kristina Köhler daran glauben müssen.

Großes Slapstickgefühl

“Angenehmschrecklich” von Yana Borrisowa kann sich nicht entscheiden zwischen luftiger Komödie und psychologischem Kammerspiel.

Gut aufgelegt: Die Brüder Philipp (Stefan Waldobrew) und Viktor (Weschen Weltschowski). Foto: Lena Obst

Die Ausgangssituation ist denkbar einfach. Zwei Männer und zwei Frauen um die dreißig, zwei Brüder und ihre jeweiligen Liebschaften, das eine Paar erfolgreich und schön, das andere idealistisch und verschroben. Viktor liebt Fanny, deren beste Freundin Sonja mit Viktors Bruder Philipp zusammen ist. Fanny besitzt einen Blumenladen, aber interessiert sich eigentlich nur noch für die Planung einer perfekten Gartenanlage. Dummerweise beschädigt Viktors Bruder Philipp das Modell dieser Anlage. Im Zuge der Wiedergutmachung kommen er und Fanny sich näher. Nach den typischen Irrungen und Wirrungen des wechselseitigen Ver- und Entliebens stehen am Ende alle alleine da. weiterlesen »

Mein Grußwort

Liebe Theaterfreundinnen und Theaterfreunde,

neulich stand ich auf einer Premierenparty bei einem Glas Sekt zufällig am Stehtisch neben Henry Miller und Roberto Ciulli. Meine Salzstangen waren mir gerade ausgegangen, und ich stellte mich möglichst unauffällig zu ihnen, griff nach dem Snackbehälter und lauschte andächtig: Auf keinen Fall wollte ich ihre Diskussion stören. Nein, eher war es ein Diskurs über zeitgeistige Themen: über Empfindungen, Identität und Kommunikation, diese großen Worte eben.

Ciulli strich sich aufgeregt durch das lange Haar, fuchtelte mit den Armen, und rief immer wieder, weiterlesen »

Drama jetzt!

Die rumänische Theaterszene befindet sich im Aufbruch. Junge Autoren, Regisseure, Schauspieler drängen auf die Bühne, wollen das Theater und das ganze Land gleich mit revolutionieren. Nach Jahrzehnten der Diktatur und Orientierungslosigkeit ist ein Neubeginn möglich.

Unter dem Regime von Nicolae Ceauşescu sind die Theatersäle in Rumänien jeden Abend ausverkauft: Das Theater trotzt dem Denk- und Redeverbot durch eine vieldeutige Sprache und Metaphorik, das Publikum ist geübt, zwischen den Zeilen Systemkritik zu erkennen. Dann, nach dem Sturz des Diktatoren im Winter 1989, ist das rumänische Theater paralysiert. Die Komplizenschaft zwischen Publikum und Künstlern gegen das Regime ist aufgehoben, die Säle bleiben leer. Das Theater reagiert jedoch nur sehr langsam, zu eingefahren ist es in seiner schier hermeneutischen Inszenierungspraxis. Die Theater lassen die Chance einer Erneuerung durch zeitgemäße Theater- und Ausdrucksformen aus und verpassen, auch in Abgrenzung und Konkurrenz zum Fernsehen, den Kampf um das Publikum. weiterlesen »