All articles by this author

Vater Unser

Łukasz Witt-Michałowski inszeniert im Wiesbadener Malersaal “Der letzte Vater seiner Art“. Inspiriert ist Artur Pałygas Stück von Kafkas “Brief an den Vater”.

Ein Sohn und seine Väter. Fotos: Lena Obst

Es sind die Erinnerungen eines Sohnes an seinen allmächtigen Vater, der ihm den Mund verbietet, ihn demütigt und zum Schlafen auf den Balkon schickt; an einen grausamen Vater, der das Kleinkind füttert und dabei Horror-Hasen-Geschichten erzählt; an einen angstbringenden Vater, der selbst ausgemergelt im Totenbett noch die Aura eines unumstrittenen Familienoberhaupts ausstrahlt. In Artur Pałygas „Der letzte Vater seiner Art“ wird das Bild eines Vaters rekonstruiert, das scheinbar nicht wirklich sympathisch war, im Stück aber dennoch als besseres Vaterbild verhandelt wird.

Franjo wächst in ärmlichen Verhältnissen in einer kleinen Garnisonstadt im Grenzgebiet Polens auf. Drill, Hierarchie und Exzesse des Militärs werden vom Vater im Privatbereich fortgesetzt. Im Wiesbadener Malersaal ist diese karge Welt von der freien Lubliner Gruppe Scena InVitro ungewöhnlich phantasievoll in Szene gesetzt (Regie und Ausstattung: Łukasz Witt-Michałowski). Vier an Kirchenbänke erinnernde Zuschauerpodeste werden zwischen den einzelnen Episoden auf Rollen immer wieder auseinandergeschoben und neu platziert. Begleitet von Trompeten- und Trommelmusik entstehen so Formationen, die ständig neue Perspektiven auf das Bühnengeschehen ermöglichen.

Das Zentrum ist eine Lichtprojektion auf einer Seite des Werkstattraumes, die mal Schimmelfleck in der Wohnung der Familie, mal Kirchenkreuz ist. weiterlesen »

Eigenheim

Wollen Sie sich vom Festivalstress erholen und dabei noch etwas sehen? Zehn Minuten Busfahrt nördlich vom Staatstheater liegt der Wiesbadener Stadtteil Eigenheim. In ruhiger Atmosphäre lassen sich hier ganz andere Formen der Inszenierung betrachten. Einer unserer Ausflugstipps.

Versteckte Villen: Wiesbaden-Eigenheim. Foto: Lea Gerschwitz

Mit dem Bus zum “Eigenheim”. So heißt die Endstation der Linie 8. Bitte alle aussteigen. Wer hier, im so nüchtern klingenden Stadtteil im Wiesbadener Nord-Osten ein Haus sein eigen nennen kann, hat es wohl geschafft. Jedes Haus ist eine Anlage: Gründerzeitvillen mit Stuck und halbrunden Erkern stehen neben großzügigen Fachwerkhäusern, Backsteinbauten mit unendlichen Doppelfensterreihen und schlossähnlichen Türmchen. Wie sich in diesem Wohngebiet Architekten in großen Formaten ausgetobt haben, ist selbst für Wiesbadener Verhältnisse beeindruckend. Schlichtere Mehrfamilienhäuser tauchen zwar auch vereinzelt auf, wollen aber nicht so recht nach WI-Eigenheim passen. Wer ein paar Straßen entlangläuft, bemerkt, wie die Vorgärten immer parkähnlicher werden, wie die Gebäude immer weiter von den Gehwegen wegrücken, bis schließlich nur noch verschnörkelte Eisentore und entfernt Terrassen und Ziergiebel zu erkennen sind. Privatsphäre und Sicherheit sind garantiert. Die Szenerie verändert sich schlagartig, als ein grau-brauner Baukoloss in Sichtweite kommt. Umringt von Stacheldrahtzaun und Kameras sieht er aus wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Hier sitzt das Bundeskriminalamt, sicherer geht es nicht. Aber schöner? Dann doch lieber zurück ins Eigenheim.

Drei Gesellschaftskommentare

Wie kommen politische Themen in Theatertexte? Der isländische Regisseur Jón Páll Eyjólfsson, die türkische Schauspielerin und Autorin Ceren Ercan und der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri sprachen über die Entstehung ihrer Stücke. Während es in „Liebe Isländer“ um die Verarbeitung der Finanzkrise geht und sich die drei Frauen von „Hässliches Menschlein“ in einer Gesellschaft behaupten müssen, die sie ausstößt, versuchen die Figuren in „Wir sind hundert“, die Welt zu verändern. Ausgewählte Statements der Podiumsdiskussion „Wirkungsmöglichkeiten politischer Themen auf dem Theater“. weiterlesen »

Who Am I and If So Why?

Three files of "me". Scene from "We Who Are Hundred". Photo: Martin Kaufhold

They are standing on the edge of the abyss, each of them with different strengths and weaknesses, and yet they are one and the same person, the facets of humanity. They bicker and fight against each other, share laughs and memories and long to commit suicide together. However, the three women will never again feel as united as they do at the beginning of the play, as they face the end of their lives: “We can’t do it.” Disheartened, the women discard their knives, pistols, Kalashnikovs and explosives and are left to look at each other helplessly after yet another failed suicide attempt. Are we too cowardly or do we just need more time? Do we regret everything we’ve done in our lives or do we wish we could go back? A fresh start is the answer. One last chance.

“Who Am I, and If So, How Many?” This title of the best-selling book by popular scholar Richard David Precht is sure to pop into a few audience members’ heads in the course of this evening of theatre. Yet even those who do not have this association will ultimately be confronted with questions: What is my identity? weiterlesen »

Hessisches Menschlein

Warum eigentlisch immer uff Hochdeutsch? Mer sann doch in Wiesbaden: die Hesse komme!

Guuude! Ei so Leut scheints wärklisch überall zu gebe. Statt dass die sich aafach mo an die eigene Nas fase, komme die als in Wallung über des, was die anner Leut mache. In de Türkei sieht des dann so aus: De eine rescht sich über die Kopptücher uff, die anner fühlt sisch wegge denne Kurden zum Hahnebambel gemacht und widder ne anner hat Angschd, dass se sisch bei ner Lesbe anstegge könnt. Knodderbiggs sann des alle!

Die aus Istanbul, wo des “Hässliche Menschlein” geschribb hann, hann da wärklisch e guude Mischung zusammegestellt. Unn uff de Studiobühne kommt’s a gut rübber, des muss mer mo sa. Des sann jo ernschte Themen…dafür wird e bissche viel gekischert. Aber warum dann eigentlich net? De Humor bewirkt vielleicht die eine oder annere Einsicht. Also, liebe Leutsche, do muss mer sich mo in so ne Situation reiversetze unn überleh, wo mer selbst wie e Auswerrdischer behandelt werd. Wenn des des Stück schafft: schee wär’s!

Mehr Hessisch Babbele im Indernedd: do lang!

Fatalistischer Alleskönner

Der Finne Kristian Smeds schreibt, inszeniert und filmt, und das in aller Seelenruhe.

Kristian Smeds macht nichts im Eilverfahren. Allein für sein Stück “Gott ist Schönheit” hat er vier Monate mit seinen Schauspielern geprobt, damals für die Uraufführung vor zehn Jahren in Helsinki. Nachdem die Produktion im Premierenjahr dreißig Mal aufgeführt wurde, ist sie heute nur noch selten zu sehen. Einzigartig soll sie bleiben, denn Smeds liegt jede einzelne Aufführung am Herzen. Bevor der gut dreieinhalbstündige Theaterabend beginnt, der nur einmal bei der diesjährigen Biennale zu sehen war, gibt der Regisseur und Autor selbst eine kurze Einführung.

Nimmt sich Zeit für seine Schauspieler und Musiker: Kristian Smeds. Foto: Eeva Bergroth

“Ein paar einleitende Worte tun dem Verhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum gut”, erklärt Smeds. Lässig sitzt er nach Vorstellungsende im Foyer des Kleinen Hauses in Wiesbaden. Seine kräftige Statur und der Bart passen zu dieser sympathischen Coolness. Als Junge habe er den Roman von Paavo Rintala gelesen, auf dem Stücktext und -titel basieren, und sich sofort in den Stoff verliebt. Seitdem reifte seine Idee einer Dramatisierung. Smeds nimmt sich für das Schreiben ebenso wie für Publikum und Probenprozess ausreichend Zeit. Es sei ihm wichtig, dass alle Beteiligten in Ruhe arbeiten können. Smeds arbeitet antizyklisch und setzt auf Langfristigkeit: “Unser Ziel ist es, das Stück so lange am Leben zu halten, wie wir leben”, erklärt er. Und das meint er keinesfalls ironisch. weiterlesen »

Afrikanische Spielzeit

Jogi Löws Gazellenensemble spielt in der Wiesbadener Goldgasse: eine Fußballkritik.

In ihren schwarzen Kostümen und im Kontrast zu den gegnerischen Akteuren in den blendendweißen Leibchen wirken die Akteure wie eine moderne Version von Shakespeares Capulets und Montagues. Die Gang-Performance ist alles andere als statisch. Der Auftritt des staatlichen Tourneetheaters Deutschland auf der größten Freiluftbühne Afrikas erfordert Nerven wie Drahtseile. Es ist eine doppelte Premiere: Regisseur Jogi Löw debütiert mit seinem staksigen Gazellenensemble bei den Weltfestspielen und die wiederum finden zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent statt. Deutschland gegen Ghana im „Theatre-Slam“. Sein oder Nicht-Sein. Es gibt keinen Stücktext, keine Handlung, wer improvisierend überzeugt, gewinnt das Performance-Battle. weiterlesen »

Übersetzer-Werkstatt

Ein Glossar

Anwälte: Übersetzer verstehen sich als Anwälte der Originalautoren, als kreative Zweitautoren und als Vermittler zwischen Text und Inszenierung.

Autoren: Sprechen mit den Übersetzern über ihre Texte. Nicht immer die besten Auskunftgeber über ihre Texte, da vieles intuitiv entstanden ist.

Diskussionsstoff: Textstellen, über die die Übersetzer ewig diskutieren, werden oft bei der Inszenierungsarbeit gar nicht bemerkt. Für Übersetzer unauffällige Sätze bewirken Regieeinfälle.

Endgültigkeit: Übersetzen ist ein Prozess, bei dem kein Anspruch auf Endgültigkeit erhoben wird. Das Ziel ist der bestmöglichste Text.

Fragen, richtige: Ein guter Übersetzer stellt viele richtige Fragen. weiterlesen »

Abseits von Klischees

Bei “Türkiye-Almanya 0:0″ in der Wartburg Wiesbaden ist nur das Fußballergebnis eindeutig.

Verstehen sich nicht so richtig: Aysun Yontar-Vogel, Ivan Anderson, Franziska Werner (v. l. n. r.). Foto: Martin Kaufhold

Auch wenn die Türkei bei der Fußballweltmeisterschaft fehlt, muss noch lange nicht auf das deutsch-türkischen Mit- und Gegeneinanders verzichtet werden. Schließlich ist da ja noch das Theater und Yesim Özsoy Gülans  ”Türkiye – Almanya 0:0“. Das weckt zwar Sportassoziationen, hat aber auch Auseinandersetzungen ganz anderer Art und abseits von den üblichen Klischees zu bieten.

Aus vermeintlichen Stereotypen werden hier ungeahnte, vielschichtige Figuren: die türkische Banu etwa, die sich beim Frauenarzt für die bevorstehende Hochzeit wieder zur Jungfrau machen lassen will, aber gleichzeitig ständig gegen ihre traditionell-denkende Mutter rebelliert. Oder die super tolerante Feministin, die im Wartezimmer mit Banu über deren “Kultur” und eben solche medizinischen Eingriffe diskutiert und sich schließlich als engstirnige Besserwisserin entpuppt. Oder Herr Müller, Chef einer Autofabrik, der mit den türkischen Gastarbeitern besonders streng umgeht, obwohl er selbst Türke ist.

Es sind keine Schwarz-Weiß-Situationen. So sitzt Banu nicht nur zwischen verschiedenen Identitätsangeboten, sondern zwischen den Stühlen und das ganz wortwörtlich: Regisseurin Yeşim Özsoy Gülan lässt die Schauspielerinnen das fortwährende Stühlerücken zu einer Choreografie aufbauen, die auf komödiantische Weise bildlich macht, wie die Frauen zueinander stehen. Das funktioniert wunderbar, obwohl einigen Teilen des Szenen-Potpourris weniger Ulk gut getan hätte. Strukturiert wird das Ganze von kurzen Fußballzwischenspielen auf dem grünen Kunstrasen. Da ist das Ergebnis dann ganz eindeutig: Unentschieden.

Wer bin ich und wenn ja, warum?

Das Stadttheater Göteborg bringt mit “Wir sind Hundert” gleich drei Versionen einer Frau auf die Bühne des Staatstheaters Mainz.

Ich-Stapelung: Frida Röhl, Anna Bjelkerud, Nina Jeppsson in "Wir sind Hundert", v.l.n.r. Foto: Martin Kaufhold

Sie stehen am Abgrund, sind sehr unterschiedlich in ihren Stärken und Schwächen, und doch sind sie eine Person, die Facetten eines Menschen. Sie streiten und kämpfen gegeneinander, lachen und erinnern gemeinsam, wollen sich zusammen umbringen. So einig wie zu Beginn des Stücks, wenn sie am Abgrund ihres Lebens stehen, werden die drei Frauen allerdings nie wieder sein: “Wir machen es nicht.” Die Frauen lassen Messer, Pistole, Kalaschnikow und Sprenggürtel enttäuscht fallen und sehen sich aufgrund des erneut gescheiterten Selbstmords ratlos an. Sind wir zu feige oder brauchen wir mehr Zeit? Bereuen wir alles, was wir unserem Leben gemacht haben oder sehnen wir uns zurück? Die Antwort ist ein Neuanfang. Eine letzte Chance. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Im einen oder anderen Zuschauerkopf ist im Laufe dieses Theaterabends sicher der Titel des populärwissenschaftlichen Bestsellerbuches von Philosoph Richard David Precht aufgetaucht. Und wenn nicht in Form dieser Assoziation, dann drängten sich die Fragen ganz unmittelbar auf: Welche Identität besitze ich? Sind es gar mehrere und welche wäre dann die stärkste? Welches Leben führe oder eher glaube ich zu führen? weiterlesen »