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The unruly Lithuanian theatre of 2011

Between exclusive entertainment and scandal.

At the end of the Soviet reign, Lithuanian theatre had become a powerful force that blew up our squalid society and the system we lived in from the inside. Twenty years ago, this system collapsed, society liberated itself. From then on, the theatre had an increasingly “exclusive”, entertaining function. weiterlesen »

Das widerspenstige litauische Theater 2011

Zwischen „elitärem“ Unterhaltungstheater und Skandal

Am Ende der Sowjetzeit war das litauische Theater zu einer mächtigen Kraft geworden, die unsere verkommene Gesellschaft und das System, in dem wir lebten, von Innen gesprengt hat. Vor zwanzig Jahren brach dieses System zusammen, die Gesellschaft hat sich befreit, und das Theater hatte seither eine zunehmend „elitäre“, unterhaltende Funktion inne. Die Zuschauer sind auch weiterhin ins Theater gegangen, sie haben sich an den stärksten Arbeiten unserer Regisseure und ihrer hohen Wertschätzung im Ausland erfreut. Aber das Theater hat keine wirklich ernstzunehmende Rolle mehr im Leben unseres Landes und unserer Gesellschaft gespielt. weiterlesen »

Pasišiaušęs Lietuvos teatras 2011

Sovietmečio pabaigoje Lietuvos teatras buvo tapęs galinga jėga, sprogdinančia iš vidaus pūvančią mūsų visuomenę ir sistemą, kurioje gyvenome. Prieš dvidešimt metų sistema griuvo, visuomenė išsilaisvino ir teatras įgavo labiau „elitiškai“ pramoginę funkciją. Žiūrovas nenustojo į jį vaikščioti, buvo džiaugiamasi stipriausių mūsų režisierių darbais ir jų aukščiausiu įvertinimu užsienyje, bet rimto vaidmens šalies ir jos visuomenės gyvenime teatras nebevaidino. weiterlesen »

I know your stereotypes, because I have them, too.

When you write prose, you can ignore your readers. But ignoring the audience in a theatre would be unimaginable; you can only manipulate them. That is why the style of my plays is made up of the following components: me, plus the Lithuanian theatrical tradition, plus my Lithuanian audience. Theatre shapes the audience, and then that same audience shapes me. That is where I come in and attempt to influence both. Thus, the contemporary author creates his art in the heads of his contemporary readers (audience members). “I know that you know that I know,” says the author to his readers. I know your stereotypes, because I have them, too. Once this mutual awareness has been established, it is easy to communicate the feeling “I am you.”

Translated into English by Lynnette Polcyn

Ich bin Du

Der zeitgenossische Künstler versteht, dass er zu einem Menschen spricht, der eine riesige Menge an Informationen im Kopf hat. Es gibt keinen „reinen“ Schriftsteller mehr, weil es keinen „reinen“ Leser mehr gibt. Es ist kaum vorstellbar, dass Dein Leser zusammen mit dem Schulwissen nicht zugleich auch alle gängigen Klischees übernommen, nicht ein einziges Mal fern gesehen und keine einzige Zeitung gelesen hat und trotzdem noch intellektuell ist. Ihr seid beide langst der Banalität erlegen, das sollte man nicht verhehlen, sondern besser aus dieser Banalität eine Tugend machen. Wenn man Prosa schreibt, kann man die Leser ignorieren. Aber die Zuschauer im Theater zu ignorieren, ist unvorstellbar; man kann sie nur manipulieren.

Aus diesem Grund setzt sich der Stil meiner Stucke aus diesen Komponenten zusammen: Ich, plus die litauische Theatertradition, plus das litauische Publikum. Das Theater prägt das Publikum und dann prägt dasselbe Publikum mich. Dann komme ich und versuche, beide zu beeinflussen. Also erschafft ein zeitgenossischer Schriftsteller seine Kunst im Kopf des zeitgenossischen Lesers (Zuschauers). „Ich weis, dass Du weist, dass ich weis“, sagt der Schriftsteller zu seinem Leser. Ich kenne Deine Stereotypen, weil es auch meine sind. Wenn diese Mitwisserschaft einmal hergestellt ist, ist auch das Gefühl „ich bin du“ vermittelt. Wenn dies erreicht ist, kann der Autor weiter in das Bewusstsein des Lesers eindringen wie ein Computervirus und seine Stereotypen, seine Weltanschauung und sein Schönheitsideal zerstören. Das auf diese Weise eingedrungene Virus schlagt auch zuvor in das Bewusstsein eingedrungene Viren, es schlagt die Autoren der Schulbucher und Klassiker und weis, dass es selbst später von den Jüngeren geschlagen werden wird. Denn die Kunst hat neben der ästhetischen noch eine weitere Funktion: Die Rekonstruktion von Werten. Sie frischt sie auf und verleiht alten, abgedroschenen Wahrheiten eine neue Gestalt.

Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig