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Der Mensch im Ohr

Simultansprecher sind seit jeher fester Bestandteil der Theaterbiennale. Ein Hintergrundbericht.

Hinter Glas: Synchron-Dolmetscherin in der Kabine. Foto: Lena Rittmeyer

Gewöhnungsbedürftig sind sie schon, diese kleinen Empfängergeräte, dessen Kopfhörer sich jeder Zuschauer vor Stückbeginn ans Ohr klemmt. Aber sie gehören ebenso zum Charme des Festivals wie Festzelt, Länderpaten und babylonische Sprachverwirrung. Wer noch nie fremdsprachige Gastspiele erlebt hat, ist zunächst irritiert, wie ihm da gerade parallel zum Live-Geschehen deutsche Sprache eingeflüstert wird, bald allerdings setzt dann doch ein Gefühl der Dankbarkeit ein. Man will ja authentisches Schauspiel sehen, hören und fühlen, gleichzeitig aber verstehen, was passiert.

Ereignis Originaltext

“Und es soll sich auch die literarische Qualität vermitteln”, ergänzt Maya Schöffel, die für die Übersetzer-Organisation verantwortliche Dramaturgin von NEUE STÜCKE AUS EUROPA. “Wir sind ja ein Festival der Autoren, deshalb soll dem Stücktext das Maximum an Qualität geboten werden.” weiterlesen »

Existenzielle Pinguineier

Lässt sich über Theater streiten? Zwei Kritiker probieren es. Das Versuchsobjekt: Cezaris Graužinis Stück “Alles oder nichts”.

Finstere Hampelei: Vilma Raubaitė, Brigita Arsobaitė und Paulius Čižinauskas in "Alles oder nichts". Foto: Martin Kaufhold

Wladimir: Beeindruckend, dieser Cezaris Graužinis: Vier schlichte Hocker, vier Menschen, ein bisschen Licht und Musik – mehr braucht er für sein Sinnspiel nicht.

Estragon: Sinnspiel oder Singspiel?

Wladimir: Naja, irgendwie beides: Die vier Schauspieler erfreuen sich ja ganz offensichtlich am Klang ihrer Stimme, sei es nun rufend oder tatsächlich singend, dazu wird gehüpft, gerannt und getanzt. Aber ich meinte tatsächlich Sinnspiel.

Estragon: Hm. Anfangs dachte ich ja, einer Therapiesitzung beizuwohnen, zu der der Gruppenleiter nicht aufgetaucht ist. Aber dann ist die Handlung zerspargelt: Pinguineier werden gebrütet, Leichen gejagt, ein bisschen eine beliebige Schauspielübung.

Wladimir: Oder höchst bedeutsam, metaphysisch fast schon. Graužinis inszeniert da eine Meditation über die sprichwörtlichen letzten Dinge.

Estragon: Oho, Herr Kollege, also ein Streitgespräch! Inspirierte Morgengymnastik oder Beckett? Alles oder nichts? weiterlesen »

Kupferbergterrasse

Während der Biennale geben wir Ihnen täglich touristische Tipps. Heute ein Blick von oben.

Der Heilige Martin hoch zu Ross überblickt Mainz bei Sonnenuntergang. Foto: Martin Thomas Pesl

Mainz steht Kopf. Wegen der Biennale, klar. Aber auch sonst. Ich fahre abends, vor und nach dem Theaterbesuch, mit dem Aufzug zur Kupferbergterrasse hinauf – laut Beschilderung im Lift vom fünften in den ersten Stock! Oben dann schiere Weite. Die Magie der Aussichtsplattform, die alles verlässlich mit einem Stillstand der Zeit belegt. Hinter mir der nullte Stock, schicke Häuser im Kolonialstil. Vor mir: Mainz mit 3 Hochhäusern, einer hochgehissten Deutschlandflagge, etwa 19 Kirchtürmen und darunter einer scheinbar geometrisch exakt geplanten Meeresoberfläche bei Windstärke null, bestehend aus Flachdächern. Neben mir genießt ein zweiter Martin, der heilige, mit sanfter Gleichmut auf seinem wesentlich enthusiastischeren Gaul die Panoramasicht: Dem glaube ich sofort, dass er bereit ist, seinen Mantel für dich zu zerschneiden. Sonst: zwei brave Kinder, die Einrad fahren üben; ein junger Surfer oben ohne auf der Terrasse gegenüber, wohl von der Freundin, oder eher der Mutter , oder noch eher den Schwiegereltern zum Rauchen vor die Tür geschickt; ein alter Türke, der mühsam den Kästrich plus 83 Stufen erklommen hat, um in Ruhe auf der Parkbank einen Roman lesen zu können. Ein anderer Mann im nullten Stock hinter mir schaut einfach zwischen zwei Säulen hervor. Aber auch schon seit einer halben Stunde. Vögel suchen die drohende Nacht durch beharrliches Zwitschern zu verdrängen. Und das alles im Ablauf von zwei Stunden. Der Schwiegersohn am Balkon hat sich ein T-Shirt angezogen, es ist ja doch schon kühler. Hier stehend freilich fühlt man sich sicher, dass einen die Nacht niemals einholen wird. Der Sonnenuntergang als eingefrorener Dauerszustand. Bis es dann halt irgendwann doch dunkel ist.

Mehr Besichtigungen? Hier lang.

Wie authentisch ist der Autor?

Ein voll authentischer Live-Blog zur Podiumsdiskussion im Festivalzelt mit dem Theaterkritiker Dirk Pilz und den Autoren Nis-Momme Stockmann, Tankred Dorst, Fabrice Murgia und Biljana Srbljanović. Wir sind dabei und berichten live: Wer von ihnen ist am echtesten? Und wer kann das Wort “Authentizität” fehlerlos aussprechen? weiterlesen »

Sei kein Frosch

Die Biographie einer Künstlerin in märchenhaft-grotesken Szenen: Die Biennale 2010 startet mit einem Milena Marković-Gastspiel aus Serbien im Malersaal des Staatstheaters Wiesbaden.

Eine kleine Zärtlichkeit von oben: Jasna Đuričić in "Das Puppenschiff" von Milena Marković. Foto: Lena Obst

Märchen sind Horrorgeschichten zum Lächeln. Sie erzählen Kindern, ohne dass sie es merken, von Grausamkeiten, die ihnen noch bevorstehen. Milena Marković, begehrte serbische Jungdramatikerin, nutzt in ihrem Stück “Brod za lutke” (“Das Puppenschiff”) die Reise durch den düsteren Märchenwald als roten Faden: Im Personenregister stoßen wir auf Alice im Wunderland, Schneewittchen, Hänsel und Gretel. Die Inhalte der einzelnen Szenen hingegen offenbaren eher eine brutal moderne Entschlüsselung der von Grimm und Co. symbolisch verklärten Wirklichkeiten: Voyeurismus, Kinderwunsch und -hass, Liebe, Gewalt und die Unbarmherzigkeit von Schwiegereltern sind die Themen, die hier in kaum nachvollziehbarer Abfolge verhandelt werden. Das Ganze ist durchsetzt von knappen Liedtexten, die allerdings kaum über das Fehlen jener Befriedigung hinwegtrösten, auf die wir uns bei den Märchen, wie wir sie kennen, ansonsten verlassen können.

Die Biennale zeigt nun als Eröffnungspremiere eine der neuesten Umsetzungen des 2006 uraufgeführten Stücks. Ana Tomovićs Inszenierung vom Serbischen Nationaltheater Novi Sad stammt aus dem Jahr 2008. Im Umgang mit Markovićs mysteriösen Texten, so die Regisseurin, sei die “Neigung, alles rational zu betrachten”, tödlich. Sie habe es daher gar nicht versucht, sondern entschieden, “das Rätsel an die Zuschauer weiterzugeben”. weiterlesen »

Eins von Zehn

Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale

Ein Kind, das sich schon früh für Buchstaben und Zahlen interessiert, ein Kind, das kein autistisches Kind ist, aber beinahe mit einem zu verwechseln wäre, dieses Kind wird zehn. Der erste runde Geburtstag fällt in eine Zeit, in der noch jeder Geburtstag etwas ganz Besonderes ist. Dennoch: die Zehn – welch attraktive Rundung, welch wohltuende Vollendung! Geburtstag im September, erstmals im Gymnasium, fremde Menschen, seltsame Kinder. Ganz egal: das Kind und die Zehn, vereint in trautem Perfektionismus, gefeiert, jubilierend, zufrieden, Torten verschlingend. Zu jung für den gebührenden Rückblick schleckt sich dieses seltsame Kind alle zehn Schokofinger ab, steht allein und grinst – und hat ja gar keine Ahnung. Nicht die geringste Ahnung, wie leicht ihm diese erste Dekade gefallen ist. Keinen Schimmer, was für ein unmögliches Kind es ist. Nicht einen Gedanken daran, was da alles noch kommt. Die Zehn – mein Jubiläum Nummer eins, schmählich in der Schokocreme versenkt. Liebe Biennale, mit zehn schon so erwachsen: Mach nicht den gleichen Fehler – steh nicht alleine da, lass es ordentlich krachen!

“Wir müssen alle kriegen!”

Viele gute Dinge kommen aus Reykjavík!” heißt ein Stück, das zeitgleich mit dem Start der Theaterbiennale auf einer kleinen Wiener Bühne zu sehen sein wird. Der Titel mag ironisch gemeint und Island mit Finanzkrise und böser Aschewolke in letzter Zeit eher in Verruf geraten sein. Künstlerisch jedenfalls ist man dort mit Erfolg bemüht, uns viele gute Dinge zu schicken: wie etwa die Mindgroup, die mit “Liebe Isländer” in Wiesbaden gastiert. Island hat 318.000 Einwohner, eine Oper, drei Sprechtheater, viele freie Gruppen – und seit 2005 ein Universitätsinstitut für Theater, das die Szene mit neuen Menschen, aber auch neuen Formen besetzt. Wir sprachen mit Magnus Þór Þorbergsson, 39, Lehrgangsleiter für “Theorie und Praxis” an der Listaháskóli Íslands, einer von Europas jüngsten und modernsten Theaterakademien. weiterlesen »