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„Das Theater ist irgendwie auch eine Hure“

Tankred Dorst und Ursula Ehler im Gespräch über Brecht, das Internet und die Theaterkritik

Ursula Ehler und Tankred Dorst bei der diesjährigen Festivaleröffnung (Foto: Lena Obst).

Sind Sie zufrieden mit dem Festivalverlauf?
Tankret Dorst:
Ja, ich bin bisher sehr zufrieden. Die Produktionen sind unterschiedlich, und das war auch unsere Absicht. Der Ansatz ist nicht, in all diese Länder zu fahren und zu sagen, das Theater soll so und so sein, sondern wir gehen hin und wissen nicht, wie das Theater sein soll. Wir gehen hin und sehen, dass es in verschiedenen Ländern verschieden ist. Und Verschiedenheit ist ja eine Tugend.
Ursula Ehler: In der Kunst schon.

War der neue Europabegriff, mit dem man seit den 1990er Jahren zu tun hat, ein Grund das Festival zu initiieren?
Dorst:
Ein Grund war es nicht.
Ehler: Aber dadurch hat das Festival andere Voraussetzungen und Impulse bekommen.
Dorst: Wir sind erst mal aus Neugier gereist.
Ehler: Als wir angefangen haben, wussten die interessierten Leute, was in Westeuropa passiert, in Avignon, Holland, Italien oder Spanien. Aber wir wussten überhaupt nichts von der anderen, weiterlesen »

„Was glotzt ihr so“

In Oliver Frljićs „Verdammt sei der Verräter seiner Heimat“ prallen Publikumsbeschimpfung, politisches Theater und Nachdenken über das Medium aufeinander

Neun Personen stehen in einer Reihe. Ein Mann tritt heraus, zieht eine Waffe und erschießt die restlichen acht, einer Hinrichtung gleich. „Was glotzt ihr so?“, schreit er in den Zuschauerraum, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtet. In Oliver Frljićs „Verdammt sei der Verräter seiner Heimat“ wird so oft gestorben, dass der Tod zu einem absurden Vorgang wird. Dabei fängt der Abend ruhig an: die Schauspieler liegen auf der Bühne, jeder ein Instrument in Griffweite. Eine schwere osteuropäische Volksweise weiterlesen »

„Ich bin noch so dazwischen“

Ein Gespräch mit Jens Harzer, dem Ich-Erzähler in Peter Handkes „Immer noch Sturm“

Harzer zurück in Wiesbaden (Foto: Ste Murray).

Sie sind gebürtiger Wiesbadener. Hat ihre Theaterlaufbahn hier begonnen?

Ich habe hier in Wiesbaden sehr viele Aufführungen gesehen. Bei den Maifestspielen habe ich als Vierzehn-, Fünfzehnjähriger Aufführungen von den Kammerspielen München oder dem Deutschen Theater Berlin gesehen. Das sind bleibende Erlebnisse. Und mit sechzehn, siebzehn, war ich Statist am Theater hier. Das ist jetzt schon so lange her, eine schöne Erinnerung, aber nichts Besonderes. weiterlesen »

Mehr Bier als Konzept

Zwei Festivalteilnehmer und zwei junge Kritiker versuchen dem Theater zu entkommen

Wie entkommt man einer normalen Interviewsituation? Schafft man es, auf einem Theaterfestival nicht nur über Theater zu reden? Entwickeln sich die Gespräche anders, wenn man die sichere Umgebung des Festivals gegen eine Wiesbadener Kneipe tauscht? Und kommt man sich am Ende näher? Für unser Experiment suchen wir willkürlich zwei Leute aus: John Hunter, künstlerischer Assistent der britischen Performancegruppe Blast Theory und die rumänische Patin Gianina Cãrbunariu. weiterlesen »

Spielen Schauspieler Performer?

Zum 50. der Fluxusbewegung inszeniert Tilman Gersch “Sam” im Museum Wiesbaden

Schauspieler oder Performer oder beides? (Foto: Martin Kaufhold)

Ein Jahr voller Entbehrung und Isolation, was bleibt ist: nichts. Alles hat sich verflüchtigt, die vergangene Zeit, alle Ereignisse. Tehching (Sam) Hsieh ist einer der radikalsten Performancekünstler des 20. Jahrhunderts. Katharina Schmitt nahm das zum Anlass, ein Stück über ihn, den die Kunstwelt lange ignorierte, zu schreiben. Regisseur Tilman Gersch wiederum nutzte das als Steilvorlage, den Theaterraum zu verlassen. Die Zuschauer betreten neugierig das Museum Wiesbaden, wo die Fluxusbewegung vor genau fünfzig Jahren ihren Anfang nahm. weiterlesen »

Versöhnung wohin man sieht

„Immer noch Sturm“ überzeugt durch seine leidenschaftliche Sprache. Handke aber ist seltsam zahm geworden

Ein Jaunfeld in Kärnten, ein Apfelbaum mit neunundneunzig Äpfeln, eine Bank. Dieses minimalistische Setting ist Schauplatz für Peter Handkes neueste Familienforschung. Neben dem Ich-Erzähler – Handke ist sich selbst noch immer sein liebster Stoff – treten drei Generationen seiner Vorfahren auf, um eine mit fiktiven Elementen bereicherte Familiengeschichte zu erzählen. Sie steht beispielhaft für die Geschichte der slowenischen Minderheit im österreichischen Kärnten. weiterlesen »

Vorteil verschenkt

Aus einer grandiosen Textvorlage wird eine desaströse Inszenierung. Überraschenderweise sind Autor und Regisseur von „Mariapias Tagebuch“ dieselbe Person

Fausto Paravidino in seiner Rolle als fürsorglicher Sohn (Foto: Lena Obst).

Oft heilt Zeit die Wunden. Und spätestens, wenn man über den Schmerz zu sprechen beginnt, ihn durch die Sprache von der unmittelbaren Erfahrung distanziert, kann der Prozess der Verarbeitung beginnen. Kein Wunder also, dass ein Großteil der Literatur dazu dient, traumatischen Erlebnissen der Autoren Ausdruck zu verleihen. Die Werke entziehen sich in ihrer Intimität jedoch oft objektiven Beurteilungskriterien, schließlich will man dem Autor seinen Schmerz nicht in Abrede stellen, selbst wenn das jeweilige Werk künstlerischen Maßstäben nicht unbedingt gerecht zu werden scheint, wie auch immer diese aussehen mögen. weiterlesen »

Die Poetik der Alltagsorte

Wie das Theater den öffentlichen Raum erobert und ganz nebenbei Blicke und Blickrichtungen verändert 

Ein Handy, ein Anruf. Eine computergenerierte Stimme gibt Instruktionen und schon ist man Akteur in einem Plot, der dem Zuschauer keine Außenperspektive erlaubt, der ihn durch die Stadt jagt und die Grenzen zwischen Inszenierung und Realität verschwimmen lässt. Klar ist nur: es gibt eine Bank, und die muss überfallen werden. weiterlesen »

Am liebsten bin ich …

in Gedanken ganz woanders. Mich zu konzentrieren, fällt mir schwer. Ich halte oft weniger als fünf Minuten still, und wenn meine Aufmerksamkeit dann auch noch auf nur einer Sache ruhen soll, bin ich maßlos überfordert. Die Konsequenz: Ich schiebe auf, vergesse und verdränge. Selbst dieser Text entsteht mal wieder viel später als er sollte. Und dann auch noch nachts. Das ist nämlich die zweite Konsequenz: weiterlesen »