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„Wir haben kein Recht dazu, es satt zu haben“

Giorgos Neophytou, Autor von „DNA“ und der Zypern-Pate Antonis Georgiou in einem Gespräch über die Folgen des Krieges in ihrer Heimat

Wie beeinflusst die politische Situation in Zypern das Theater?
Giorgos Neophytou:
Jede politische Situation, in jedem Land muss auch die Kultur beeinflussen. Direkt nach dem Krieg 1974 war das ein Tabu, jetzt fangen wir an darüber zu schreiben.

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Dieser Schuss ging nach hinten los

„Rückstoß“ – einfallslose Männerphantasie oder sauber genähter Theaterabend: Darüber kann man streiten.

In "Rückstoß" ist die Wirklichkeit verschoben. (Foto: Martin Kaufhold).

Tod, Sex und Traum. „Guten Abend, Herr Freud!“, ist man bei solch einer Kombination versucht zu rufen. Um dann gleich hinterherzuschicken: „Wie konnten Sie nur vor hundert Jahren schon ahnen, was das Unbewusste auf zeitgenössischen Theaterbühnen alles anrichten kann?“ Aber das unkritische Nachspielen von Phantasien und Geschlechterklischees ist im Theater nicht gerechtfertigt. Schon gar nicht in Zeiten, in denen Frauen mitreden. Zeiten wie der Sommer 2012, in dem die bulgarische Produktion „Rückstoß“, nach einem Text von Zachary Karabashliev in der Regie von Stayko Murdzhev im Staatstheater Wiesbaden aufgeführt wird und, ohne mit der Wimper zu zucken, weiterlesen »

Theater hilft nicht

Die irische Compagnie Brokentalkers verweigert es in „The Blue Boy“, die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche theatral aufzulösen.

Insgesamt prägen historische Dokumente und vom Tonband kommende Erinnerungen den Abend (Foto: Martin Kaufhold).

Der 2009 veröffentlichte Ryan-Report über unzählige Missbrauchsfälle in katholischen Schulen hat in Irland hohe Wellen geschlagen. Die irische Compagnie „Brokentalkers“ entzieht sich in „The Blue Boy“ den medialen Mechanismen emotionsheischender Empörung und einebnender Berichterstattung und gibt stattdessen jenen Menschen Raum, die diese Schrecken überlebt haben. Das ist dokumentarisches Theater im wahrsten Sinne des Wortes: Historische Dokumente und persönliche Erinnerungen, die vom Tonband kommen, prägen den Abend. Im Widerspruch dazu stehen kleine Szenen, die den Abend mit einer theatralen Melodie unterlegen. Doch insgesamt entscheiden sich Brokentalkers für eine rohe Form, anstatt zu emotionalisieren. Berührt ist der Zuschauer trotzdem. weiterlesen »

Unentschlossenes Russland

Mikhail Durnenkow, russischer Pate des Festivals und Mitglied der Bewegung „Neues Drama, über „Circo Ambulante“ als politische Ohrfeige für den russischen Zuschauer und junge Regisseure, die nur Klassiker inszenieren wollen.

Der russische Pate des Festivals, Mikhail Durnenkow (Foto: Ste Murray).

Togliatti ist ein denkbar unwahrscheinlicher Geburtsort für eine dramatische Strömung. Die Stadt liegt 1000 Kilometer südöstlich von Moskau und wurde in den 1950ern Jahren erbaut, um die Arbeiter der größten Automobilproduktionsstätte der Sowjetunion zu beheimaten. 1999 übernahm der russische Stückeschreiber Vadim Levanov ein kleines, jährlich stattfindendes Literaturfestival in der Stadt, unter der Bedingung, den Fokus auf neue Dramatik richten zu dürfen. Innerhalb eines Jahrzehnts gelang es ihm, das Festival zum Sammelbecken junger talentierter Dramatiker zu machen. Einige von ihnen erlangten internationale Aufmerksamkeit, so auch der russische Pate Mikahil Durnenkow. Dieses Aufblühen junger Dramatik in der Provinz wird heute Togliatti-Phänomen genannt. Aber nicht nur in Togliatti, sondern auch an anderen Orten Russlands schlossen sich in den späten 90er Jahren Autoren zu einer zwar heterogenen, aber das Interesse für die Gegenwart teilenden Strömung zusammen. Das „Neue Drama“ war geboren. weiterlesen »

Auf der Jagd nach einem Schuss Adrenalin

Zwei Sprachliebhaber erzählen, warum Autorenschaft und Journalismus so verschieden gar nicht sind

Valerie Kattenfeld und Karl W. Flender (Foto: Ste Murray).

Sie könnten auch auf der anderen Seite sitzen Karl W. Flender und Valerie Kattenfeld waren 2010 Mitglieder des Forums Junger Theaterkritiker. In diesem Jahr nun führen sie keine Interviews, sie werden selbst interviewt. Auf der Suche nach einem ruhigen Ort haben wir sie ins schummrige Foyer des Großen Hauses in Wiesbaden geführt, um mit ihnen über das Schreiben zu sprechen. Beide nehmen jetzt am Forum Junger Autoren teil: Dramatiker und Kritiker in einer Person, und das in einem Theatersystem, das zwischen künstlerischem Schaffen und Analyse fein säuberlich unterscheidet. weiterlesen »

Besessen von Geschichte

Die kroatische Patin Tena Štivičić  über den Mythos Kroatien, Kriegsverbrechen und das Theater als Wahrheitsdetektor

Schuld ist ein ständiges Thema, sagt Štivičić (Foto: Ste Murray).

Wie gehen die Menschen in Kroatien mit der jüngsten Vergangenheit um?
Sie ist Teil der alltäglichen Konversation, aber nicht überall gleich. In den großen Städten setzen sich die Leute verstärkt damit auseinander. Wenn du in ländliche Gebiete gehst, fällt dir auf, dass die Menschen sich dort nicht in dieser Art und Weise um die Probleme kümmern. Sie sprechen nicht über die kontroversen Elemente der jüngsten Geschichte.

Also spürt man die Geschichte sehr stark in den ehemaligen jugoslawischen Ländern?
Wir sind besessen von unserer Geschichte. Und zwar nicht nur von der jüngsten. Es gibt die Tendenz sich lieber mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, als von der Gegenwart auszugehen und in die Zukunft zu schauen. Schuld und Vorwürfe sind ein ständiges Thema. weiterlesen »

Schmerzhafter Heilungsprozess

Selma Spahić über mediale Manipulation in Bosnien, die Aufarbeitung von Srebrenica und wirkungsvolles Theater

Wie gehen die Menschen in Bosnien mit der jüngsten Vergangenheit um?

Spahić befürchtet keinen neuen Krieg (Foto: Ste Murray).

Es ist ein konfliktträchtiges Thema, aber die Leute konfrontieren sich damit. Nicht, dass das nicht schon vorher geschehen ist, doch heute gibt es eine Welle von Theatern und Filmen, die sich damit auseinandersetzen. Wir sind bereit, die Geschichten der anderen zu hören. Das ist der Beginn eines Heilungsprozess und natürlich immer eine schmerzhafte Angelegenheit.

Wird die Auseinandersetzung auch in den Medien geführt?
Oft wird aus nationalistischer Perspektive berichtet. Medien und Politiker drängen zu diesen Extremen. Ich kriege Gänsehaut, wenn ich dieselben Rhetoriken höre, wie damals, als der Krieg begann. Irgendwann bist du aber am Punkt, wo du das als Manipulation und Machtmissbrauch erkennst: So versuchen Politiker die Massen mitzureißen. Ich denke aber nicht, dass ein neuer Krieg vor uns liegt. weiterlesen »

Jetzt nicht pinkeln, es ist Krieg

Selma Spahić findet Erinnerungsbilder für Kindheitserlebnisse während des Balkankriegs

Man wähnt sich in einem Fundus der Erinnerungsbilder... (Foto: Lena Obst).

Wie losgelöst vom Rest der Welt steht die Frau mit leicht hängenden Schultern da, in ihren Ohren vermutlich nur Rauschen. Sie klammert sich an die alltäglichsten Dinge: Ich muss Milch, Zucker und Brot kaufen. Das bleibt ihr als Fixpunkt, wenn der Krieg plötzlich in ihr Leben einbricht und nichts mehr normal ist. Wie soll da das Kind an ihrer Hand verstehen, was passiert? Zwanzig Jahre nach Ausbruch des Balkankriegs aber, sind die Kinder von damals erwachsen und setzten sich im Theater mit der jüngsten Geschichte ihrer Länder auseinander. Die 26-jährige bosnische Regisseurin Selma Spahić bat  weiterlesen »

Misstraue der Erinnerung

Oliver Frljić zweifelt an der Wahrheit und sucht trotzdem weiter

Es ist ein Fluch mit der Vergangenheit. Alle waren da und jeder erinnert sich anders. Diskutieren wir vergangene Familienerlebnisse mit unseren Geschwistern, fragen wir uns rasch: Sind wir tatsächlich am selben Ort aufgewachsen? Wie wünschten wir uns in solchen Augenblicken ein Denkarium, in dem wir unseren Kopf entleeren und das Vergangene konservieren können. Aber das gibt es nicht. Also wird darüber gestritten, was war, weiterlesen »

Am liebsten bin ich…

diese drei hängen, wenn auch nicht gerade drohend, dann doch ziemlich fordernd über diesem Text und summen in meinen Ohren zusammen mit den Wortbrocken LIEBSTEN. BIN. ICH. ein Lied der Brüchigkeit von Ichsen. Nichtsdestotrotz schwinge ich mich auf, und lasse mich ins Vorläufige und Unvollständige plumpsen: weiterlesen »