Auf der Bühne des alten, goldverzierten Theaters ist eine moderne, stahlblaue Küche und ein philosophischer Streit zwischen zwei Köchen zu sehen. Der eine möchte sich bei der Herstellung der Gerichte stets von der unvorhersehbaren Vielfalt der Natur und ihrer Produkte überraschen lassen, der andere das ideale Gericht exakt immer wieder nachkochen können. Der Streit spitzt sich zum Konflikt zu. Natur versus Zivilisation. Der Naturkoch wütet von Anfang an, er hat das Herz auf der Zunge, jedes zweite Wort ist ein Kraftausdruck, V u l k a n a u s b r u c h e , Schimpfkanonaden vom Hurensohn und seinen zahlreichen Verwandten.
Das Publikum bebt vor Lachen bei jedem Fluch. Wie hellhörig es ist und besonders auf diese Worte reagiert, konnte ein Seismograph genau aufzeichnen und doch nicht erklären, was an diesen Worten, die im Gehirn in gesonderten Kammern wohnen sollen, so besonders ist. Diese Worte werden hier nicht, wie im Fernsehen, von einem Piepton zensiert, sondern hallen im Gewölbe, wo Götter und Grazien schweben. Sie scheinen freien Lauf zu haben, aber eigentlich springen sie aus einem Index, sie Überschreiten Grenzen, brechen Tabus, fallen mit der Tür ins Haus. Bei jedem Lachen schwingt die Freude über den aufgesprengten Riegel. Wie gut die verbotenen Fruchte schmecken! Das Profane tobt im sakralen Raum, die grobe Gosse schwingt ihre große Klappe im feinen Salon. In der stahlblauen Küche werken die Männer mit Volldampf, aber sie sind nicht unter sich. Sie haben hier nicht ihr Haus und Herd.
Die vierte Wand ist langst abgerissen, die geladenen Tafelgaste schauen in die Töpfe und geben ihren Senf dazu. Hier wird es so heiß gekocht, wie es gegessen wird. Früher wurde Kindern beim Gebrauch dieser Worte mit Pfeffer auf der Zunge als Strafe gedroht, aber jetzt sind gerade die deftigen Worte das exquisite Gewürz für das gemeinsam zubereitete Gericht. Im Raum des Theaters verderben die vielen Köche nicht den Brei. Sie stecken unter einer Decke, kennen das Gewicht jedes Wortes in der Geheimsprache, die jede Sprache ist.