Archive for the ‘Kritik’ Category


A fateful nursery rhyme: The protagonists in “The Ugly Human-ling” are eternal outsiders in society and their own homes.

Pfui! Ugly! Elif Ürse, Yelda Baskın and Gülce Uğurlu. Photo: Martin Kaufhold.

The outlines of bodies are painted on the back wall, as if marked off with chalk by the police after an accident. In the collective production by the Turkish off-theatre group  oyun deposu, the outlines symbolize the profiles that three rather lively Turkish women – who are not the way other people think they should be – yearn to fit into. They are all young and beautiful girls who wish that these were the only reasons people notice them. In the beginning, they attempt to cram themselves into the outlines of their desired formats, gasping as they bend and stretch to fit. They are ultimately forced to give up trying.

Each of them has her own, fragmented story to tell. Though their narrative lines never cross, they do hold parallels. A few situations arise on stage that each of the women has to deal with. They have one thing in common: Each of them is an irritation, a nuisance to Turkish society caught between tradition and modern life. And they are all victims of discrimination. Woman A (Elif Ürse) conceals her hair with a headscarf as a way of carrying on her mother’s tradition. Memorizing prayers, that was child’s play for her. Then, all at once, wearing a headscarf at school was forbidden: Muslima or atheist, she doesn’t know what to believe anymore.

Woman B (Yelda Baskın) is equally divided. “Who am I, what am I?” she asks. Her father is Turkish, her mother has a Kurdish background. No one can tell this when they look at her siblings, but she stands out like a dirty stain on her family’s clean record. Her skin is too dark, her eyes pitch black. (more…)


Finnish director Kristian Smeds has succeeded in staging an impressive production about the painter Vilho Lampi. It is surprising and provoking – and lasts nearly four hours.

Finnish artist Vilho Lampi in "God Is Beauty". Photo: Martin Kaufhold

Splinters of wood fly through the air as the painter Vilho Lampi is seized by inspiration and thrashes an ax into a piece of timber. Sweat drips relentlessly, and it seems as though this man is drawn to his artworks with urgency, as though he has been kissed by desperation instead of a muse. Kristian Smeds’ “God Is Beauty” is based on the story of Vilho Lampi’s life, as recorded by the Finnish author Paavo Rintala in 1959. However, this is not a biography, but rather “a book about beauty,” Smeds quotes the author’s words shortly before the performance begins. True to this motto, the protagonist’s excruciating search for the divine and beauty pervades throughout Smeds’ staging of the artist’s biography, which begins in Vilho Lampi’s youth.

Painting for cows

This is depicted on stage through scenes of the young Lampi whipping a rope above his head, frantically dancing to klezmer music, speaking to imaginary people in matchboxes and attempting to reinvent art with his paintings. The role of the painter is divided among Kristian Smeds’ fantastic ensemble (Katja Kukkola, Tarja Heinula, Timo Tuominen, Taisto Reimaluoto, Tuomas Rinta-Panttila); Lampi is played by three men and two women. (more…)


In “Liebe Isländer” der Mindgroup geht es um Rechnungen und zwanghafte Gespräche über Banalitäten.

Die "Lieben Isländer" mit unbeglichenen Rechnungen. Foto: Martin Kaufhold

Einen Mojito kann man auf ganz unterschiedliche Arten zubereiten. Fehlt die Limette, kann man auch einen Mandarinenschnitz oder gar Schnittlauch nehmen. Der Isländer weiß, wie man improvisiert, denn seit dem Finanzgau ist Europas größte Insel nicht nur geografisch, sondern erst recht wirtschaftlich abgeschottet.

Der Staat ist bankrott. Allen Betroffenen schneien nur noch Rechnungen ins Haus. Ab jetzt muss jeder das Leben nehmen, wie es kommt. Das gilt auch für die sieben isländischen Staatsbürger, die in “Liebe Isländer” ganz abenteuerlich ausgebeulte Sportklamotten mit Lederjacken oder schickem Fummel kombinieren (Kostüme: Stefania Adolfsdóttir). Und dann sind sie auch noch in einem Käfig eingepfercht und reden über allerlei Belangloses.

Im Hintergrund laufen auf mehreren Bildschirmen synchron Bilder aus der Welt des Fernsehens und Internets. Das sind Fenster der Popkultur, durch die unzusammenhängende Sequenzen, wie Animationsfilme, Reality-Shows oder Werbungen für BHs zum Aufpumpen, zu den isolierten Isländern durchdringen. (more…)


Łukasz Witt-Michałowski inszeniert im Wiesbadener Malersaal “Der letzte Vater seiner Art“. Inspiriert ist Artur Pałygas Stück von Kafkas “Brief an den Vater”.

Ein Sohn und seine Väter. Fotos: Lena Obst

Es sind die Erinnerungen eines Sohnes an seinen allmächtigen Vater, der ihm den Mund verbietet, ihn demütigt und zum Schlafen auf den Balkon schickt; an einen grausamen Vater, der das Kleinkind füttert und dabei Horror-Hasen-Geschichten erzählt; an einen angstbringenden Vater, der selbst ausgemergelt im Totenbett noch die Aura eines unumstrittenen Familienoberhaupts ausstrahlt. In Artur Pałygas „Der letzte Vater seiner Art“ wird das Bild eines Vaters rekonstruiert, das scheinbar nicht wirklich sympathisch war, im Stück aber dennoch als besseres Vaterbild verhandelt wird.

Franjo wächst in ärmlichen Verhältnissen in einer kleinen Garnisonstadt im Grenzgebiet Polens auf. Drill, Hierarchie und Exzesse des Militärs werden vom Vater im Privatbereich fortgesetzt. Im Wiesbadener Malersaal ist diese karge Welt von der freien Lubliner Gruppe Scena InVitro ungewöhnlich phantasievoll in Szene gesetzt (Regie und Ausstattung: Łukasz Witt-Michałowski). Vier an Kirchenbänke erinnernde Zuschauerpodeste werden zwischen den einzelnen Episoden auf Rollen immer wieder auseinandergeschoben und neu platziert. Begleitet von Trompeten- und Trommelmusik entstehen so Formationen, die ständig neue Perspektiven auf das Bühnengeschehen ermöglichen.

Das Zentrum ist eine Lichtprojektion auf einer Seite des Werkstattraumes, die mal Schimmelfleck in der Wohnung der Familie, mal Kirchenkreuz ist. (more…)


Paolo Magelli hat für seine fünfteilige Produktion “Zagreb Pentagramm” fünf Autoren aus Zagreb gebeten, für ihn zu schreiben. Wir haben fünf junge Kritiker gebeten, sich jeweils einen Teil vorzunehmen.

"Zagreb Pentagramm", Teil 1. Foto: Martin Kaufhold

1: Monologduett
Nataša und Goran heißen die zwei Seiten eines zwiegespaltenen Schriftsteller-Ichs. Diese beiden lässt Filip Šovagović in “Traumzone” am Schreiben und an den Menschen in selbstreflexiven Monologen verzweifeln: “Jeder Mensch ist der Autor seines Lebens, jeder Mensch ist Schauspieler und Regisseur seines Alters nur, manchen scheint, dass die Masken nie fallen werden”, sinnieren sie pirandellesk. Als irreale und unbegreifbare Traumexistenzen tragen sie in Paolo Magellis Inszenierung Masken, liefern sich spielerische Wortgefechte. Der Regisseur hat sie als Clowns verkleidet, die mit rot unterpunkteten Augen und einer skelettartig geschminkten Unterlippe aussehen, als seien sie direkt einem Albtraum entstiegen. Ihr Buchstabenfeuer findet mal einen gemeinsamen, stakkatoartigen Rhythmus, mal fallen sie sich gegenseitig ins Wort. Sie reflektieren über Erfolg und Misserfolg, Schreiben und Leersein, Leben und Sterben. Clowns sind nicht nur dazu da, Kinder zu erfreuen, sondern üben Kritik ohne Worte. Das hat uns Charlie Chaplins Tramp gelehrt. “Oh, wie schön war früher der Stummfilm”, schwärmt auch Nataša einmal. Am Ende bleibt Schweigen. (Judith Drokur) (more…)


Tilman Gersch inszeniert die Uraufführung von Bettina Erasmys “Das wollt ihr nicht wirklich” am Staatstheater Wiesbaden.

Das Tier am Menschen. Foto: Martin Kaufhold

Schon Shakespeare schickte seine Protagonisten gerne in den Wald, um sie mit ihren seelischen Seltsamkeiten zu konfrontieren. Was im Wald passiert, bleibt im Wald, so scheint die Vereinbarung zu lauten. Bettina Erasmy präsentiert nun ihren ganz eigenen, zeitgenössischen Sommernachtstraum: In “Das wollt ihr nicht wirklich” schmeißt sie Menschen aufeinander, die in die Natur gehen, um ihre Sinnlichkeit wiederzuentdecken. Viktor will seine Ehe mit Marie wieder auf Trab bringen, Edgar steigt aus dem Beamtentrott aus, Karim versteckt sich vor der Abschiebung und Lara sucht nach einem Mann, der ihr darin zustimmt, dass Oscar Wilde recht hatte und “jeder tötet, was er liebt”.

Für die ironische Verrätselung der Geschichte sorgen neben dem Stücktitel zwei Vertreter der Fauna. Habicht und Wolf sind beide viel eleganter und intellektueller als ihre menschlichen Beobachtungsobjekte. Gleichzeitig strahlt gerade der Wolf eine animalische Erotik aus, die Marie bei ihrem Mann, dessen Namen sie nach drei Jahren schon vergessen hat, vermisst. (more…)


Das niederländische Stück “Hannah und Martin” stellt sich der altbekannnten Heidegger-Arendt-Geschichte

Auf Holzwegen: Der Professor (Willem de Wolf) und sein Schützling (Lineke Rijxman). Foto: Lena Obst.

Die junge Studentin Lineke erwartet von Professor Wolf eine Nachhilfestunde in Sachen verbotener Liebe: Wie war das damals, zwischen der 19-jährigen Hannah Arendt und ihrem 17 Jahre älteren und verheirateten Dozenten Martin Heidegger? Und während Professor Wolf (Willem de Wolf) interessierter an einem Re-Enactment des erotischen Stelldicheins wäre, will Lineke (Lineke Rijxman) den Vermischungen des Politischen mit dem Privaten nachgehen, ohne von ihrem Konterpart aufs Kreuz gelegt zu werden. Das ist die Ausgangssituation einer szenischen Verhandlung nicht nur der Liebelei unter Philosophen, sondern auch manch philosophischer Problematik. Wolf und Rijxman schlüpfen in diesem dialoglastigen Werk in und aus den Rollen, sind mal am Debattieren der ganz eigenen erotischen Anziehung, mal bei Heideggers politischen Verirrungen, dann wieder wird Arendts Gestik und Mimik spöttisch reproduziert. (more…)


Heiđar Sumarliđason als Bunny-boy. Foto: Lena Rittmeyer

Abschluss des Forums junger Autoren Europas mit szenischen Kurzlesungen im Park. Auch wir fassen uns kurz in unseren Kritiken mit maximal 160 Zeichen.

1. “It’s okay to eat fish cause they don’t have any feelings” – Kindheitserinnerungen durch Nirvana-Zitat geadelt. Etwas zu gehaucht gelesen, mehr Power! Trotzdem: Danke für den Fisch.

2. Londonerin, Ankunft in Wiesbaden, im Hotelzimmer der Schock: Gekreuzigter Mann philosophiert übers Leben und blutet den Holzboden voll. Real, irreal, ganz egal, phänomenal.

3. Wow. Raben, Regen, Shakespeare & eine kleine Romanze unter Säulen. Süß vorgetragen. War schon ziemlich LOL.

4. D.Krieg in seinemLand katapultiert einenAutor nach oben.Sarkastisch-spacig bringt derMonolog+Drive dieAbsurdität d.kreativenVerwertg.v.Kriegstraumata aufnPunkt. (more…)


Die Ergebnisse unseres Übersetzungsworkshops: Kritiken auf Schwyzerdütsch, Saarländisch und zweimal auf Wienerisch. (Aufnahmeleitung: Judith Kärn)

Falls Sie sich weiter dialektal fortbilden wollen, hätten wir hier ein paar Online-Sprachkurstipps für Schwyzerdütsch, Saarländisch und Wienerisch. Und eine Kritik zum Lesen auf Hessisch.


Ein unheilvoller Kinderreim: Die Protagonistinnen in “Hässliches Menschlein” sind familiär und gesellschaftlich ausgegrenzt. (Hier unsere Kritik auf Hessisch).

Pfui! Hässlich! Elif Ürse, Yelda Baskın und Gülce Uğurlu. Foto: Martin Kaufhold.

Auf die Rückwand der Bühne sind Körperumrisse gemalt, als habe die Polizei nach einem Unfall mit Kreide markiert. In der Gemeinschaftsproduktion der türkischen Off-Theatergruppe oyun deposu stehen die Umrisse an der Wand aber symbolisch für das Wunschformat dreier ziemlich lebendiger Frauen in der Türkei, die nicht so sind, wie die anderen sie gern hätten. Und das, obwohl sie doch alle gleichermaßen jung sind und schön und auf der Straße eigentlich nur deshalb auffallen sollten. Anfangs versuchen sie keuchend angestrengt, in das aufgemalte Wunschformat zu passen, verbiegen und strecken sich, und kapitulieren am Ende.

Jede hat ihre eigene, fragmentarische Geschichte. Die Erzählstränge kreuzen sich zwar nie, weisen aber Parallelen auf. Es entstehen Situationen auf der Bühne, die bei den drei Frauen ähnlich verlaufen. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind ein Störfaktor in der türkischen Gesellschaft, hängen irgendwo im Nirgendwo zwischen Tradition und Moderne und werden ausgegrenzt. A (Elif Ürse) verbirgt ihr Haar unter einem Kopftuch, denn sie möchte das Erbe ihrer Mutter sichtbar tragen. Gebete auswendig zu lernen, das war als Kind wie ein Spiel für sie. Dann wurde in der Schule plötzlich das Kopftuch verboten: Muslima oder Atheistin, inzwischen weiß sie nicht mehr, was sie glauben soll. (more…)