Eigenheim

Wollen Sie sich vom Festivalstress erholen und dabei noch etwas sehen? Zehn Minuten Busfahrt nördlich vom Staatstheater liegt der Wiesbadener Stadtteil Eigenheim. In ruhiger Atmosphäre lassen sich hier ganz andere Formen der Inszenierung betrachten. Einer unserer Ausflugstipps.

Versteckte Villen: Wiesbaden-Eigenheim. Foto: Lea Gerschwitz

Mit dem Bus zum “Eigenheim”. So heißt die Endstation der Linie 8. Bitte alle aussteigen. Wer hier, im so nüchtern klingenden Stadtteil im Wiesbadener Nord-Osten ein Haus sein eigen nennen kann, hat es wohl geschafft. Jedes Haus ist eine Anlage: Gründerzeitvillen mit Stuck und halbrunden Erkern stehen neben großzügigen Fachwerkhäusern, Backsteinbauten mit unendlichen Doppelfensterreihen und schlossähnlichen Türmchen. Wie sich in diesem Wohngebiet Architekten in großen Formaten ausgetobt haben, ist selbst für Wiesbadener Verhältnisse beeindruckend. Schlichtere Mehrfamilienhäuser tauchen zwar auch vereinzelt auf, wollen aber nicht so recht nach WI-Eigenheim passen. Wer ein paar Straßen entlangläuft, bemerkt, wie die Vorgärten immer parkähnlicher werden, wie die Gebäude immer weiter von den Gehwegen wegrücken, bis schließlich nur noch verschnörkelte Eisentore und entfernt Terrassen und Ziergiebel zu erkennen sind. Privatsphäre und Sicherheit sind garantiert. Die Szenerie verändert sich schlagartig, als ein grau-brauner Baukoloss in Sichtweite kommt. Umringt von Stacheldrahtzaun und Kameras sieht er aus wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Hier sitzt das Bundeskriminalamt, sicherer geht es nicht. Aber schöner? Dann doch lieber zurück ins Eigenheim.

Das Theater in 50 Jahren

Tot wird es nicht sein, das Theater. Aber möglicherweise gehe ich nicht mehr direkt hin. Als Zuschauer bin ich entweder vor Ort oder kann aus der Ferne über Live-Blog, Webcam und Gedankenübertragung, bei Schauspielstil, Regiekonzept und Stücktext zwischen je fünf Varianten zu wählen. Klassikerinszenierungen werden wieder konservativer, weil authentisch historische Kostüme nicht mehr so teuer sind. Dafür werden Kostümbildner eine Ausbildung in digitaler Medienkunst brauchen. Die neuen Stücke werden von konkreteren Dingen handeln. Da das Allgemeine alles schon erzählt ist, wird das Individuelle mehr in der Vordergrund rücken. Per illegaler Datensammlung lässt sich ja schnell ermitteln, wo das interessierte Publikum für das Leid der Pelikanhüter im Duisburger Zoo sitzt. Die Theaterkritik wird ein Konvolut aus allen geäußerten Meinungen, Gedanken und den Produktionsbedingungen sein. Es wird alles total toll sein.

Drei Gesellschaftskommentare

Wie kommen politische Themen in Theatertexte? Der isländische Regisseur Jón Páll Eyjólfsson, die türkische Schauspielerin und Autorin Ceren Ercan und der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri sprachen über die Entstehung ihrer Stücke. Während es in „Liebe Isländer“ um die Verarbeitung der Finanzkrise geht und sich die drei Frauen von „Hässliches Menschlein“ in einer Gesellschaft behaupten müssen, die sie ausstößt, versuchen die Figuren in „Wir sind hundert“, die Welt zu verändern. Ausgewählte Statements der Podiumsdiskussion „Wirkungsmöglichkeiten politischer Themen auf dem Theater“. weiterlesen »

Böser Wolf, schöne Marie

Tilman Gersch inszeniert die Uraufführung von Bettina Erasmys “Das wollt ihr nicht wirklich” am Staatstheater Wiesbaden.

Das Tier am Menschen. Foto: Martin Kaufhold

Schon Shakespeare schickte seine Protagonisten gerne in den Wald, um sie mit ihren seelischen Seltsamkeiten zu konfrontieren. Was im Wald passiert, bleibt im Wald, so scheint die Vereinbarung zu lauten. Bettina Erasmy präsentiert nun ihren ganz eigenen, zeitgenössischen Sommernachtstraum: In “Das wollt ihr nicht wirklich” schmeißt sie Menschen aufeinander, die in die Natur gehen, um ihre Sinnlichkeit wiederzuentdecken. Viktor will seine Ehe mit Marie wieder auf Trab bringen, Edgar steigt aus dem Beamtentrott aus, Karim versteckt sich vor der Abschiebung und Lara sucht nach einem Mann, der ihr darin zustimmt, dass Oscar Wilde recht hatte und “jeder tötet, was er liebt”.

Für die ironische Verrätselung der Geschichte sorgen neben dem Stücktitel zwei Vertreter der Fauna. Habicht und Wolf sind beide viel eleganter und intellektueller als ihre menschlichen Beobachtungsobjekte. Gleichzeitig strahlt gerade der Wolf eine animalische Erotik aus, die Marie bei ihrem Mann, dessen Namen sie nach drei Jahren schon vergessen hat, vermisst. weiterlesen »

“Wie ein Tanz, den man tanzen muss”

Sie hat gerade ein Füßchen in der Tür, er ist seit zehn Jahren im Geschäft. Er leitete bei der Biennale einen Autorenworkshop, sie zeigte ihre zweite Uraufführung. Martin Heckmanns (38) und Lisa Danulat (27) über unterschiedliche Schreibperspektiven.

Sind Sie einander schon mal dramatisch begegnet?

Ich bin auch da! Lisa Danulat und ein bisschen Heckmanns. Foto: Lisa Danulat

Danulat: Ich habe in Düsseldorf ein Stück von Dir gesehen. „Hier kommen wir nicht lebendig raus. Versuch einer Heldin.“

Heckmanns: Ich habe nichts von Dir gelesen und gesehen.

Glauben Sie, dass Sie als Autorin heute schwerer in den Betrieb rein kommen als Martin Heckmanns vor zehn Jahren?

D: Im Moment habe ich ja ein Füßchen in der Tür, und ob der restliche Körper noch nachschiebt, verhandele ich gerade mit mir. Wenn ich das mit mir geklärt habe, kann ich mir auch ein Bild darüber machen, inwieweit die Tür geöffnet werden sollte. Dann muss ich den Schritt gehen, klopfen. Momentan bin ich beim Fußabtreter und schaue mir das erstmal vorsichtig an.

H: Das sind Sportreporter-Fragen. Aber nein, eigentlich nicht, die Gier nach Uraufführungen ist ja ungebrochen. Ich bin auch anders rein gekommen, habe in meiner Heimatstadt eine Uraufführung gemacht mit einem Schauspieler zusammen, das war also nicht über die üblichen Förderprogramme, sondern selbst organisiert und hat sich dann weiter ergeben. Ich finde es auch interessant, dass man hier so viel über Betrieb nachdenkt und im Verhältnis wenig über Inhalte, Geschichten, Anliegen. Der Markt hat ja etwas Objektivierendes. Da weiß man: Wer ist drin, wer ist nicht drin, wer ist unten, wer ist oben. Ich verstehe, dass es einen sportlichen Ehrgeiz erzeugt, darüber zu reden. Aber mit Theater hat das erstmal nichts zu tun. weiterlesen »

Die Scheinheiligkeitsstatue

Immer wieder sitzen Menschen auf Podien und diskutieren über die Festung Europa.

Wenn wir das zehnte Jubiläum der Biennale begehen, feiern wir dann auch automatisch Europa? Feiern wir die Reisefreiheit, den Euro, das Zusammenwachsen und den Frieden, wo sich noch vor 20 Jahren scheinbar unüberwindbare Fronten gegenüber standen? Soweit so gut? Dann aber auch das Europa, in dem Konzerne Arbeiterschaften gegeneinander ausspielen können, indem sie drohen, Fabriken zu verlegen? Das Europa, in dem wir uns aus dem Osten unterbezahlte Pflegekräfte für unsere Eltern kommen lassen können? Das Europa der Bürokratie und der Sexarbeit?

Aber immer nur Fragen zu stellen, ist keine produktive Herangehensweise. Die Festung Europa können wir nur von innen beschreiben; wir schotten uns in der Festung ab und kommen nicht heraus: weiterlesen »

Nachhilfe in philosophischer Zärtlichkeit

Das niederländische Stück “Hannah und Martin” stellt sich der altbekannnten Heidegger-Arendt-Geschichte

Auf Holzwegen: Der Professor (Willem de Wolf) und sein Schützling (Lineke Rijxman). Foto: Lena Obst.

Die junge Studentin Lineke erwartet von Professor Wolf eine Nachhilfestunde in Sachen verbotener Liebe: Wie war das damals, zwischen der 19-jährigen Hannah Arendt und ihrem 17 Jahre älteren und verheirateten Dozenten Martin Heidegger? Und während Professor Wolf (Willem de Wolf) interessierter an einem Re-Enactment des erotischen Stelldicheins wäre, will Lineke (Lineke Rijxman) den Vermischungen des Politischen mit dem Privaten nachgehen, ohne von ihrem Konterpart aufs Kreuz gelegt zu werden. Das ist die Ausgangssituation einer szenischen Verhandlung nicht nur der Liebelei unter Philosophen, sondern auch manch philosophischer Problematik. Wolf und Rijxman schlüpfen in diesem dialoglastigen Werk in und aus den Rollen, sind mal am Debattieren der ganz eigenen erotischen Anziehung, mal bei Heideggers politischen Verirrungen, dann wieder wird Arendts Gestik und Mimik spöttisch reproduziert. weiterlesen »

Wie es singt und lacht

Die neuen Stücke aus Europa begnügen sich nicht mehr mit Text. Musik aller Art ist zunehmend Teil ihrer Konzeption.

Kaum eine Inszenierung kommt heute noch ohne die Klangebene aus. Das ist im deutschsprachigen Raum so, und auch, wie man an der Biennale 2010 erkennt, in ganz Europa. Besonders auffällig ist dieses Jahr die Tendenz zum Strukturieren von Stücken mit Hilfe von Liedtexten. weiterlesen »