Posts Tagged ‘Biennale’


Wie viele Stunden schlafen Sie momentan?

Fünf bis fünfeinhalb.

Der Intendant auf der Couch. Foto: J. C. Heller

Wenn Sie in eine der Figuren dieser Biennale schlüpfen könnten, welche wäre es?

Schwierig, weil meistens Frauen im Mittelpunkt stehen. Aber ich würde sagen, einer der beiden Bodyguards des afrikanischen Diktators aus “Bab et Sane”, der kleinere. Der Autor hat ihm eine Sprache in den Mund gelegt, die mich an Karl Valentin erinnert.

Welcher Droge sind Sie verfallen?

Dem Theater.

Denken Sie, dass Sie etwas verpasst haben, weil Sie nicht Jurist geworden sind?

Nein. Ich hätte ja damals auch ins bayerische Kultusministerium gehen können, habe mich aber für die schlecht bezahlte Assistentenstelle an den Münchner Kammerspielen entschieden.

Wo würden Sie am liebsten wohnen?

In Istanbul, wo mein Bruder lange Zeit Arzt war. Das ist für mich derzeit die aufregendste Stadt Europas mit einer unglaublich kreativen Kunstszene und ganz vielen normalen Leuten, die nicht das Gefühl haben, sie seien der Nabel der Welt, wie die Pariser oder die Berliner. Die Stadt wurde von der griechischen, römischen, seldschukischen Geschichte und von den Osmanen geprägt, später dann von den Genuesen. Und von all dem sind noch Zeugnisse da und stehen unverbunden nebeneinander. (more…)


Bei einem Kurzeinsatz als Zeitungsmädchen stelle ich fest: Nur weil etwas gratis ist, geht es noch lange nicht weg wie warme Semmeln.

Die Autorin als motiviertes Zeitungsmädchen. Foto: Karl Wolfgang Flender

Heute bin ich für eine Viertelstunde ein Zeitungsmädchen. Es ist sechs Uhr abends, kurz nach Feierabend, in der lebhaften Kirchgasse in Wiesbaden. 50 Exemplare des “print|blog” sollen unter die Leute gebracht werden. Meine Arbeitskollegen sind schon da, zwei Statisten des Hessischen Staatstheaters. Sie überreichen mir eine Stofftasche mit Zeitungen, gefühlte fünf Kilo. Ich bin dran. Zum Glück bleiben sie nicht in meiner Nähe, gegenseitige Konkurrenz können wir jetzt gar nicht gebrauchen.

Die Leute auf der Straße sehen alle sehr beschäftigt aus. Mir fallen verschiedene Geschäftigkeitsgrade aus: schlendernd, bepackt und gestresst. Um aufzufallen, verlangsame ich mein Schritttempo und bleibe schließlich stehen. Exakt in der Straßenmitte. Für die maximale Aufmerksamkeit in der hektischen Einkaufsmeile. Mit ein paar Exemplaren lässig über den Arm gehängt, scheinen mir die Passanten schon von Weitem meine Absicht anzusehen. Sie winken argwöhnisch ab, bevor ich überhaupt dazu komme, meinen Verkäuferinnencharme unter Beweis zu stellen.

Gerade will ich aufgeben, da geht mein Plan auf. Einige gehen langsam auf mich zu, werfen aus der Nähe einen Blick auf das Titelblatt und nehmen mir mehr beiläufig als wirklich enthusiastisch eine Zeitung ab. Juchuh, Erfolgserlebnis! Aber warum so desinteressiert? Ich will euch doch nichts, möchte ich hinterherrufen, ich will euch beschenken. Alles gratis! Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Das nächste Mal, wenn ich mich als Zeitungsmädchen mit Schweizerischem Charme versuche, wende ich marktschreierische Methoden an und rufe: “Extrablatt! Extrablatt!” Mit Höflichkeit kommt man heutzutage nämlich nicht mehr weit.

Verpassen Sie morgen nicht unsere nächste print|blog-Verteilung in Wiesbaden und Mainz! Darin: eine kleine Theatergänger-Tierkunde, ein Interview mit Martin Heckmanns und Lisa Danulat, die WM und natürlich viele Kritiken.


Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale

Happy-Birthday-Girlanden, Erdbeerkuchen und eine elternüberfordernde Riesenhorde kreischender Mädchen, so sahen eigentlich alle meine Geburtstage aus. Aber zum Zehnten bekam ich ein besonderes Geschenk. Wir waren gerade in ein neues Haus gezogen und der Beton der noch unfertigen Terrasse nicht ganz getrocknet – ich durfte mich verewigen. Fühlte sich an wie fester Schlamm, der Beton, in den ich meine Hände drückte und krakelig, aber lesbar meinen Namen schrieb: JUDITH. An die Zukunft habe ich dabei nicht gedacht, nur den Moment genossen, die Julisonne und den Erdbeerkuchen, und mich gefühlt, als könnte ich die ganze Welt erobern und jedem Ort einen kleinen Stempel von mir aufdrücken, ein Stück von mir da lassen, aber auch etwas aus der Fremde mitnehmen. Und ist es nicht genau das, was NEUE STÜCKE AUS EUROPA in diesem Jubiläumsjahr feiert? Das Festival ist gewachsen, es lebt in und von der Gegenwart, bereichert Wiesbaden und Mainz um tiefe Einblicke in seine Gastländer – und hat dort sicherlich auch seine Spuren hinterlassen.


Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale

Mein zehntes Jubiläum war nicht der zehnte Geburtstag, nicht der zwanzigste, sondern der vierzehnte. 1989, zehn Jahre zuvor, hatten meine Eltern das damals noch kommunistische Polen verlassen auf der Suche nach einer besseren Existenz, die sie im westlichen Nachbarland zu finden erhofften. Für den damals noch kleinen Jakob bedeutete das den Eintritt in eine andere Welt, und wie so oft wurde diese neue Welt vermittelt über eine neue Sprache, die deutsche. Nach der polnischen der Eintritt in die deutsche Wirklichkeit: Es ist, als hätte man zwei Geburtstage – einen biologischen und einen kulturellen. Es ist, als wäre Identität immer in Bewegung und sollte es auch sein, immer dynamisch, sich entwickeln, als sollte jeder Eintritt in eine andere Sprachlichkeit, mithin jede verfremdende-entfremdende Übersetzung gefeiert werden, jede Vermittlung zwischen Kontingenz und Kultur. Wenn auch dieses zehnte Jubiläum damals in Unterfranken, fernab der Kultur, stattfand.


Auch wenn ein Festival ein Jubeljahr feiert, wird eine Torte kredenzt. Wer war da, als alles los ging? Wie war die Stimmung? Wurde aufgespielt? Ein atmosphärischer Mitschnitt zum Anschnitt.

Das Plakat als Torte. Foto: Judith Kärn

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Vom Verschwinden des Autors, v.l.n.r.: Übersetzerin Maja Speranskij, Tankred Dorst, Manfred Beilharz, Ursula Ehler. Foto: Jakob C. Heller


Hintergrundgespräch des FORUM JUNGER THEATERKRITIKER mit dem Intendanten Manfred Beilharz im Foyer des Staatstheaters Wiesbaden: Er ist schon da, führt uns zum Konferenztisch und nimmt Platz, die Arme links und rechts auf den Stuhllehnen, und erinnert sich:

Keks-Selektion: Manfred Beilharz, der 1992 zusammen mit Tankred Dorst die Biennale ins Leben rief, im Gespräch mit dem Forum Junger Theaterkritiker. Foto: Nikola Richter

1992. Euphorie nach der deutschen Wiedervereinigung. Wie geht es weiter mit Europa? “Ich war damals zu einem großen Hearing eingeladen, auf dem die Frage diskutiert wurde, was die EU mit Kulturförderung zu tun hat”, erzählt Manfred Beilharz, der in seiner Zeit als Bonner Intendant zusammen mit Tankred Dorst die Biennale gegründet hat. Man habe die Einführung eines europaweiten Theatergesetzes diskutiert. “Dann habe ich die gefragt: Habt ihr irgendeine Ahnung, was in euren Nachbarländern passiert?” Um diese Wissenslücke zu schließen, habe er das Festival erfunden, das Europa in seiner Unterschiedlichkeit und Ähnlichkeit zeige. 2002, bei seinem Wechsel nach Wiesbaden, nahm er es gleich mit. (more…)


When it comes to the program of the Biennale, the festival’s parents have always known how to provide the best conditions for making an aesthetic impact and an attack on intellect: Each play poses a creative conflict with the next. Thus, the festival is not only entertainment, but also education. Each year, the festival organizers visit the fields of Europe and collect the most fragrant and brightest bouquets of flowers. Everything heaped together, plenty of each sort. Apropos, isn’t that the prevalent formula of postmodernism nowadays? In actuality, it is vanishing little by little. There are no tricks anymore, just a carpet and two actors. A tame and comprehensible text. But we have not yet achieved this kind of risky avant-garde.


An Jubiläen wird gerne zurück geschaut. Aber der Blick geht immer auch nach vorne. Auch die nächste Biennale Neue Stücke aus Europa, die im Juni 2010 ihren zehnten Geburtstag feiert, geht voran auf neuen Wegen – im Internet.

Auf der neuen Online-Plattform newplays-Blog schreiben die “Paten” des Festivals, Theaterautoren aus 41 europäischen Ländern, die der Stückeauswahl des Festival beratend zur Seite stehen, und über europäische Kulturszenen berichten. Sie debattieren über europäische Theatertendenzen, reflektieren den eigenen Standpunkt und das eigenen Schaffen und überlegen miteinander, wie sich das zeitgenössische Drama in Europa versteht und entwickelt. Bisher fanden diese Diskussionen vor allem während des Festivals statt, nun gibt es mehr Platz und mehr Zeit dafür, etwa sechs Monate.

Das Spannende ist: Alle Theaterinteressierten können sich an dieser Diskussion beteiligen und die Gedanken der Paten kommentieren, ergänzen, weiterführen, verlinken. Also lesen, schreiben und machen Sie mit! Und kommen Sie im Juni an das Staatstheater Wiesbaden und das Staatstheater Mainz, um die ausgewählten Stücke zu sehen und das europäische Theater und die schreibenden Paten live zu erleben.