Posts Tagged ‘Dramaturgie’


Winter 2012. Ich arbeite wieder einmal am Theater. Mein neuestes Stück „Zwanzigtausend Seiten“ wird am Schauspielhaus Zürich geprobt. Regie führt Lars-Ole Walburg. Wir reden über Szenen, Kürzungen, Umstellungen, über zuviel und über zuwenig Dramaturgie, Rhythmus, Psychologie und über die nötige Distanz zwischen Schauspieler und Text. Wir spielen wie verrückt, während draußen die Welt verrückt spielt. (more…)


Das FORUM DRAMATURGIE mit Prof. Dr. Kati Röttger aus Amsterdam erörterte die Rolle, die heute ein Dramaturg hat. Viele Antworten auf eine Frage…


Meine Beziehung zur Biennale begann im Jahr 2000. Im Rahmen des Forums junger Autoren Europas gab es eine kleine Lesung aus meinem Stück „Suite“.  Es war ein absolut geheimnisvolles Stück, das mit den Mechanismen der Ambiguität zwischen Wirklichkeit und Fiktion spielte. Verschiedene Bühnenräume überlagerten sich auf einer einzelnen Bühne, welche die Widersprüche der Perspektive in der Erzählung verstärkten und die Erfahrungen aus der Vergangenheit der Personen neu erschafften (und sie damit gleichzeitig relativierten) und so weiter.

Damals war ich vollkommen überzeugt davon, dass die Universalität – das Europäische, wenn Ihnen das lieber ist – der zeitgenössischen Theaterstücke fundamental auf den dramatischen Ausdrucksformen der Perplexität beruht und nicht auf den thematischen oder ideologischen Fragen. Auch heute noch vertrete ich die Grundlagen dieser Idee: Das, was unsere Texte am meisten verbindet und sie wahrscheinlich europäisch macht, ist eine formelle gemeinsame Suche durch das Bilden einer relativen oder mehrheitlichen oder vielflächigen oder widersprüchlichen Meinung. Oder dies alles zur gleichen Zeit.  

Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe des Theaters ist, Europa eine Identität zu geben, wie jene, die Ende des 19., Anfang des 20.  Jahrhunderts zum modernen Staat führte. Ich glaube weiterhin auch nicht, dass das Theater eine restaurierende Funktion haben sollte oder Kampfanweisungen gegen die Angst, die Desorientierung oder den Verlust an Anhaltspunkten geben sollte. Ich bin davon überzeugt, dass man sich durch Arglosigkeit, Mangel an Perspektiven oder Messianismus schuldig machen würde, wenn das Theater diese Funktion bekäme. Sicher, die heutige Welt ist komplex. Das Theater – das zeitgenössische Drama, was mich betrifft – ermöglicht es uns, diese Welt zu befragen. Wir wurden von einer Tradition der absoluten, nicht verhandelbaren Werte genährt, und die Erziehung zu einer Kultur der Unsicherheit und der Vielfalt gibt es noch nicht lange. Diese neue Kultur gibt dem Theater sein Erscheinungsbild und seinen zeitgenössischen Sinn, nicht der gemeinsame Wille, eine Identität zu schaffen und Lösungen zu finden. Diese Erfahrung, finde ich, macht man heute durch die Möglichkeit, die Wirklichkeit durch neues Fokussieren zu erfassen, indem man auf die Gewissheiten verzichtet, die die Schlagzeilen machen, indem man die Gewohnheiten und Werte infrage stellt, indem man das Publikum mit nie dagewesenen Wahrnehmungen und Möglichkeiten konfrontiert.

Aber das sind keine Lösungen – darauf bestehe ich –, nur neue Fragen, neue Sichtweisen. Vielleicht ist es genau diese fragende – und nicht affirmative – Art,  die die Verbindung herstellt, die es erlaubt, die zeitgenössische europäische Dramaturgie zu definieren. Als Mitglied des Auswahlkomitees zweier Theater[1] und als Professor hatte ich in den letzten Jahren das Glück, Zugang zu einer Fülle verschiedener Texte aus verschiedenen Ländern zu haben. Sie haben es mir erlaubt, eine Idee zu überprüfen: Viele zeitgenössische europäische Autoren gestalten ihre Stücke mit der Idee des Perspektivenspiels, einer multiplen Fokussierung.

Ihre Vorgehensweisen dienen dazu, Zweifel, Fragen und Widersprüche zu formulieren – zu formalisieren – entweder, um sie zu vertreiben oder sie mithilfe des künstlerischen Schaffens zu reinigen. Sie sind das Symptom des Zustandes der Perplexität und gleichzeitig ein rührender Versuch – da er zum Scheitern verurteilt ist – der Heilung oder der Reinigung. Aber – und ich betone es noch einmal – ich bin fest davon überzeugt, dass die zeitgenössische Dramaturgie, wenn sie sich dieser Verfahren bedient, nicht versucht, gegen ein Gespenst zu kämpfen, gegen ein unbehagliches Mysterium. Sollte ein solches existieren sollte, denke ich nicht, dass es die vorrangige Aufgabe der zeitgenössische Theaterstücke sein sollte, es zu denunzieren. Die formelle Suche nach einer Perspektive im zeitgenössischen Drama ist ein Kind seiner Zeit, sie stellt eine Anstrengung dar, um eine angemessene Dialektik zwischen den historischen Inhalten unserer Gegenwart und einer Form, die sie ausdrückt, die sie übersetzt, die sie verdichtet, zu finden.


[1] Das Théâtre National de Catalogne und die Sala Beckett in Barcelona


Mir gefällt es, eine Muttersprache wie eine Fremdsprache zu sehen, eine Sprache, die man besucht, nicht als Tourist, sondern als Reisender. Ein Reisender ist immer schwach, da er von außen kommt, gleichzeitig ist er aber auch stark, da er unvorhersehbar sein kann: liebenswürdig oder unangenehm. Er ist frei und nicht verpflichtet, sich an die Konventionen und Codes zu halten. Und wenn er sie anwendet, dann nicht aus Verpflichtung, sondern, weil er Freude daran hat oder sie respektiert. Er kann diese “Fremdsprache” so interessiert wie auch unhöflich, brutal oder gewissenhaft besuchen. Er kann ihr ein anderes Ziel geben, sie verformen, sie verdunkeln, sie entgleisen lassen. Er kann sie ebenso ungeschickt wiedergeben, sie schreien lassen, delirieren oder Unsinn reden lassen. Durch diese Behandlung erhält die Sprache einen Status, eine Art, in Erscheinung zu treten, etwas Organisches, das dann letztendlich einen exotischen Geschmack bekommt.

Bleiben wir bei der Reise. In einer “globalisierten” Welt schreiben, ist so, als würde man in einem riesigen Netz mit Millionen von Knotenpunkten zum Reisenden werden, ein Netz, das sich nicht nur horizontal, sondern auch vertikal ausdehnt, eine Welt, in der die Realität schwer zu entziffern ist. Die Reise an sich wird das Ereignis und nicht der Zielort, denn es gibt keine Ziele mehr. Eine neue Dramaturgie der Reise entsteht: der Reisende wird zum Nomaden, er ist immer unterwegs. Seine Reise erhält nur durch das, was er entdeckt, einen Sinn, was er hier und da erntet, was er bewusst behält oder nicht. Der Text und seine Bedeutung bauen sich Schritt für Schritt nicht durch Zufall, sondern durch die Gleichzeitigkeit von gegenübergestellten Elementen auf. Es handelt sich also nicht mehr um eine Geschichte, sondern um den Bericht über eine endlose Strecke. Diese nomadische Dramaturgie wird vorgestellt und nicht dargestellt, wird mehr zum Prozess als zum Ergebnis.

Die nomadische Dramaturgie könnte als ein Versuch wahrgenommen werden, sich einen Weg durch die Komplexität der heutigen Welt zu bahnen, eine Komplexität, die oft eine Rechtfertigung dafür ist, nicht mehr zu verstehen, egal, was es ist, die Unfähigkeit scheint eine Mode zu sein. Es handelt sich weder darum, “seinen Weg zu finden”, noch eine Route zu planen, der man folgt, um eine weitere Bedeutung zu finden, vielmehr darum, Bedeutungen zu schaffen, die vollständig vom Ort abhängen, an dem man sich ab und an befindet.

Der Nomade/Schriftsteller kann verschiedene Haltungen beim Durchreisen dieses “globalisierten” Netzes haben. Er kann Asylbewerber sein, ohne Papiere, jemand, der mittellos und marginalisiert ist. Er kann genauso vorgeben, eine Wirklichkeit zu jagen. Es geht also nicht mehr darum, die Schönheit einer Wirklichkeit zu beschreiben, oder zu versuchen, die eine oder andere Wahrheit zu finden; Schreiben wird nur die Beziehung zu einer Wirklichkeit ausdrücken, eine ungreifbare Wirklichkeit, doppeldeutig, schwierig zu benennen und zu dekodieren.

Die Sprache wird Schritt für Schritt zu einer Art Erscheinung, eine naive und verletzliche Einheit, ein unvollständiges Duplikat einer “globalisierten” Welt, die vielleicht nicht einmal existiert. Die nomadische Dramaturgie scheint die Dramaturgie des Verschwindens zu sein. Die Struktur und die Personen scheinen in diesem Netz zu ertrinken, sie wehren sich aber gegen ihr Verschwinden.

Es hält sich eine fast rührende Lust am Leben – sie gibt den Texten melancholische und nostalgische Akzente.

Originalbeitrag für den Katalog der Biennale Neue Stücke aus Europa 2008. Aus dem Französischen von Sabine Hartmann.