Posts Tagged ‘Internet’


Tankred Dorst und Ursula Ehler im Gespräch über Brecht, das Internet und die Theaterkritik

Ursula Ehler und Tankred Dorst bei der diesjährigen Festivaleröffnung (Foto: Lena Obst).

Sind Sie zufrieden mit dem Festivalverlauf?
Tankret Dorst:
Ja, ich bin bisher sehr zufrieden. Die Produktionen sind unterschiedlich, und das war auch unsere Absicht. Der Ansatz ist nicht, in all diese Länder zu fahren und zu sagen, das Theater soll so und so sein, sondern wir gehen hin und wissen nicht, wie das Theater sein soll. Wir gehen hin und sehen, dass es in verschiedenen Ländern verschieden ist. Und Verschiedenheit ist ja eine Tugend.
Ursula Ehler: In der Kunst schon.

War der neue Europabegriff, mit dem man seit den 1990er Jahren zu tun hat, ein Grund das Festival zu initiieren?
Dorst:
Ein Grund war es nicht.
Ehler: Aber dadurch hat das Festival andere Voraussetzungen und Impulse bekommen.
Dorst: Wir sind erst mal aus Neugier gereist.
Ehler: Als wir angefangen haben, wussten die interessierten Leute, was in Westeuropa passiert, in Avignon, Holland, Italien oder Spanien. Aber wir wussten überhaupt nichts von der anderen, (more…)


Das dänische Stück BCNU [be seeing you] ist eine Parabel über das heutige Erwachsenwerden im Netz

Das Kuscheltier, das zum Flachmann werden kann... (Foto: Lena Obst).

Wenn der letzte Rest Geborgenheit mit dem gefühlsarmen Vater nur noch über den metallenen Sound der Gegensprechanlage stattfindet, wird das Internet zum Ort unerfüllter Wünsche: Sich seiner weiblichen Wirkungskraft kaum bewusst, sucht die Protagonistin von BCNU, „Das Mädchen“, in Chatforen in der Sprache des Internets nach Nähe und erhält von einem älteren männlichen User virtuelle Komplimente wie „Ich finde dich hübsch. Zwinkersmiley“ zurück.

Ihre ausweglose familiäre Situation bringt sie dazu, von zu Hause auszureißen. Den einzigen feinfühligen Kontakt knüpft sie zu einem scheuen Jungen, (more…)


Urheberrecht: ricci/forte und Béla Pintér über die Situation in Italien und Ungarn

In Deutschland wird derzeit viel über das Urheberrecht diskutiert. Welche Rolle spielt das Urheberrecht für Theaterschaffende in Ihrem Land?
ricci/forte
: Zurzeit haben wir andere Probleme in Italien, besonders wirtschaftliche. Wenn unsere Texte von anderen verwendet werden, zahlen sie dafür. Wenn wir Musik, Text oder Film von anderen verwenden, zahlen wir.
Pintér: Unser Urheberrecht funktioniert sehr gut bei Texten. Und ich glaube, (more…)


Zwischen „elitärem“ Unterhaltungstheater und Skandal

Am Ende der Sowjetzeit war das litauische Theater zu einer mächtigen Kraft geworden, die unsere verkommene Gesellschaft und das System, in dem wir lebten, von Innen gesprengt hat. Vor zwanzig Jahren brach dieses System zusammen, die Gesellschaft hat sich befreit, und das Theater hatte seither eine zunehmend „elitäre“, unterhaltende Funktion inne. Die Zuschauer sind auch weiterhin ins Theater gegangen, sie haben sich an den stärksten Arbeiten unserer Regisseure und ihrer hohen Wertschätzung im Ausland erfreut. Aber das Theater hat keine wirklich ernstzunehmende Rolle mehr im Leben unseres Landes und unserer Gesellschaft gespielt. (more…)


Ratlose Städte lassen ihre Kulturetats im Internet diskutieren

Der Deutsche Bühnenverein hat jüngst gefordert, die derzeitigen Steuermehreinnahmen für eine „Initiative der Bundesregierung zugunsten von Bildung und Kultur“ zu nutzen. Das hört sich vernünftig an und würde bedeuten, dass der Bund etwas von dem an die Kommunen zurückgibt, was er ihnen in den letzten Jahren unter anderem durch die Senkung der Gewerbesteuer weggenommen hat. Besonders nötig wäre das im Moment in Schwerin. (more…)


Liebe Theaterfreundinnen und Theaterfreunde,

neulich stand ich auf einer Premierenparty bei einem Glas Sekt zufällig am Stehtisch neben Henry Miller und Roberto Ciulli. Meine Salzstangen waren mir gerade ausgegangen, und ich stellte mich möglichst unauffällig zu ihnen, griff nach dem Snackbehälter und lauschte andächtig: Auf keinen Fall wollte ich ihre Diskussion stören. Nein, eher war es ein Diskurs über zeitgeistige Themen: über Empfindungen, Identität und Kommunikation, diese großen Worte eben.

Ciulli strich sich aufgeregt durch das lange Haar, fuchtelte mit den Armen, und rief immer wieder, (more…)