Posts Tagged ‘Jubiläum’
They like to write on the couch, know their way around hotels and have been part of NEW PLAYS FROM EUROPE from the very beginning. A look back with the festival founders Ursula Ehler and Tankred Dorst.

At the opening of the first biennial NEW PLAYS FROM EUROPE in Bonn in the year 1992. The writers Ursula Ehler, Tankred Dorst are chatting with former German president Richard von Weizsäcker. Photo: Thilo Beu
How did you come up with the idea for NEW PLAYS FROM EUROPE?
Dorst: Curiosity. We knew about all the new plays in Paris and London, but no one knew what, for example, was being done in Iceland. We wanted to know what kind of theatre they were doing there. And we didn’t want to force them to adhere to an agenda, we simply wanted to know the truth.
Ehler: Eastern Europe was emerging at that time. And people in Germany were only focusing on spectacular productions. We talked about it and decided we needed an authors’ festival. But we didn’t want to have to have a panel of experts or a jury of critics to judge the plays, we just wanted to convey subjective views.
Dorst: We didn’t want to say, “This is what it’s like in those countries,” but to present what we had found.
Any particular memories come to mind?
Ehler: The bulletproof vest.
Dorst: A bulletproof vest for Croatia was stored in the dramaturgy office in Bonn. But I didn’t wear it, I remained unprotected. (more…)
Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Die Turnschuhe kleben nass an meinen Füßen. Mit einem Kuss hat meine Mutter mich aus dem Auto geworfen, mit ihrem “Du schaffst das schon” in den Ohren bin ich direkt in die große Pfütze vor der Sporthalle getreten. Ich schlage die Augen nieder, schweige, fixiere meine Zehenspitzen, verkrampfe sie, die triefendkalten Socken machen schmatzende Geräusche. In meinem rechten Augenwinkel verschränkt die neue Lehrerin ihre Arme vor der Brust und lehnt sich an die Fensterfront, nickt mir aufmunternd zu. Meine Finger krallen sich in der Jutetragetasche fest, verhaken sich, ich raschele mit dem Inhalt wie ein nervöser Löwenbändiger, gehe mit der Tragetasche herum und werfe Süßigkeiten in die aufgerissenen Mäuler, zwischen die gefletschten Zähne. “Hallo. Ich heiße Karl – und ich habe heute Geburtstag.” Mein zehnjähriges Jubiläum fällt auf den ersten Schultag in einer neuen Stadt. Alles neu und aufreibend. Mit zehn Jahren dominiert die Schüchternheit und Angst gegenüber den vielen neuen Fremden, ich reflektiere die neue Umgebung und meine eigene Veränderung höchstens unterbewusst. Es ist mir als Zehnjährigem noch nicht klar: Das hier ist jetzt ein neuer Abschnitt, den ich wage. Eine Woche später sollte es mit der neuen Klasse dann auch noch auf Klassenfahrt gehen – das war dann allerdings etwas zuviel des Neuen. Gefahren bin ich trotzdem.
Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Mit zehn Jahren wollte ich unbedingt cool sein. Die Bedingungen dafür waren nicht optimal: verwöhntes Einzelkind, noch von Mama angezogen, Pferdenärrin und kurz vor dem Eintritt in ein Privatgymnasium mit Klosterschwestern. Aber genau dort lag meine große Chance: Am ersten Schultag wollte ich es allen zeigen. Zum großen Leid meiner Mutter war ich neben allen anderen schick angezogenen und frisierten Schulanfängern das einzige Kind in Jeans, rosa T-Shirt und bunter Moosgummikette. Bewundernde und neidvolle Blicke flogen mir zu, während meine Mutter im Stillen dafür betete, dass mein erster Eindruck bei den anderen Eltern kein bleibender sein würde. Der Plan ging voll auf: Die ersten drei Tage war ich von allen umringt und wurde sogar als Klassensprecherin vorgeschlagen. Das Problem dabei: Länger als drei Tage hielt meine neue Coolness nicht an. Leider waren die Jeans und das rosa Shirt nämlich die einzigen coolen Klamotten, die ich im Repertoire hatte, und ich musste wieder auf Pferdepullover & Co. zurückgreifen.
Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Happy-Birthday-Girlanden, Erdbeerkuchen und eine elternüberfordernde Riesenhorde kreischender Mädchen, so sahen eigentlich alle meine Geburtstage aus. Aber zum Zehnten bekam ich ein besonderes Geschenk. Wir waren gerade in ein neues Haus gezogen und der Beton der noch unfertigen Terrasse nicht ganz getrocknet – ich durfte mich verewigen. Fühlte sich an wie fester Schlamm, der Beton, in den ich meine Hände drückte und krakelig, aber lesbar meinen Namen schrieb: JUDITH. An die Zukunft habe ich dabei nicht gedacht, nur den Moment genossen, die Julisonne und den Erdbeerkuchen, und mich gefühlt, als könnte ich die ganze Welt erobern und jedem Ort einen kleinen Stempel von mir aufdrücken, ein Stück von mir da lassen, aber auch etwas aus der Fremde mitnehmen. Und ist es nicht genau das, was NEUE STÜCKE AUS EUROPA in diesem Jubiläumsjahr feiert? Das Festival ist gewachsen, es lebt in und von der Gegenwart, bereichert Wiesbaden und Mainz um tiefe Einblicke in seine Gastländer – und hat dort sicherlich auch seine Spuren hinterlassen.
Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Ein Schockerlebnis war das. Furcht und Schrecken. Jammern und Schaudern. Zwei Stellen! Alle Finger! An meinem zehnten Geburtstag war mir klar: Ich war alt geworden. Mehr weiß ich allerdings nicht mehr, alles andere ist in Nebel unklarer Erinnerung getaucht, und nun, 22-jährige Greisin die ich bin, muss ich das Tor zu meiner Kindheit erst wieder aufstoßen. Doch als Konsumkind der 90er kenne ich jenen sagenhaften Ort, an dem ich mich am besten in die Seinswelt meiner Kindheit zurückversetzen kann: Die Spielwarenabteilung eines großen Kaufhauses. Schon ewig war ich nicht mehr hier und endlich treffe ich alte Bekannte wieder: Die Maus aus der Sendung mit der gleichnamigen, Pippi Langstrumpf und natürlich unentwegt plastiklächelnd: Barbie und Ken. Barbies Hüften sind ganz schön in die Breite gegangen. Meine auch. Und da fällt mir ein, dass ein wesentlicher Wunsch meines Kindseins darin bestand, niemals erwachsen zu werden. Hat allerdings nicht ganz geklappt. Erwachsen sein oder nicht sein, ist immer noch die Frage und stellt sich seit dem Scheideweg der Zehn. Eindeutig geklärt ist die Frage bis heute nicht. Ob ich jemals ganz erwachsen geworden bin, weiß ich nicht. Da ist aber etwas viel besseres: Ich habe die Lizenz, mich zu “Recherchezwecken” in die Spielwarenabteilung zu schleichen, darf überall hin, wo andere nicht hindürfen, tauche in eine Welt ein, in der der Pleitegeier der hiesigen Wirtschaftskrise nicht einmal als Plüschtier existiert, gucke mir die tolle Eisenbahn an, bis der kleine Nils neben mir am Rockzipfel seiner Mama zieht und fragt: “Mama, was macht die komische Frau da?” Ätsch – ich bin Journalistin!
Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Mein zehntes Jubiläum war nicht der zehnte Geburtstag, nicht der zwanzigste, sondern der vierzehnte. 1989, zehn Jahre zuvor, hatten meine Eltern das damals noch kommunistische Polen verlassen auf der Suche nach einer besseren Existenz, die sie im westlichen Nachbarland zu finden erhofften. Für den damals noch kleinen Jakob bedeutete das den Eintritt in eine andere Welt, und wie so oft wurde diese neue Welt vermittelt über eine neue Sprache, die deutsche. Nach der polnischen der Eintritt in die deutsche Wirklichkeit: Es ist, als hätte man zwei Geburtstage – einen biologischen und einen kulturellen. Es ist, als wäre Identität immer in Bewegung und sollte es auch sein, immer dynamisch, sich entwickeln, als sollte jeder Eintritt in eine andere Sprachlichkeit, mithin jede verfremdende-entfremdende Übersetzung gefeiert werden, jede Vermittlung zwischen Kontingenz und Kultur. Wenn auch dieses zehnte Jubiläum damals in Unterfranken, fernab der Kultur, stattfand.
Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Ich feierte mein 10-jähriges Jubiläum 1993, dem Jahr, in dem Clinton Bush Senior als Präsident ablöste und es den ersten Sprengstoff-Anschlag auf das World Trade Center in New York gab. In Maastricht wurde der Vertrag unterzeichnet, der die Europäische Union begründet und den Grundstein für eine gemeinsame Währungs- und Wirtschaftsunion gelegt hat. In Russland fanden die ersten freien Wahlen statt. Während dieser großen Ereignisse in Übersee und in Europa war ich aber hauptsächlich damit beschäftigt, mich aufs Gymnasium zu freuen. Bei meinen Eltern nachgefragt, beschreiben sie mich 10-jährig einhellig (und das ist selten!) als “überaus selbstbewusstes Mädchen”. Montags gab’s Ballettunterricht und danach Spritzkuchen beim Heberer-Bäcker, donnerstags Theater spielen bei Sibylle Sohl. Das Schönste daran: nach meinem eigenen Kurs noch den Großen beim Spielen zugucken. Ein weiterer Grund zur Freude: Die Dramatische Bühne engagierte ein anderes Mädchen aus meiner Gruppe und mich für Thomas Manns “Wehklag Dr. Fausti”. Aufgeführt wurde die Inszenierung im Metropolis-Gebäude am Eschersheimer Turm, das damals noch Volksbildungsheim hieß. Die Gespräche mit dem anderen Mädchen auf den kalten Treppenstufen des Theaters in den Spielpausen waren der Beginn einer bis heute anhaltenden Freundschaft.
Sie schreiben schon mal auf der Couch, kennen viele Hotels und gehören seit der ersten Stunde zur Biennale. Ein Rückblick mit Ursula Ehler und Tankred Dorst.

Gesammelte Europa-Erfahrung: Ursula Ehler und Tankred Dorst bei der diesjährigen Biennale. Foto: Jakob C. Heller
Wie ist die Idee zur Biennale eigentlich entstanden?
Tankred Dorst: Aus Neugier. Wir wussten, was es in Paris und London an neuen Stücken gibt, aber Europa ist ja groß, und niemand wusste zum Beispiel über Island Bescheid. Wir wollten wissen, was machen die da eigentlich. Und wir wollten kein Programm vorgeben, sondern nur die Wahrheit wissen.
Ursula Ehler: Zu der Zeit ging der Osten auf. Und in Deutschland waren alle nur auf spektakuläre Inszenierungen aus. Da haben wir gesagt, ein Autorenfestival muss her. Und wir wollten keine Sachverständigen- und Kritikerjury haben, sondern den subjektiven Blick befördern.
Dorst: Nicht sagen, so ist das in den Ländern, sondern präsentieren, was wir dort gefunden haben. Also sind wir überall und auch abgelegenen Gegenden in die letzten Winkel gekrochen.
Haben Sie spezielle Erinnerungen?
Ehler: Die kugelsichere Weste.
Dorst: In Bonn hing in der Dramaturgie die kugelsichere Weste für Kroatien. Ich habe sie aber nicht angehabt, blieb schutzlos. Der ganze Ostblock war ja eine unbekannte Welt, angefangen vom Hotel, das es nicht gab, bis hin zu den ganz alltäglichen Dingen.
Haben sich die Stücke im Lauf der Zeit verändert?
Ehler: Nein, es gab immer ganz verschiedene Stücke. Der Ehrgeiz war schon immer, eine Wundertüte zusammen zu stellen. Das umzusetzen ist allerdings schwerer geworden.
Dorst: Die Zeitungen, die Beurteiler suchen immer das Gemeinsame, aber der Autor sollte immer davon ausgehen, dass er der einzelne ist. Wenn alle das eine machen, muss der Autor doch sagen, ich mache das andere, nicht das Gleiche.
In der Eröffnung der diesjährigen Biennale sagten Sie, der Autor müsse immer seine eigenen Geschichten erzählen.
Dorst: Nicht direkt die eigene Geschichte. Der Autor beschäftigt sich wie andere Menschen auch mit dem „Wie bin ich, wo bin, wozu bin ich da, mache ich das Richtige, wie soll ich handeln.“ Der Stachel ist ein persönlicher Konflikt und aus dem wird vielleicht ein Stück.
Außerdem erwähnten Sie, bereits vor 25 Jahren seien Sie auf ein Symposium zum Verschwinden des Autors eingeladen worden.
Dorst: Da waren Literaturwissenschaftler und Filmleute, und ich dachte, wie komisch, ich soll zu einem Kongress gehen, der von meinem Verschwinden handelt.
Sind Sie trotzdem hingegangen?
Dorst: Ja (lacht). Das wurde ganz ernsthaft verhandelt. Die haben wirklich gesagt, der Autor fängt an zu verschwinden. Er ist aber immer noch vorhanden und vielleicht muss man ihn ja nur neu definieren. (more…)
Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Zehn ist meine Lieblingszahl. Das kleine Pferd mit der Nummer 10 auf dem Rücken hat mir zu einem glücklichen Sieg beim Rennen auf dem Rummel meiner Heimatstadt verholfen. Es war aus Plastik und hat sich immer dann ruckelnd auf der Bahn vorwärts bewegt, wenn ich vom Rand der Kirmesbude eine der Kugeln in die davor vorgesehenen Löcher versenken konnte. Dieses Spiel habe ich bei all den Jahrmarktbesuchen nur einmal gewonnen – und eben mit der Nummer 10. Die Zahl Zehn weckt aber nicht nur deshalb gute Erinnerungen in mir. Als ich zehn Jahre alt war, haben meine beste Freundin und ich zusammen mit vielen Kindern aus der Nachbarschaft eine Zirkusvorstellung organisiert. Die verschiedenen Nummern haben wir lange geprobt: Jonglieren, Trampolinspringen oder Zaubern. Unsere Eltern haben die eigens gebastelten Eintrittskarten gekauft, es gab Musik, Getränke und Snacks in der Pause, kurz: es war ein voller Erfolg!
Zirkusartistin bin ich nicht geworden. Aber vielleicht hat einiges von dem, was ich bei unserer Aufführung erlebt und empfunden habe, mein Interesse fürs Theater geweckt: Spannung, (Vor-) Freude, Glück und das großartige Gefühl, das man nach einer gelungenen Vorstellung mit nach Hause nimmt. Meine Freundin, in deren Haus wir aufgetreten sind, hat übrigens in der Hausnummer 10 gewohnt.
Auch wenn ein Festival ein Jubeljahr feiert, wird eine Torte kredenzt. Wer war da, als alles los ging? Wie war die Stimmung? Wurde aufgespielt? Ein atmosphärischer Mitschnitt zum Anschnitt.

Das Plakat als Torte. Foto: Judith Kärn
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Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Schreiben übers Zehn-Sein. Schwierig, wo doch Zehnjährige über ihr Leben eher in Poesiealbumskategorien und amöbenhafter Entscheidungsfindung – mag ich/ mag ich nicht – urteilen, statt über Erfahrung, mögliche daraus resultierende Lebenspläne und das Leben allgemein nachzudenken, wie man das eher zu tun pflegt, wenn man weitere zehn Jahre später gebeten wird, einen Text zu schreiben. Als ich zehn war mochte ich mathematische Logikaufgaben und kalte Winter, dafür aber keine Milchprodukte und kein Gemüse, das südlicher als Köln gewachsen war. Vor kurzem bin ich durch einen Intelligenztest, der die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten über Logikaufgaben prüfte, mit 2 von 25 Punkten durchgefallen. Seit der Arbeit auf dunklen Probebühnen bin ich sonnen- und wärmesüchtig. Ich ernähre mich beinah nur von Milchprodukten und liebe alles Kulinarische, was weit weg von Köln gewachsen ist. Wenn ich das auf NEUE STÜCKE AUS EUROPA übertrage, möchte ich nicht wissen, wo das Festival beim ersten Jubiläum war. Hoffen wir, dass es mehr Linienbewusstsein an den Tag gelegt hat als ich.
Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale
Ein Kind, das sich schon früh für Buchstaben und Zahlen interessiert, ein Kind, das kein autistisches Kind ist, aber beinahe mit einem zu verwechseln wäre, dieses Kind wird zehn. Der erste runde Geburtstag fällt in eine Zeit, in der noch jeder Geburtstag etwas ganz Besonderes ist. Dennoch: die Zehn – welch attraktive Rundung, welch wohltuende Vollendung! Geburtstag im September, erstmals im Gymnasium, fremde Menschen, seltsame Kinder. Ganz egal: das Kind und die Zehn, vereint in trautem Perfektionismus, gefeiert, jubilierend, zufrieden, Torten verschlingend. Zu jung für den gebührenden Rückblick schleckt sich dieses seltsame Kind alle zehn Schokofinger ab, steht allein und grinst – und hat ja gar keine Ahnung. Nicht die geringste Ahnung, wie leicht ihm diese erste Dekade gefallen ist. Keinen Schimmer, was für ein unmögliches Kind es ist. Nicht einen Gedanken daran, was da alles noch kommt. Die Zehn – mein Jubiläum Nummer eins, schmählich in der Schokocreme versenkt. Liebe Biennale, mit zehn schon so erwachsen: Mach nicht den gleichen Fehler – steh nicht alleine da, lass es ordentlich krachen!

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