Posts Tagged ‘Kritik’


Tot wird es nicht sein, das Theater. Aber möglicherweise gehe ich nicht mehr direkt hin. Als Zuschauer bin ich entweder vor Ort oder kann aus der Ferne über Live-Blog, Webcam und Gedankenübertragung, bei Schauspielstil, Regiekonzept und Stücktext zwischen je fünf Varianten zu wählen. Klassikerinszenierungen werden wieder konservativer, weil authentisch historische Kostüme nicht mehr so teuer sind. Dafür werden Kostümbildner eine Ausbildung in digitaler Medienkunst brauchen. Die neuen Stücke werden von konkreteren Dingen handeln. Da das Allgemeine alles schon erzählt ist, wird das Individuelle mehr in der Vordergrund rücken. Per illegaler Datensammlung lässt sich ja schnell ermitteln, wo das interessierte Publikum für das Leid der Pelikanhüter im Duisburger Zoo sitzt. Die Theaterkritik wird ein Konvolut aus allen geäußerten Meinungen, Gedanken und den Produktionsbedingungen sein. Es wird alles total toll sein.


Warum eigentlisch immer uff Hochdeutsch? Mer sann doch in Wiesbaden: die Hesse komme!

Guuude! Ei so Leut scheints wärklisch überall zu gebe. Statt dass die sich aafach mo an die eigene Nas fase, komme die als in Wallung über des, was die anner Leut mache. In de Türkei sieht des dann so aus: De eine rescht sich über die Kopptücher uff, die anner fühlt sisch wegge denne Kurden zum Hahnebambel gemacht und widder ne anner hat Angschd, dass se sisch bei ner Lesbe anstegge könnt. Knodderbiggs sann des alle!

Die aus Istanbul, wo des “Hässliche Menschlein” geschribb hann, hann da wärklisch e guude Mischung zusammegestellt. Unn uff de Studiobühne kommt’s a gut rübber, des muss mer mo sa. Des sann jo ernschte Themen…dafür wird e bissche viel gekischert. Aber warum dann eigentlich net? De Humor bewirkt vielleicht die eine oder annere Einsicht. Also, liebe Leutsche, do muss mer sich mo in so ne Situation reiversetze unn überleh, wo mer selbst wie e Auswerrdischer behandelt werd. Wenn des des Stück schafft: schee wär’s!

Mehr Hessisch Babbele im Indernedd: do lang!


Und einmal mehr ist es Zeit für einen Live-Blog: Das FORUM JUNGER THEATERKRITIKER trifft in den intimen, warmen Räumlichkeiten des Presseclubs einige der Teilnehmer des FORUMs JUNGER AUTOREN EUROPAS unter Leitung von Martin Heckmanns. Warum? Weil die Kritiker die Autoren brauchen, die Autoren die Kritiker, und beide dennoch gewisse Abneigungen gegeneinander haben – könnte man zumindest meinen. Im Zentrum der kommenden Stunde also die Frage: Was erwarten Kritiker von ihren Autoren, was Autoren von ihren Kritikern? Eines auf jeden Fall: Nicht aus dem Kontext herausgelöst zitiert zu werden. Da freut sich der Live-Blogger. (more…)


Lässt sich über Theater streiten? Zwei Kritiker probieren es. Das Versuchsobjekt: Cezaris Graužinis Stück “Alles oder nichts”.

Finstere Hampelei: Vilma Raubaitė, Brigita Arsobaitė und Paulius Čižinauskas in "Alles oder nichts". Foto: Martin Kaufhold

Wladimir: Beeindruckend, dieser Cezaris Graužinis: Vier schlichte Hocker, vier Menschen, ein bisschen Licht und Musik – mehr braucht er für sein Sinnspiel nicht.

Estragon: Sinnspiel oder Singspiel?

Wladimir: Naja, irgendwie beides: Die vier Schauspieler erfreuen sich ja ganz offensichtlich am Klang ihrer Stimme, sei es nun rufend oder tatsächlich singend, dazu wird gehüpft, gerannt und getanzt. Aber ich meinte tatsächlich Sinnspiel.

Estragon: Hm. Anfangs dachte ich ja, einer Therapiesitzung beizuwohnen, zu der der Gruppenleiter nicht aufgetaucht ist. Aber dann ist die Handlung zerspargelt: Pinguineier werden gebrütet, Leichen gejagt, ein bisschen eine beliebige Schauspielübung.

Wladimir: Oder höchst bedeutsam, metaphysisch fast schon. Graužinis inszeniert da eine Meditation über die sprichwörtlichen letzten Dinge.

Estragon: Oho, Herr Kollege, also ein Streitgespräch! Inspirierte Morgengymnastik oder Beckett? Alles oder nichts? (more…)


Matthias Fontheims deutschsprachige Erstaufführung von Simon Stephens “Marine Parade” und wie in Mainz eine gut möblierte Liebesgeschichte daraus wurde.

Am Pier. Katharina Knap, Lukas Piloty und Lorenz Klee. Foto: Martin Kaufhold

Das Meer umspült ewig den Pier, die Tage plätschern gleichförmig vor sich hin und manchmal verirren sich ein paar Gäste in Steves heruntergekommenes Hotel. Wir sind in Brighton an der englischen Kanalküste. Sally hat ihre besten Jahre hinter sich und für Steve das Hotel geputzt, jetzt allerdings zieht es sie fort. Gary dagegen will unbedingt nach Brighton und direkt in dieses etwas vergammelte Hotel, mit dabei hat er die minderjährige Ellie. Das ist prickelnd, aber verboten, während Chris und Claire sich eigentlich hassen, aber doch nicht ohne einander können. Alison und Michael dagegen haben resigniert und man weiß nicht so ganz genau, ob es ihnen besser geht als Archie, der vor sich hin philosophierend vor dem Büro und der Ehefrau flieht.

Simon Stephens ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen englischen Dramatiker und hat mit “Marine Parade” erstmals ein Stück geschrieben, in dem er nicht nur mit gestochen scharfen Dialogen, sondern auch mit musikalischen Einlagen aufwartet. …

Weiterlesen? Die gesamte Kritik finden Sie am Dienstag in der ersten Ausgabe unserer Zeitung “Printblog”, die in Mainz und Wiesbaden kostenlos verteilt wird.


Zwischen Zwiebelduft und Zigarettenrauch: Bogdan Georgescus “Rumänien! Küss mich” betört vor allem sinnlich.

Raus aus dem rumänischen Zug. Foto: Lena Obst

Frau Renata (Georgeta Burdujan), Herrn Neagoe (Teodor Corban) und die Studentin Vasile (Andreea Boboc) verbindet nur wenig, höchstens ihre Abscheu vor Rumänien. Die Rentnerin Renata und Vasile wollen so schnell wie möglich aus Rumänien raus, sei es zur deutschen Nichte, sei es mit einem Stipendium in die USA. Neagoe hingegen muss vor allem möglichst schnell Geld verdienen, auch wenn dies eine Reise in die Türkei und einen verdächtigen Aktenkoffer nötig macht. In einem Zugabteil begegnen sie sich zufällig und unterstützen einander unfreiwillig, das Leben des anderen zur Hölle zu machen.

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