Posts Tagged ‘Petros Markaris’


Financial Turbulence Puts Pressure on European Theatre

Outlining the theatre of an entire continent is an overwhelming task for a lone scholar. Even when he has travelled to many different countries as a part of his job. Nevertheless, for the past year and a half the positive chaos of theatrical simultaneity in European theatre has become somewhat more defined. (more…)


Europas Theater unter dem Druck der Finanzturbulenzen

Das Theater eines ganzen Kontinents zu skizzieren, überforderte bisher einen einzelnen Berichterstatter. Selbst dann, wenn er berufsmäßig in vielen Ländern unterwegs ist. Doch seit eineinhalb Jahren ist das positive Chaos der theatralischen Gleichzeitigkeiten im europäischen Theater etwas übersichtlicher geworden. (more…)


Vor kurzer Zeit erschien in einer deutschen Zeitung ein Artikel, der uns Griechen nahe legte die Akropolis zu verkaufen um unseren Bedarf and Krediten zu kürzen. Ich hielt es damals für einen schlechten Scherz. Nun, da das Land Nordrhein-Westfalen das Wuppertaler Theater schließen will, muß ich einsehen, daß der Vorschlag ernst gemeint war. Wenn man in seinem eigenen Land aus Spargründen die Theater schließt, ist es doch sinnvoll, daß man uns den Verkauf der Akropolis empfiehlt. Kunst ist ein Hauptgericht, das leider von den Politikern fast immer als Nachtisch serviert wird. Theater ist aber kein Nachtisch, sondern die Bohnensuppe der Bevölkerung.


Between the Theatre-Biennales 2008 and 2010 there was a financial crisis. Our governments were only able to halt it by pumping billions of the tax payers’ money into the banks. That is like telling people: “You have to help out your employers if you don’t want to end up living on the street.” Normally, that would be called extortion. But this crisis is just not normal.

I am the last person to pine for the 1970s with nostalgic longing. I am convinced that the world is better off today than it was then. So I also do not miss the political theatre of that time.

What I do miss is the “barometer function” of theatre. The way it would pick up on the vibrations of society and bring them to the stage. The theatre of today is more self-absorbed. The “mirror of society” has become a makeup table.

Hopefully the Theatre-Biennale 2010 will prove me wrong.


Zwischen der Theaterbiennale von 2008 und der diesjährigen liegt eine Finanzkrise, die nicht nur das Leben der Europäer, sondern auch die Fundamente des globalisierten Finanzsystems erschüttert hat. Die Regierungen konnten die Krise nur dadurch bremsen, dass sie Milliardenbeträge aus den Geldern der Steuerzahler in die Kassen der Banken fließen ließen. Es ist, als ob man den Leuten sagte: „Ihr müsst euren Arbeitgebern finanziell unter die Arme greifen, wenn ihr nicht auf der Straße landen wollt.“ Unter normalen Umständen wäre das Erpressung. Aber die Krise ist ja kein normaler Zustand.

Manche sagen, dass wir die Krise überstanden haben, andere, dass sie noch nicht vorbei ist. Egal, ob man jetzt das Glas halb voll oder halb leer sieht, sicher ist, dass diese Krise Arbeitsplätze gekostet, die Staaten in die Verschuldung gestürzt und die Bürger ärmer gemacht hat.

In den letzten anderthalb Jahren suche ich auf den griechischen Bühnen ein Stück, das sich mit der Krise auseinandersetzt. Bis jetzt habe ich kein einziges gefunden. Die Theater bangen wegen der Krise um ihre Subventionen, nicht aber um deren Folgen für die Gesellschaft. Dabei fällt die Krise in Griechenland aus internen politischen Gründen viel schärfer aus als in vielen anderen Ländern der EU.

Ich bin kein Nostalgiker der 70er Jahre. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Welt heutzutage, trotz Irak, Guantanamo oder Afghanistan, besser dasteht als vor 40 Jahren. Also fehlt mir auch das politische Theater von damals nicht besonders.

Was ich aber in den letzten Jahren vermisse, ist die „Barometer-Funktion“ des Theaters. Früher galt das Theater als eine Art Barometer. Es fing die Vibrationen der Gesellschaft auf und brachte sie auf die Bühne. Heute ist das Theater viel mehr auf sich selbst bezogen. Der „Spiegel der Gesellschaft“ wird zunehmend zu einem Schminktisch.

Hoffentlich werden die Stücke der Theaterbiennale 2010 beweisen, dass ich falsch liege.


Griechenland und seine Bürger sind heillos verschuldet, weil sie die „Kultur der Armut“ gegen Gier eingetauscht haben.

Wir brauchen das Verständnis dafür, dass Geld den Menschen dienen muss”, sagte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Weihnachtsansprache. Ich fragte mich ob der Bundespräsident die Deutschen angesprochen hatte, oder die Griechen. Denn die Griechen nehmen den Satz wörtlich und betrachten die Bankkredite, die sie zu jedem Zweck bekommen, nicht als geliehenes Geld, sondern als Teil ihres Einkommens. Das ermöglicht ihnen ein Leben auf Pump, ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, wie und wann sie die Kredite zurückzahlen werden. Bankiers sind für die Griechen ganz nette Mitbürger wenn sie einen Bau- oder einen Konsumkredit bewilligen, aber Spekulanten und Haie, wenn sie ihr Geld zurückverlangen.

Die griechische Finanzkrise hat mit der internationalen Finanzkrise wenig zu tun.

Es gibt in Griechenland keine Lehmann Brothers, keine BayernLB und keine Hypo-Vereinsbank. Zwar haben wir den Anklang der internationalen Finanzkrise auch in Griechenland gespürt, aber die griechischen Geldinstitute spielen auf der Welt keine Rolle. Die griechische Krise ist hausgemacht, von uns Griechen selbst, sowohl von den Regierungen (vor allem von der letzten Karamanlis- Regierung), als auch von den Bürgern. Jede dritte griechische Bank könnte ein gutes Immobilien-Geschäft aufbauen mit konfiszierten Wohnungen und Bauten von Kunden, die ihre Kredite nicht bedienen konnten. Und jede zweite Bank hätte leicht einen Autohandel eröffnen können mit Fahrzeugen, die ebenfalls konfisziert wurden.

Allein innerhalb der letzten fünf Monate, nachdem die letzte Karamanlis-Regierung die Gebühren für hochmotorisierte Wagen gesenkt hatte (angeblich um den Autohandel anzukurbeln), wurden 20 000 Fahrzeuge konfisziert, und zwar Mercedes, BMW und Jeeps mit Allradantrieb.

Jedes zweite Kind, das sein Abitur schafft, bekommt von Papa kein Fahrrad, sondern ein Auto geschenkt, mit dem schlagenden Argument: „Das arme Kind muss ja auf demWeg an dieUni zweimal umsteigen.“ Nicht nur der griechische Staat steckt tief in Schulden und kann den größten Teil seiner Ausgaben nur noch durch Kredite decken. Jeder zweite Privathaushalt ist tief verschuldet und kann seine luxuriöse Lebensweise nur noch mitKrediten finanzieren. So wie der Staat nur noch wider Willen sparsam zu wirtschaften bereit ist, genauso wenig will der Durchschnittsbürger sparen.Diese Mentalität hat sich schleichend seit Anfang der achtziger Jahre, also mit dem Beitritt Griechenlands in die damalige EWG, durchgesetzt. Bis dahin war Griechenland ein armes Land, das mit seiner Armut anständig leben konnte. Es hatte sogar nach seiner langjährigen Erfahrung mit der Sparsamkeit eine Art „Kultur der Armut“ entwickelt. Dann kam das Jahr 1981 und das Geld begann in Strömen in das Land zu fließen. Die Griechen brauchten „die Kultur der Armut“ nicht mehr, konnten aber auch keine „Kultur des Reichtums“ entwickeln. Der Konsum wurde die treibende Kraft der Gesellschaft. In diesen knapp dreißig Jahren hat sich der öffentliche Sektor fast verdreifacht, weil er für die meisten Regierungen nicht als öffentlicher Dienst gesehen wurde, sondern als ein wolkiges Gebilde, in das man beliebig Leute einstellen konnte, mit dem einzigen Ziel, Wähler zu gewinnen.

Aus dem öffentlichen Dienst wurde ein Selbstbedienungsladen mit öffentlichen Mitteln. Staat und Bürger konkurrierten miteinander, wer am meisten ausgeben konnte.

Als ich Mitte der sechziger Jahre nach Athen kam, sah ich, wie in fast allen armen Stadtvierteln die Betonstangen aus den Dächern der Häuser herausragten. Diese Eisenstangen standen für den Traum vom zweiten Stockwerk. Die Familie musste fast ein Leben lang sparen, damit die Tochter oder der Sohn eine eigene Wohnung bekommen konnte. Heute bauen die Griechen Sommerhäuser und Villen, und zerbrechen sich kaum den Kopf darüber, wie sie die Kredite zurückzahlen sollen. Die Betonstangen sieht man heute noch in den Dörfern auf dem Land. Was man nicht bemerkt, das ist die Mühsal einer stillen Minderheit. Diese Minderheit ist die einzig treibende Kraft Griechenlands. Wenn das Land noch nicht pleite gegangen ist, so ist es dieser Minderheit zu verdanken, die seit Jahrzehnten maßvoll und produktiv arbeitet und in diemarode Wirtschaft weiter investiert.

Ein Teil dieser Minderheit musste während der Dezember-Krawalle 2008 zusehen, wie man ihre Geschäfte zerstört, in Brand gesteckt oder geplündert hat.

In den Nachrichten konnte man dann die Bilder von der Zerstörung Athens sehen; es meldeten sich Studenten, Polizisten, und Politiker zu Wort, aber die stille Minderheit schwieg. Sie hatte weder Sprache, noch fand sie Gehör. Wohlgemerkt: Ich rede nicht von einer Oberschicht, die im Parteiensystem gut verankert ist und auch davon reichlich profitiert, sondern von kleinen und mittleren Unternehmen und Betrieben, die seit eh und je das Fundament der griechischen Wirtschaft und Gesellschaft bilden. Diese Schicht ist zwar zusammengeschrumpft, bleibt aber im Kern nach wie vor gesund. Im Laufe der letzten zwei Monate ist das Defizit zum Lieblingsthema in den Zeitungen und im Fernsehen geworden, wobei die Griechen weniger über den Schuldenberg des Landes entsetzt sind. Entsetzt sind sie vielmehr über den Druck, den die EU, die Europäische Zentralbank oder der Internationale Währungsfonds ausüben.

Immer wenn die Griechen hilflos sind, greifen sie nach Verschwörungstheorien.

Einmal sind es Frau Merkel und Herr Schäuble, die die Stimmung gegen Griechenland anheizen, weil sie ein Exempel für die anderen EU-Länder statuieren wollen und Griechenland als Versuchskaninchen benutzen. Ein anderes Mal sind es die EU und der IWF, die uns in den Pranger stellen wollen. Dann sind es die Rating-Agenturen wie Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, die unsere Kreditwürdigkeit herabsetzen und mit ihren Schattengeschäften zu Lasten Griechenlands arbeiten. Im Gegensatz zur schreienden Mehrheit, die über den zu erwartenden Verlust ihrer Privilegien jammert und wie immer die Rechnung in fremde Taschen stecken will, sieht die stille Minderheit im Eingreifen der EU und des IWF die einzige Hoffnung, damit sie endlich ein normales Dasein führen kann. Die Hoffnung, dass sich Griechenland von selbst heilen kann, hat sie längst aufgegeben.

Süddeutsche Zeitung, 30. Dezember 2009