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Łukasz Witt-Michałowski inszeniert im Wiesbadener Malersaal “Der letzte Vater seiner Art“. Inspiriert ist Artur Pałygas Stück von Kafkas “Brief an den Vater”.

Ein Sohn und seine Väter. Fotos: Lena Obst

Es sind die Erinnerungen eines Sohnes an seinen allmächtigen Vater, der ihm den Mund verbietet, ihn demütigt und zum Schlafen auf den Balkon schickt; an einen grausamen Vater, der das Kleinkind füttert und dabei Horror-Hasen-Geschichten erzählt; an einen angstbringenden Vater, der selbst ausgemergelt im Totenbett noch die Aura eines unumstrittenen Familienoberhaupts ausstrahlt. In Artur Pałygas „Der letzte Vater seiner Art“ wird das Bild eines Vaters rekonstruiert, das scheinbar nicht wirklich sympathisch war, im Stück aber dennoch als besseres Vaterbild verhandelt wird.

Franjo wächst in ärmlichen Verhältnissen in einer kleinen Garnisonstadt im Grenzgebiet Polens auf. Drill, Hierarchie und Exzesse des Militärs werden vom Vater im Privatbereich fortgesetzt. Im Wiesbadener Malersaal ist diese karge Welt von der freien Lubliner Gruppe Scena InVitro ungewöhnlich phantasievoll in Szene gesetzt (Regie und Ausstattung: Łukasz Witt-Michałowski). Vier an Kirchenbänke erinnernde Zuschauerpodeste werden zwischen den einzelnen Episoden auf Rollen immer wieder auseinandergeschoben und neu platziert. Begleitet von Trompeten- und Trommelmusik entstehen so Formationen, die ständig neue Perspektiven auf das Bühnengeschehen ermöglichen.

Das Zentrum ist eine Lichtprojektion auf einer Seite des Werkstattraumes, die mal Schimmelfleck in der Wohnung der Familie, mal Kirchenkreuz ist. (more…)


Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale

Mein zehntes Jubiläum war nicht der zehnte Geburtstag, nicht der zwanzigste, sondern der vierzehnte. 1989, zehn Jahre zuvor, hatten meine Eltern das damals noch kommunistische Polen verlassen auf der Suche nach einer besseren Existenz, die sie im westlichen Nachbarland zu finden erhofften. Für den damals noch kleinen Jakob bedeutete das den Eintritt in eine andere Welt, und wie so oft wurde diese neue Welt vermittelt über eine neue Sprache, die deutsche. Nach der polnischen der Eintritt in die deutsche Wirklichkeit: Es ist, als hätte man zwei Geburtstage – einen biologischen und einen kulturellen. Es ist, als wäre Identität immer in Bewegung und sollte es auch sein, immer dynamisch, sich entwickeln, als sollte jeder Eintritt in eine andere Sprachlichkeit, mithin jede verfremdende-entfremdende Übersetzung gefeiert werden, jede Vermittlung zwischen Kontingenz und Kultur. Wenn auch dieses zehnte Jubiläum damals in Unterfranken, fernab der Kultur, stattfand.


Zwischen nationaler Selbstbefragung und politischem Engagement: ein Blick auf die polnische Theaterszene.

Lebendig ist es allemal, dieses polnische Theater. Und wie in Deutschland siedelt es seine avantgardistischen Momente bevorzugt in den Zentren an, in Wrocław, Kraków, Lublin, Poznań oder Warszawa. Vertreten und aktiv ist es aber dennoch in fast jedem Ort, der sich mittelgroße Stadt nennen darf. Das Ende des real existierenden Kommunismus brachte für Polen mit dem Ende der Zensur zuallererst eine zumindest partielle Ablösung von den romantischen Klassikern und Nationaldichtern Juliusz Słowacki und Adam Mickiewicz. Aber auch die großen Namen der Moderne und Postmoderne werden langsam passé: Als Monumente einer ästhetischen Avantgarde werden Theatermacher wie Jerzy Grotowski, Tadeusz Kantor oder Andrzej Wajda wohl niemals gänzlich verschwinden, gleichsam sind auf den zeitgenössischen Spielplänen Autoren wie Witold Gombrowicz oder Sławomir Mrożek immer noch prominent vertreten. Trotzdem befindet sich eine neue, repolitisierte Generation an Autoren und Regisseuren auf dem Vormarsch. (more…)