Posts Tagged ‘Rumänien’


Die neuen Stücke aus Europa begnügen sich nicht mehr mit Text. Musik aller Art ist zunehmend Teil ihrer Konzeption.

Kaum eine Inszenierung kommt heute noch ohne die Klangebene aus. Das ist im deutschsprachigen Raum so, und auch, wie man an der Biennale 2010 erkennt, in ganz Europa. Besonders auffällig ist dieses Jahr die Tendenz zum Strukturieren von Stücken mit Hilfe von Liedtexten. (more…)


Russische Winter und Sonnenuntergänge im französischen Avignon: Yvonne Büdenhölzer, eine Reisende in Theaterwelten.

Weißrussische winterliche Weiten. Valery Anisenko, Yvonne Büdenhölzer und Andrej Kurejtschik. Foto: privat

Sieben Minuten vor dem Gesprächstermin. Wo liegt eigentlich Yvonne Büdenhölzers Wiesbadener Apartment? Plötzlich flitzt die 33-jährige Festivalmanagerin auf ihrem Fahrrad vorbei. Die kurzen blonden Haare wehen im Fahrtwind, dann biegt sie rechts ab. Oben dann in der Wohnung, die den spartanischen Charme einer Übergangslösung ausstrahlt: „Ich geh immer zu spät los, auf den letzten Drücker. Und ich habe diese schlechte Angewohnheit, es auch noch gut zu finden, wenn ich mit der Rolltreppe am Gleis ankomme und der Zug gerade einfährt.“ Aber auf ihren Reisen habe sie trotzdem noch nie ein Flugzeug verpasst, fügt sie ein bisschen stolz hinzu. Nicht allein ihr Verdienst. Denn Maya Schöffel, die organisatorische Leiterin von NEUE STÜCKE AUS EUROPA, kümmert sich neben der Stückrecherche auch um die Planung der Auslandsaufenthalte. Zug- und Busfahrpläne, wichtige Telefonnummern, Übersetzer, alles perfekt vorbereitet.
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Wie die rumänische Theatergruppe tangaProject in Bukarest öffentlichen Raum mit Kunst zurückerobert. Ein Porträt.

Sein Haus musste weg, für einen Parkplatz. Straßenagitation mit tangaProject. Foto: tangaProject

Bukarest, 6. Oktober 2006: In den Morgenstunden beherrscht den Stadtteilpark von Rahova eine raue Tristesse: aus der löchrigen Grasfläche ragen Baumstümpfe, kleine Müllhaufen sind die einzigen Farbtupfer vor der dreckiggrauen Kulisse der heruntergekommenen Großstadthäuser. Für eine Wahlkampfveranstaltung des Bürgermeisters wurden kürzlich alle Bäume im Park gefällt, die Hässlichkeit der leeren Fläche schreit den Betrachter an, die Bewohner des Stadtteils nutzen ihn kaum noch, Geld für die Parkpflege ist sowieso nicht da. Doch heute kommt Bewegung in den Park. Ein paar Menschen beginnen, den Müll aufzusammeln, später tragen sie Schaufeln und Setzlinge herbei und bepflanzen den Park selbst neu. Initiator dieser Aktion ist die freie Theatergruppe “tangaProject um Gründer Bogdan Georgescu, der kurzerhand in seine Heimatstadt Bistriţa in Transsilvanien gefahren ist und Setzlinge besorgt hat – ebenfalls Walnussbäume, die auch vorher im Park standen.

Die künstlerischen Werkzeuge sind so ziemlich alles, was wir in diesem Kampf haben“

Die Mitglieder von tangaProject verstehen sich als Künstler und soziale Aktivisten gleichermaßen. In Rahova, einem sehr armen Stadtteil der rumänischen Hauptstadt, beginnen sie 2006 ihr erstes Experiment “Die Offensive der Großzügigkeit”. (more…)


Wie das Festival uns Europa näher und manchmal auch zu nahe bringt.

Der Euro wackelt, die Wirtschaft klagt und die Wiege der Demokratie droht im Staatsbankrott zu verenden. Um Europa steht es schlecht, wenn man der Medienberichterstattung vom Spiegel (Euro-Lüge) über die ZEIT (Die neue Hartleibigkeit) bis zur taz (Tragödie) glauben mag. Krisenzeiten sind immer Fragenzeiten: Was ist es, das Europa im Innersten zusammenhält? Ein Festival, das sich auf die Suche nach der, wie der Dramatiker Tankred Dorst emphatisch in unserem Interview betonte, “Wahrheit” der europäischen Länder begibt, kann sich dieser Frage nur schlecht entziehen.

Schauen wir in die Statistik: 265 Produktionen zeigte NEUE STÜCKE AUS EUROPA in 18 Jahren, dieses Jahr sind 21 Länder auf dem Festival vertreten. Das ist Europa, oder zumindest ein repräsentativer Ausschnitt, und Wiesbaden wird zu einem Zentrum, von dem aus wir notgedrungen den Kontinent betrachten. (more…)


Zwischen Zwiebelduft und Zigarettenrauch: Bogdan Georgescus “Rumänien! Küss mich” betört vor allem sinnlich.

Raus aus dem rumänischen Zug. Foto: Lena Obst

Frau Renata (Georgeta Burdujan), Herrn Neagoe (Teodor Corban) und die Studentin Vasile (Andreea Boboc) verbindet nur wenig, höchstens ihre Abscheu vor Rumänien. Die Rentnerin Renata und Vasile wollen so schnell wie möglich aus Rumänien raus, sei es zur deutschen Nichte, sei es mit einem Stipendium in die USA. Neagoe hingegen muss vor allem möglichst schnell Geld verdienen, auch wenn dies eine Reise in die Türkei und einen verdächtigen Aktenkoffer nötig macht. In einem Zugabteil begegnen sie sich zufällig und unterstützen einander unfreiwillig, das Leben des anderen zur Hölle zu machen.

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Die rumänische Theaterszene befindet sich im Aufbruch. Junge Autoren, Regisseure, Schauspieler drängen auf die Bühne, wollen das Theater und das ganze Land gleich mit revolutionieren. Nach Jahrzehnten der Diktatur und Orientierungslosigkeit ist ein Neubeginn möglich.

Unter dem Regime von Nicolae Ceauşescu sind die Theatersäle in Rumänien jeden Abend ausverkauft: Das Theater trotzt dem Denk- und Redeverbot durch eine vieldeutige Sprache und Metaphorik, das Publikum ist geübt, zwischen den Zeilen Systemkritik zu erkennen. Dann, nach dem Sturz des Diktatoren im Winter 1989, ist das rumänische Theater paralysiert. Die Komplizenschaft zwischen Publikum und Künstlern gegen das Regime ist aufgehoben, die Säle bleiben leer. Das Theater reagiert jedoch nur sehr langsam, zu eingefahren ist es in seiner schier hermeneutischen Inszenierungspraxis. Die Theater lassen die Chance einer Erneuerung durch zeitgemäße Theater- und Ausdrucksformen aus und verpassen, auch in Abgrenzung und Konkurrenz zum Fernsehen, den Kampf um das Publikum. (more…)