Posts Tagged ‘Schreibtisch’


Vor mehr als hundert Jahren berichtete Oscar Wilde mit offensichtlicher Erheiterung – und seiner wie üblich kalkulierten Provokation – über die Arbeitsweise des Romanciers Émile Zola. Der große Naturalist verbrachte, wie Wilde festgestellt hatte, Monate beim Recherchieren für jeden neuen Roman. Wenn Zola über die Slums von Paris schreiben wollte, machte er sich auf, um dort zu wohnen! Wilde selbst dagegen behauptete, ein Künstler von ganz anderer Art zu sein. Selbst wenn er nur einen Vormittag beim Lesen über ein bestimmtes Thema in der British Library verbracht habe, würde das sein Interesse töten, und er könne nicht mehr darüber schreiben.

Ich bin ein großer Verehrer von Zolas Werk. Wilde bietet eine verständnislose Reduktion der Arbeitsweise des französischen Meisters. Zola hat tatsächlich beim Schreiben eines neuen Romans bis zu einem Jahr damit verbracht, Notizbücher mit Statistiken und Beobachtungen zu füllen. Aber wenn er einmal angefangen hatte, benutzte Zola sehr wohl seine Vorstellungskraft und seine Gefühle, um Werke zu schaffen, in denen dichte und oftmals sinnliche Bilder über kruden Naturalismus weit hinausgehen.

Hinsichtlich meiner Arbeit neige ich mehr zu Oscars als zu Émile Zolas Lager. Ich recherchiere sehr wenig. Das ist wahrscheinlich eine Schwäche der heutigen britischen Schriftsteller-Landschaft, in der Romanautoren und Dramatiker sich darin überbieten, die reale Welt eingehend zu untersuchen, bevor sie zu schreiben anfangen. Ich muss, ähnlich wie Wilde einräumen, dass es für mich ein starkes Hindernis beim Schreiben eines Stückes darstellt, wenn ich zuvor zu viel oder überhaupt etwas über ein Thema weiß. Meine Stücke entstehen fast ausschließlich am Schreibtisch. Hier bemühe ich mich, Wort und Handlung in eine Form zu bringen. Diese Form erlaubt mir, und ich hoffe, dem Publikum auch, – gute Schauspieler vorausgesetzt – hinaus in die Welt zu gehen und ein paar neue Fragen über sie zu stellen.

Wenn er eine seiner gefeierten Lacanschen Filmkritiken schreibt, dann, so der große slowenische Philosoph Slavoj Žižek, versucht er, den Film vorher nicht zu sehen. Es würde die Schönheit seines Schreibens verderben, und es wäre erhellender, den Film nach seiner Analyse zu sehen. Ich kann das ein wenig nachvollziehen. Ich versuche, das Gleiche in meinen Stücken zu tun. Sie sind kein Versuch, die Welt zu verstehen, festzunageln und den Zuschauern als Paket zu überreichen. Sie sind eher eine Vermutung, eine Annäherung an das, was vielleicht da draußen passiert, und eine Aufforderung an die Zuschauer, hinauszugehen, die Welt und unseren Ort in ihr zu befragen. Wenn meine Stücke – bei allen ihren Schwächen – dies irgendwie bewirken können, so schätze ich mich glücklich. Viel Vergnügen.

Originalbeitrag für den Katalog der Biennale Neue Stücke aus Europa 2008. Aus dem Englischen von Robert Stokes.