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Tankred Dorst und Ursula Ehler im Gespräch über Brecht, das Internet und die Theaterkritik

Ursula Ehler und Tankred Dorst bei der diesjährigen Festivaleröffnung (Foto: Lena Obst).

Sind Sie zufrieden mit dem Festivalverlauf?
Tankret Dorst:
Ja, ich bin bisher sehr zufrieden. Die Produktionen sind unterschiedlich, und das war auch unsere Absicht. Der Ansatz ist nicht, in all diese Länder zu fahren und zu sagen, das Theater soll so und so sein, sondern wir gehen hin und wissen nicht, wie das Theater sein soll. Wir gehen hin und sehen, dass es in verschiedenen Ländern verschieden ist. Und Verschiedenheit ist ja eine Tugend.
Ursula Ehler: In der Kunst schon.

War der neue Europabegriff, mit dem man seit den 1990er Jahren zu tun hat, ein Grund das Festival zu initiieren?
Dorst:
Ein Grund war es nicht.
Ehler: Aber dadurch hat das Festival andere Voraussetzungen und Impulse bekommen.
Dorst: Wir sind erst mal aus Neugier gereist.
Ehler: Als wir angefangen haben, wussten die interessierten Leute, was in Westeuropa passiert, in Avignon, Holland, Italien oder Spanien. Aber wir wussten überhaupt nichts von der anderen, (more…)


Zur Eröffnung gibt es Musik von der Pianisten Julia Okruashvili.

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… dann startet NEUE STÜCKE AUS EUROPA mit seinem Jubiläum zum 20-jährigen Bestehen. Noch einmal schlafen, dann kann hier in einem Live-Blog von der zweiten Pressekonferenz nachgelesen werden, welche Stücke sich zu den ersten zehn Einladungen gesellen dürfen.

10.43: Seit einer halben Stunde suche ich im großen Foyer in Wiesbaden den Internetzugang. Das Laptop fühlt sich wohl, wo es so hübsch durch die Gegend getragen wird. (more…)


Am 18. Januar 2012 ab 11.00 Uhr ist es soweit: Auf der ersten Pressekonferenz von NEUE STÜCKE AUS EUROPA werden bereits zehn eingeladene Stücke bekannt gegeben.

Wer wird im Juni die noch sehr einsame Gesellschaft erweitern? Foto: Katrin Schmitz

Wer selbst nicht im Staatstheater Mainz dabei sein kann, der kann zeitgleich hier beim live-Blog im Minutentakt mitlesen wer im Juni kommt, wo sie vorher losfahren und was sie im Gepäck mitbringen. Außerdem wird zu lesen sein, wo Tankred Dorst gleich nach der Pressekonferenz hinreist und warum.

10.19: Damit das Warten nicht so langatmig wird, kann man jetzt schon im Foyer auf der Großleinwand den neuen Trailer sehen: What’s your favourite European word?

10.55: Langsam füllt sich das Foyer. Die ersten Fotos werden gemacht. Der Trailer läuft immer noch und ich weiß jetzt schon, welchen Ohrwurm ich heute Abend habe (übrigens zum Thema “favourite European word”: Die Engländer haben des deutsche Wort Ohrwurm zu earworm eingeenglischt).

10.58: Die erste Kamera wird aufgebaut…

11.00: Eigentlich müsste es gleich losgehen. Die ersten Journalisten setzen sich, die meisten stehen aber noch am Kaffee-Buffet. Matthias Fontheim trifft im kleinen Haus ein. Blitzlichtgewitter. Wirklich. (more…)


They like to write on the couch, know their way around hotels and have been part of NEW PLAYS FROM EUROPE from the very beginning. A look back with the festival founders Ursula Ehler and Tankred Dorst.

At the opening of the first biennial NEW PLAYS FROM EUROPE in Bonn in the year 1992. The writers Ursula Ehler, Tankred Dorst are chatting with former German president Richard von Weizsäcker. Photo: Thilo Beu

How did you come up with the idea for NEW PLAYS FROM EUROPE?
Dorst: Curiosity. We knew about all the new plays in Paris and London, but no one knew what, for example, was being done in Iceland. We wanted to know what kind of theatre they were doing there. And we didn’t want to force them to adhere to an agenda, we simply wanted to know the truth.
Ehler: Eastern Europe was emerging at that time. And people in Germany were only focusing on spectacular productions. We talked about it and decided we needed an authors’ festival. But we didn’t want to have to have a panel of experts or a jury of critics to judge the plays, we just wanted to convey subjective views.
Dorst: We didn’t want to say, “This is what it’s like in those countries,” but to present what we had found.

Any particular memories come to mind?
Ehler: The bulletproof vest.
Dorst: A bulletproof vest for Croatia was stored in the dramaturgy office in Bonn. But I didn’t wear it, I remained unprotected. (more…)


Sie schreiben schon mal auf der Couch, kennen viele Hotels und gehören seit der ersten Stunde zur Biennale. Ein Rückblick mit Ursula Ehler und Tankred Dorst.

Gesammelte Europa-Erfahrung: Ursula Ehler und Tankred Dorst bei der diesjährigen Biennale. Foto: Jakob C. Heller

Wie ist die Idee zur Biennale eigentlich entstanden?
Tankred Dorst: Aus Neugier. Wir wussten, was es in Paris und London an neuen Stücken gibt, aber Europa ist ja groß, und niemand wusste zum Beispiel über Island Bescheid. Wir wollten wissen, was machen die da eigentlich. Und wir wollten kein Programm vorgeben, sondern nur die Wahrheit wissen.
Ursula Ehler: Zu der Zeit ging der Osten auf. Und in Deutschland waren alle nur auf spektakuläre Inszenierungen aus. Da haben wir gesagt, ein Autorenfestival muss her. Und wir wollten keine Sachverständigen- und Kritikerjury haben, sondern den subjektiven Blick befördern.
Dorst: Nicht sagen, so ist das in den Ländern, sondern präsentieren, was wir dort gefunden haben. Also sind wir überall und auch abgelegenen Gegenden in die letzten Winkel gekrochen.

Haben Sie spezielle Erinnerungen?
Ehler: Die kugelsichere Weste.
Dorst: In Bonn hing in der Dramaturgie die kugelsichere Weste für Kroatien. Ich habe sie aber nicht angehabt, blieb schutzlos. Der ganze Ostblock war ja eine unbekannte Welt, angefangen vom Hotel, das es nicht gab, bis hin zu den ganz alltäglichen Dingen.

Haben sich die Stücke im Lauf der Zeit verändert?
Ehler: Nein, es gab immer ganz verschiedene Stücke. Der Ehrgeiz war schon immer, eine Wundertüte zusammen zu stellen. Das umzusetzen ist allerdings schwerer geworden.
Dorst: Die Zeitungen, die Beurteiler suchen immer das Gemeinsame, aber der Autor sollte immer davon ausgehen, dass er der einzelne ist. Wenn alle das eine machen, muss der Autor doch sagen, ich mache das andere, nicht das Gleiche.

In der Eröffnung der diesjährigen Biennale sagten Sie, der Autor müsse immer seine eigenen Geschichten erzählen.
Dorst: Nicht direkt die eigene Geschichte. Der Autor beschäftigt sich wie andere Menschen auch mit dem „Wie bin ich, wo bin, wozu bin ich da, mache ich das Richtige, wie soll ich handeln.“ Der Stachel ist ein persönlicher Konflikt und aus dem wird vielleicht ein Stück.

Außerdem erwähnten Sie, bereits vor 25 Jahren seien Sie auf ein Symposium zum Verschwinden des Autors eingeladen worden.
Dorst: Da waren Literaturwissenschaftler und Filmleute, und ich dachte, wie komisch, ich soll zu einem Kongress gehen, der von meinem Verschwinden handelt.

Sind Sie trotzdem hingegangen?
Dorst: Ja (lacht). Das wurde ganz ernsthaft verhandelt. Die haben wirklich gesagt, der Autor fängt an zu verschwinden. Er ist aber immer noch vorhanden und vielleicht muss man ihn ja nur neu definieren. (more…)


Ein voll authentischer Live-Blog zur Podiumsdiskussion im Festivalzelt mit dem Theaterkritiker Dirk Pilz und den Autoren Nis-Momme Stockmann, Tankred Dorst, Fabrice Murgia und Biljana Srbljanović. Wir sind dabei und berichten live: Wer von ihnen ist am echtesten? Und wer kann das Wort “Authentizität” fehlerlos aussprechen? (more…)


Vom Verschwinden des Autors, v.l.n.r.: Übersetzerin Maja Speranskij, Tankred Dorst, Manfred Beilharz, Ursula Ehler. Foto: Jakob C. Heller


As a young author, Tankred Dorst felt like the lord of his stories. He once told me about Peter Zadek, who staged one of his plays in 1962: When Zadek picked him up from the airport and drove him to rehearsal, the author asked the director whether he had changed the text. “Yes,” Zadek answered, “I particularly had to make many cuts in the long monologue you wrote.” – “What do you mean, ‚cuts‘?…” – “About every fifth sentence has been cut from the monologue!” Dorst did not reply. He braced himself for a catastrophe. The big surprise came later in the theatre, where he discovered that the shortened monologue was much more dramatic than before. More expressive. Even more sincere. The deleted sentences made the monologue more conflicting, darker, because it implied things left unspoken. In every story, there has to be a secret. Gaps, jumps, things left unsaid. It has to leave room for the audience‘s imagination.

Translated into English by Lynnette Polcyn


Der mährische Schriftsteller und Dramatiker des beginnenden 20. Jahrhunderts Jiří Mahen schrieb im Vorwort seines Buches Gans an der Leine: “Ein Mensch nahm eine Gans und band sie an eine Leine. Da trat die Gans vor und nahm den Menschen an die Leine. Los, komm!”.

Ich habe an Mahen und seinen anschaulichen Relativismus im Zusammenhang mit einem anderen Text denken müssen: Tankred Dorsts Vorwort zu seinem Buch Werkstattbericht:

” Der Autor sucht eine Geschichte – aber kann es nicht umgekehrt sein: dass eine Geschichte sich den Autor sucht?” Dorst spricht an dieser Stelle über das konfliktreiche Verhältnis der Geschichte zum Autor und des Autors zur Geschichte mit noch dramatischeren Worten: “Der Autor nun will beweisen, argumentieren, die Geschichte wehrt sich dagegen….  Er will die Geschichte erklären, will die leeren Stellen ausfüllen, das Ungeklärte klären: die Geschichte zieht sich zurück. – Oh weh, jammert die Geschichte, ich habe mir den falschen Autor gesucht. Er hat meine Härte nicht gesehen, er hat einen zu engen Blick auf meine Personen, er will zu viel erklären! Wie schwach ist er! Er ist psychologiegläubig, er ist ängstlich, er ist konformistisch, er will Erfolg haben, er will sich selbst immerfort herzeigen, indem er mich herzeigt, er ist parteilich, er ist zu jung, er ist zu alt, er ist sentimental, er ist zu grob, er ist zu zart, zu sensibel, er möchte nur immer die Pointe herausholen, er ist zu altmodisch, er ist zu modern – hätte ich nur einen anderen Autor gefunden, um mich ans Licht zu bringen!”

Tankred Dorst, fühlte sich als junger, beginnender Autor als Herr seiner Geschichten. Bei einem seiner Besuche in Bratislava erzählte er mir von einer Begegnung mit Peter Zadek, der 1962 eines von Dorsts Stücken in Berlin inszenierte: Das Treffen war eine große Enttäuschung. Als Zadek ihn vom Flughafen mit dem Auto ins Theater zur Probe fuhr, fragte der junge Autor den berühmten Regisseur, ob er irgendwelche Änderungen am Text vorgenommen habe. “Ja, mehrere”, antwortete Zadek, “vor allem habe ich Ihren langen Monolog zusammengestrichen.” – “Wie, gekürzt?…”, japste der Dramatiker. – “Ganz einfach, ich habe jeden fünften Satz rausgestrichen.” – “Ohne Hinblick auf Bedeutung, Länge, auf die Logik?” erwiderte der Autor schüchtern. – “Richtig, ganz mechanisch. Jeder fünfte Satz ist raus aus dem Monolog!” Dorst vergrub sich in seinen Autositz und schwieg. Er rechnete mit einer Katastrophe.

Wie groß war seine Überraschung, als er im Theater feststellte, dass der so “rein mechanisch” zusammengestrichene Monolog viel dramatischer war. Expressiver. Und überraschenderweise sogar wahrhaftiger. Das Fehlen von teilweise wichtigen, teilweise unwichtigeren Sätzen führte dazu, dass der Monolog nun widersprüchlicher war, dunkler, dass er Unausgesprochenes enthielt. Tankred Dorst konnte sich daran überzeugen, dass ein glatter, kultivierter Dialog im Theater nicht immer das Ideal sein muss. Fast könnte man sagen, das Gegenteil sei wahr. Eine Geschichte muss immer auch ein Geheimnis haben. Löcher. Sprünge. Ungesagtes. Sie muss einen Raum öffnen für die Fantasie der Zuschauer.

Ich freue mich auf Wiesbadener Geschichten aus dem Jahr 2010. Und auf Tankred und Ursula, bei denen es – genau wie bei Jiří Mahen – nie klar ist, wer von ihnen den anderen führt. Weswegen ihre Geschichte so wunderbar ist.

Aus dem Slowakischen von Katharina Schmitt


Moravský spisovateľ a dramatik zo začiatku 20.storočia Jiří Mahen v predslove ku svojej knižke Husa na provázku napísal: „Vzal člověk husu i uvázal ji na provázek. Vykročila husa a vzala člověka na provázku. Pojď!“

Spomenul som si na Mahena a jeho názorný relativizmus vzájomnej závislosti čítajúc iný predslov: Tankreda Dorsta ku svojej knižke Krásne miesto – „Autor hľadá príbeh, ale nemôže to byť aj opačne – že si príbeh hľadá svojho autora?“

Dorst tu hovorí o konfliktnom vzťahu príbehu k autorovi a autora k príbehu ešte dramatickejšie:

„Autor chce dokazovať, argumentovať, ale príbeh sa tomu bráni… Chcel by príbeh vysvetľovať, vyplniť prázdne miesta a objasniť, čo je nejasné. Príbeh sa stiahne do seba. – »Ó beda, našiel som si zlého autora,« narieka príbeh. »On nerozoznal moju drsnosť, vidí moje postavy príliš obmedzene, chce mať všetko ako na dlani! Aký to slaboch! Verí na psychológiu, je úzkoprsý, konformný, chce mať úspech; tým, že ukazuje mňa, chce ukazovať iba seba, je zaujatý, je príliš mladý, je príliš starý, je sentimentálny, je priveľmi hrubý, je príliš nežný, príliš citlivý, ustavične sa naháňa za pointou, je príliš staromódny, príliš moderný – mal som si nájsť iného autora, ktorý by ma vyniesol na svetlo!«“

Tankred Dorst, ešte ako mladý začínajúci autor, sa cítil byť suverénnym pánom svojich príbehov. Pri jednej z návštev v Bratislave mi rozprával o stretnutí s režisérom Petrom Zadekom, ktorý v roku 1962 inscenoval v Berlíne jednu z prvých Dorstových hier: Veľké klamanie pred hradbami. Keď ho Zadek viezol autom z letiska do divadla na skúšku, mladý autor sa slávneho režiséra ostýchavo opýtal, či urobil nejaké úpravy v jeho hre. „Áno viaceré,“ odvetil mu Zadek, „najmä som skrátil ten váš veľký monológ.“ – „Ako, skrátil?…“ vyjachtal dramatik. – „Jednoducho, škrtol som v ňom každú piatu vetu.“ – „Bez ohľadu na jej význam, dĺžku, logiku?“ nesmelo oponoval autor. – „Pravdaže, celkom mechanicky. Každá piata veta je z monológu preč!“

Dorst sa schúlil v aute do sedadla a zmĺkol. Očakával katastrofu.

Aké bolo jeho prekvapenie, keď v divadle zistil, že takto „čisto mechanicky“ zoškrtaný monológ je omnoho dramatickejší. Expresívnejší. A napodiv aj psychologicky pravdivejší. Raz dôležité, raz menej dôležité vety, ktoré z monológu vypadli, spôsobili, že výpoveď bola odrazu rozpornejšia, tajomnejšia, „nedopovedanejšia“. Tankred Dorst sa vtedy názorne presvedčil, že takpovediac „hladký“, kultivovaný dialóg nemusí byť v divadle vždy najideálnejší. Skôr to býva naopak. Príbeh musí mať aj tajomstvo. Diery. Skoky. Nedopovedanosti. Musí otvárať priestor pre divákovu fantáziu.

Teším sa na také príbehy vo Wiesbadene 2010. A na Tankreda s Ursulou, u ktorých – tak ako u toho Jiřího Mahena – nie je jasné, kto z nich koho vedie. A práve preto je ich príbeh taký úžasný.


Wuppertal, die Stadt der Else Lasker-Schüler, in der ganzen Welt bekannt durch das Theater der Pina Bausch, die Stadt, der ich einige unvergessliche Theatererlebnisse verdanke. – Es erschüttert mich, dass sich diese Stadt den Luxus leisten will, sein traditionsreiches Theater zu schließen, sein künstlerisches Ansehen zu verschleudern.