Das Theater hält den Spiegel, sagt Hamlet. Einen machtvollen Spiegel, der in die Vergangenheit sieht und die Zukunft träumt. Einen Spiegel, der sich einbildet, niemals zu lügen, niemals zu trügen, und der, wenn er trügt, die Wahrheit sagen will. Und während wir seit Jahrhunderten der Welt den Spiegel vors Gesicht halten, wir, die wir ihn halten und uns zugleich in ihm besehen, und ihr, die ihr euch nur beseht, wir fragen uns oft nach dem Sinn dieses Besehens.
Als was treten wir vor den Spiegel und als was wenden wir uns wieder zurück? Was suchen wir mit dem Spiegel, heute, was haben wir gestern gefunden? Gibt es etwas Neues auf dieser Welt, damit wir den Spiegel dieser Herrlichkeit oder diesem Grauen oder einer Sache zukehren, die weder das eine noch das andere ist, sondern einfach ungesehen?
Denn seit Tausenden von Jahren gehen dieselben Gesichter an diesem Spiegel vorüber; aufgebläht vor Größe, bereit zu Mord, zu Märtyrertod, zu ganz gewöhnlichem Tod, aber doch exklusiv in gleich welchem Sinne, Gott als Opfer dargebracht, einer Idee, einer Liebe oder dem Alltag, und wir können uns ihrer hartnäckigen Unveränderlichkeit nicht satt wundern.
Wir besehen sie von allen Seiten, wir zertrümmern das Glas und werfen es ihnen vor die Füße, sie springen aus der Rüstung in den Anzug, aus der Kutsche ins Automobil, statt mit Schwertern fuchteln sie mit Handys, und bleiben in ihrem Wesen dieselben. Sie können sich dem Spiegel nicht stellen. Sie können aus der Begegnung mit dem Spiegel nichts lernen. Und wenn sie sich wiedererkennen, erinnern sie sich, dass unser Spiegel Lüge ist, ihnen ist alles Hekuba, an Traumgesichte vergossene Tränen.
Manchmal erscheinen mir die Gestalten des Theaters, unser Hamlet, unsere Medea, unser Agamemnon, wirklicher als wirkliche Menschen. Jedenfalls sind sie für mich glaubhafter. Ich verstehe ihre Ursprünge des Guten und des Bösen. Das wirkliche Böse ist für mich unwirklich, unbegreiflich. Vor ihm zerspringt der Spiegel. Warum ihn dann weiter in der Hand halten? Die Finsternis erkennt sich im Spiegel nicht. Sollen wir den Spiegel nur dem Guten vorhalten? Auch das Gute kann besser sein.
Gibt es einen Menschen, ob gut oder böse, oder weder gut noch böse, sondern ein Mensch, der vor diesen Spiegel tritt und sich, gereinigt und geläutert in der Begegnung mit sich selbst, wieder der Welt zukehrt? Ich weiß es nicht, aber in einer Welt, die kopflos davonstürmt, ist das Theater Teil jener Kraft, die stets das Gute schafft. Es ruft auf zur Toleranz, bietet den Blick auf den anderen, zu einem anderen, ruft auf zum Atemholen im allgemeinen Davonstürmen. Es fordert auf, in den Spiegel zu schauen. Und deshalb muss jemand diesen Spiegel halten. Denn in seiner Selbstliebe ist der Mensch bereit, alles zu zerstören.
Um seines Dünkels willen ist er bereit, ein Loch in die Kugel zu bohren, auf der wir uns drehen. Und deshalb muss jemand ständig mit diesem Spiegel winken. Mit dem Spiegel rufen, fluchen, singen, weinen, lachen, mit dem Spiegel. Vielleicht wird, vor dem Spiegel, auch die Finsternis, für einen Augenblick, erzittern.