Posts Tagged ‘Türkei’


Zwei Theaterstücke aus der Türkei verraten viel über die Atmosphäre ihrer Herkunftsstadt

Menschen ereifern sich über Zeitungen. Ein Paar findet seine Wohnung abends verwüstet vor. Jemand rennt fluchend dem Bus hinterher. Ein junger Mann wird auf der Straße vom Bruder seiner Freundin erschossen. Alle vier sind Szenen aus Istanbuler Theaterstücken. „Sȗrname 2010. Ein Fest für Sühendan“ und „Schöne Dinge sind auf unserer Seite“ spielen beide in Istanbul, sie wurden dort geschrieben, ihre Autoren Yiğit Sertdemir und Berkun Oya wohnen beide dort. Doch was erzählen die beiden Stücke über die türkische Metropole? (more…)


oder Die inexistente Ästhetik des Strebens nach Natürlichkeit auf engem Raum.

Die Eröffnung von neuen, kleinen Theatern/Aufführungsräumen mit 40-80 Zuschauerplätzen hat die Theaterszene in der Türkei in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts spürbar belebt. Die unabhängigen Gruppen, die es vorziehen, sich in solchen beengten Räumen auszudrücken, bemühen sich, räumliche Nachteile wie „beschränkte Tiefe, geringe Raumhöhe und Enge“ mit einer atmosphärischen Interpretation des Schauspiels aufzufangen. (more…)


Andrić, Kazantzakis, Kadare und Kusturica hatten Erfolg – weil sie wussten, wer sie sind!

100 Jahre lang waren wir Feinde auf dem Balkan, obwohl sich unsere Völker nahe stehen. Wir waren mit Jugoslawien, mit der Türkei, mit Griechenland sowie mit den Revisionisten Ceauşescu und Enver Hoxha verfeindet. Ergebnis dieser Isolation ist, dass wir heutzutage die amerikanische Kultur besser kennen als die des Balkans, die uns doch im Blute liegt. (more…)


Wie kommen politische Themen in Theatertexte? Der isländische Regisseur Jón Páll Eyjólfsson, die türkische Schauspielerin und Autorin Ceren Ercan und der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri sprachen über die Entstehung ihrer Stücke. Während es in „Liebe Isländer“ um die Verarbeitung der Finanzkrise geht und sich die drei Frauen von „Hässliches Menschlein“ in einer Gesellschaft behaupten müssen, die sie ausstößt, versuchen die Figuren in „Wir sind hundert“, die Welt zu verändern. Ausgewählte Statements der Podiumsdiskussion „Wirkungsmöglichkeiten politischer Themen auf dem Theater“. (more…)


Warum eigentlisch immer uff Hochdeutsch? Mer sann doch in Wiesbaden: die Hesse komme!

Guuude! Ei so Leut scheints wärklisch überall zu gebe. Statt dass die sich aafach mo an die eigene Nas fase, komme die als in Wallung über des, was die anner Leut mache. In de Türkei sieht des dann so aus: De eine rescht sich über die Kopptücher uff, die anner fühlt sisch wegge denne Kurden zum Hahnebambel gemacht und widder ne anner hat Angschd, dass se sisch bei ner Lesbe anstegge könnt. Knodderbiggs sann des alle!

Die aus Istanbul, wo des “Hässliche Menschlein” geschribb hann, hann da wärklisch e guude Mischung zusammegestellt. Unn uff de Studiobühne kommt’s a gut rübber, des muss mer mo sa. Des sann jo ernschte Themen…dafür wird e bissche viel gekischert. Aber warum dann eigentlich net? De Humor bewirkt vielleicht die eine oder annere Einsicht. Also, liebe Leutsche, do muss mer sich mo in so ne Situation reiversetze unn überleh, wo mer selbst wie e Auswerrdischer behandelt werd. Wenn des des Stück schafft: schee wär’s!

Mehr Hessisch Babbele im Indernedd: do lang!


Ein unheilvoller Kinderreim: Die Protagonistinnen in “Hässliches Menschlein” sind familiär und gesellschaftlich ausgegrenzt. (Hier unsere Kritik auf Hessisch).

Pfui! Hässlich! Elif Ürse, Yelda Baskın und Gülce Uğurlu. Foto: Martin Kaufhold.

Auf die Rückwand der Bühne sind Körperumrisse gemalt, als habe die Polizei nach einem Unfall mit Kreide markiert. In der Gemeinschaftsproduktion der türkischen Off-Theatergruppe oyun deposu stehen die Umrisse an der Wand aber symbolisch für das Wunschformat dreier ziemlich lebendiger Frauen in der Türkei, die nicht so sind, wie die anderen sie gern hätten. Und das, obwohl sie doch alle gleichermaßen jung sind und schön und auf der Straße eigentlich nur deshalb auffallen sollten. Anfangs versuchen sie keuchend angestrengt, in das aufgemalte Wunschformat zu passen, verbiegen und strecken sich, und kapitulieren am Ende.

Jede hat ihre eigene, fragmentarische Geschichte. Die Erzählstränge kreuzen sich zwar nie, weisen aber Parallelen auf. Es entstehen Situationen auf der Bühne, die bei den drei Frauen ähnlich verlaufen. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind ein Störfaktor in der türkischen Gesellschaft, hängen irgendwo im Nirgendwo zwischen Tradition und Moderne und werden ausgegrenzt. A (Elif Ürse) verbirgt ihr Haar unter einem Kopftuch, denn sie möchte das Erbe ihrer Mutter sichtbar tragen. Gebete auswendig zu lernen, das war als Kind wie ein Spiel für sie. Dann wurde in der Schule plötzlich das Kopftuch verboten: Muslima oder Atheistin, inzwischen weiß sie nicht mehr, was sie glauben soll. (more…)


Bei “Türkiye-Almanya 0:0″ in der Wartburg Wiesbaden ist nur das Fußballergebnis eindeutig.

Verstehen sich nicht so richtig: Aysun Yontar-Vogel, Ivan Anderson, Franziska Werner (v. l. n. r.). Foto: Martin Kaufhold

Auch wenn die Türkei bei der Fußballweltmeisterschaft fehlt, muss noch lange nicht auf das deutsch-türkischen Mit- und Gegeneinanders verzichtet werden. Schließlich ist da ja noch das Theater und Yesim Özsoy Gülans  ”Türkiye – Almanya 0:0“. Das weckt zwar Sportassoziationen, hat aber auch Auseinandersetzungen ganz anderer Art und abseits von den üblichen Klischees zu bieten.

Aus vermeintlichen Stereotypen werden hier ungeahnte, vielschichtige Figuren: die türkische Banu etwa, die sich beim Frauenarzt für die bevorstehende Hochzeit wieder zur Jungfrau machen lassen will, aber gleichzeitig ständig gegen ihre traditionell-denkende Mutter rebelliert. Oder die super tolerante Feministin, die im Wartezimmer mit Banu über deren “Kultur” und eben solche medizinischen Eingriffe diskutiert und sich schließlich als engstirnige Besserwisserin entpuppt. Oder Herr Müller, Chef einer Autofabrik, der mit den türkischen Gastarbeitern besonders streng umgeht, obwohl er selbst Türke ist.

Es sind keine Schwarz-Weiß-Situationen. So sitzt Banu nicht nur zwischen verschiedenen Identitätsangeboten, sondern zwischen den Stühlen und das ganz wortwörtlich: Regisseurin Yeşim Özsoy Gülan lässt die Schauspielerinnen das fortwährende Stühlerücken zu einer Choreografie aufbauen, die auf komödiantische Weise bildlich macht, wie die Frauen zueinander stehen. Das funktioniert wunderbar, obwohl einigen Teilen des Szenen-Potpourris weniger Ulk gut getan hätte. Strukturiert wird das Ganze von kurzen Fußballzwischenspielen auf dem grünen Kunstrasen. Da ist das Ergebnis dann ganz eindeutig: Unentschieden.