newplays-Blog

12 Tage mit Print und Blog

Ein Rückblick auf zwei Wochen FORUM JUNGER THEATERKRITIKER, den Workshop für junge Kulturjournalisten während der Biennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA. Stückchenweise persönliche Statements.

Die Redaktion am Festivalzelt-Biertisch: Grete Götze, Lena Rittmeyer, Valerie Kattenfeld, Karl Wolfgang Flender (untere Reihe, v.l.n.r.), Jakob C. Heller, Lea Gerschwitz, Judith Drokur, Martin Thomas Pesl, Katrin Schmitz (obere Reihe, v.l.n.r.). Judith Kärn war schon abgereist.

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Und nächstes Mal in Tirana…?

Darauf haben alle gewartet: Das FORUM JUNGER THEATERKRITIKER hat sich entschieden. In einem komplexen Punktesystem und geheimer Abstimmung wurden von insgesamt 12 kritischen Köpfen aus 24 eingeladenen Biennale-Produktionen die Favoriten auserkoren. Der eindeutige Gewinner des leider gar nicht dotierten, aber höchst prestigeträchtigen Kritikerpreises kommt aus Albanien. Deutschland, als Gastgeber fix im Rennen, ging auch diesmal wieder leer aus. weiterlesen »

Jedenfalls nicht nichts machen

In “Liebe Isländer” der Mindgroup geht es um Rechnungen und zwanghafte Gespräche über Banalitäten.

Die "Lieben Isländer" mit unbeglichenen Rechnungen. Foto: Martin Kaufhold

Einen Mojito kann man auf ganz unterschiedliche Arten zubereiten. Fehlt die Limette, kann man auch einen Mandarinenschnitz oder gar Schnittlauch nehmen. Der Isländer weiß, wie man improvisiert, denn seit dem Finanzgau ist Europas größte Insel nicht nur geografisch, sondern erst recht wirtschaftlich abgeschottet.

Der Staat ist bankrott. Allen Betroffenen schneien nur noch Rechnungen ins Haus. Ab jetzt muss jeder das Leben nehmen, wie es kommt. Das gilt auch für die sieben isländischen Staatsbürger, die in “Liebe Isländer” ganz abenteuerlich ausgebeulte Sportklamotten mit Lederjacken oder schickem Fummel kombinieren (Kostüme: Stefania Adolfsdóttir). Und dann sind sie auch noch in einem Käfig eingepfercht und reden über allerlei Belangloses.

Im Hintergrund laufen auf mehreren Bildschirmen synchron Bilder aus der Welt des Fernsehens und Internets. Das sind Fenster der Popkultur, durch die unzusammenhängende Sequenzen, wie Animationsfilme, Reality-Shows oder Werbungen für BHs zum Aufpumpen, zu den isolierten Isländern durchdringen. weiterlesen »

Dramaturg heute

Das FORUM DRAMATURGIE mit Prof. Dr. Kati Röttger aus Amsterdam erörterte die Rolle, die heute ein Dramaturg hat. Viele Antworten auf eine Frage…

Vater Unser

Łukasz Witt-Michałowski inszeniert im Wiesbadener Malersaal “Der letzte Vater seiner Art“. Inspiriert ist Artur Pałygas Stück von Kafkas “Brief an den Vater”.

Ein Sohn und seine Väter. Fotos: Lena Obst

Es sind die Erinnerungen eines Sohnes an seinen allmächtigen Vater, der ihm den Mund verbietet, ihn demütigt und zum Schlafen auf den Balkon schickt; an einen grausamen Vater, der das Kleinkind füttert und dabei Horror-Hasen-Geschichten erzählt; an einen angstbringenden Vater, der selbst ausgemergelt im Totenbett noch die Aura eines unumstrittenen Familienoberhaupts ausstrahlt. In Artur Pałygas „Der letzte Vater seiner Art“ wird das Bild eines Vaters rekonstruiert, das scheinbar nicht wirklich sympathisch war, im Stück aber dennoch als besseres Vaterbild verhandelt wird.

Franjo wächst in ärmlichen Verhältnissen in einer kleinen Garnisonstadt im Grenzgebiet Polens auf. Drill, Hierarchie und Exzesse des Militärs werden vom Vater im Privatbereich fortgesetzt. Im Wiesbadener Malersaal ist diese karge Welt von der freien Lubliner Gruppe Scena InVitro ungewöhnlich phantasievoll in Szene gesetzt (Regie und Ausstattung: Łukasz Witt-Michałowski). Vier an Kirchenbänke erinnernde Zuschauerpodeste werden zwischen den einzelnen Episoden auf Rollen immer wieder auseinandergeschoben und neu platziert. Begleitet von Trompeten- und Trommelmusik entstehen so Formationen, die ständig neue Perspektiven auf das Bühnengeschehen ermöglichen.

Das Zentrum ist eine Lichtprojektion auf einer Seite des Werkstattraumes, die mal Schimmelfleck in der Wohnung der Familie, mal Kirchenkreuz ist. weiterlesen »

Aufplustern und Abtauchen

Eine kleine Theatertierkunde.

Plustert sich gerne auf: Der Intendant. Hat zuletzt Henry IV inszeniert. Im Hintergrund der Oberspielleiter, inszeniert gerade Henry VI.

Das alte Ehepaar. Halten sich die Augen zu, weil sich gerade auf der Bühne wieder soviele nackte Männer mit Kartoffelbrei beschmieren.

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Kritikertäschchen

Papier: Zum Mitschreiben im Dunkeln. Immer nötig. Auch wenn man das, was man fast blind irgendwo hingekritzelt hat, später ohnehin nicht mehr lesen kann.
Für Solidarisierung der Kritiker untereinander unablässig.
Eindeutigstes Erkennungsmerkmal.

Stift: Die Waffe des Kritikers. Immer im Zehnerpack dabei, damit eine Entwaffnung ausgeschlossen ist.

Büroklammer: Zur Gewährleistung der kritisch hochgezogenen Augenbraue. weiterlesen »

Zagreb Pentagramm

Paolo Magelli hat für seine fünfteilige Produktion “Zagreb Pentagramm” fünf Autoren aus Zagreb gebeten, für ihn zu schreiben. Wir haben fünf junge Kritiker gebeten, sich jeweils einen Teil vorzunehmen.

"Zagreb Pentagramm", Teil 1. Foto: Martin Kaufhold

1: Monologduett
Nataša und Goran heißen die zwei Seiten eines zwiegespaltenen Schriftsteller-Ichs. Diese beiden lässt Filip Šovagović in “Traumzone” am Schreiben und an den Menschen in selbstreflexiven Monologen verzweifeln: “Jeder Mensch ist der Autor seines Lebens, jeder Mensch ist Schauspieler und Regisseur seines Alters nur, manchen scheint, dass die Masken nie fallen werden”, sinnieren sie pirandellesk. Als irreale und unbegreifbare Traumexistenzen tragen sie in Paolo Magellis Inszenierung Masken, liefern sich spielerische Wortgefechte. Der Regisseur hat sie als Clowns verkleidet, die mit rot unterpunkteten Augen und einer skelettartig geschminkten Unterlippe aussehen, als seien sie direkt einem Albtraum entstiegen. Ihr Buchstabenfeuer findet mal einen gemeinsamen, stakkatoartigen Rhythmus, mal fallen sie sich gegenseitig ins Wort. Sie reflektieren über Erfolg und Misserfolg, Schreiben und Leersein, Leben und Sterben. Clowns sind nicht nur dazu da, Kinder zu erfreuen, sondern üben Kritik ohne Worte. Das hat uns Charlie Chaplins Tramp gelehrt. “Oh, wie schön war früher der Stummfilm”, schwärmt auch Nataša einmal. Am Ende bleibt Schweigen. (Judith Drokur) weiterlesen »