Am 18. Januar 2012 ab 11.00 Uhr ist es soweit: Auf der ersten Pressekonferenz von NEUE STÜCKE AUS EUROPA werden bereits zehn eingeladene Stücke bekannt gegeben.
Wer selbst nicht im Staatstheater Mainz dabei sein kann, der kann zeitgleich hier beim live-Blog im Minutentakt mitlesen wer im Juni kommt, wo sie vorher losfahren und was sie im Gepäck mitbringen. Außerdem wird zu lesen sein, wo Tankred Dorst gleich nach der Pressekonferenz hinreist und warum.
10.19: Damit das Warten nicht so langatmig wird, kann man jetzt schon im Foyer auf der Großleinwand den neuen Trailer sehen: What’s your favourite European word?
10.55: Langsam füllt sich das Foyer. Die ersten Fotos werden gemacht. Der Trailer läuft immer noch und ich weiß jetzt schon, welchen Ohrwurm ich heute Abend habe (übrigens zum Thema “favourite European word”: Die Engländer haben des deutsche Wort Ohrwurm zu earworm eingeenglischt).
10.58: Die erste Kamera wird aufgebaut…
11.00: Eigentlich müsste es gleich losgehen. Die ersten Journalisten setzen sich, die meisten stehen aber noch am Kaffee-Buffet. Matthias Fontheim trifft im kleinen Haus ein. Blitzlichtgewitter. Wirklich.
11.02: Tankred Dorst und Ursula Ehler sitzen schon. Die müssen ja auch gleich noch weiter. Vielleicht sollte man das mal gerüchteweise hier verbreiten… wir haben doch keine Zeit. Es muss losgehen!
11.03: Es geht ganz sicher noch nicht los. Manfred Beilharz und Matthias Fontheim müssen mit Plakat posieren…
11.o3, die Zweite: Ursule Ehler telefoniert…
11.04: Das Licht geht an, alle finden sich auf den Plätzen ein. Es! Geht! LOS!
11.06: Noch mehr Leute kommen. Jetzt gibt es ein Grußwort. Matthias Fontheim heißt uns alle willkommen.
11.07: Vorstellungsrunde: Ursula Ehler, Tankred Dorst, Manfred Beilharz, Matthias Fontheim, Maya Schöffel und Marie Rötzer. Alle da! Im Hintergrund läuft immer noch der Trailer, über der Ansprache von Herrn Fontheim steht “AWESOME” und “Paradeiser”.
11.09: Matthias Fontheim glaubt, dass das Festival 20 Jahre alt wird und letztes Jahr vielleicht die zehnte Ausgabe gefeiert hat (das ist beides richtig). Bonn sei “weit davon entfernt, sich so ein Festival noch leisten zu können”.
11.10: Wir erfahren wie gut das Festival in das Mainzer Spielplan-Motto “Fremd bin ich” passt und erhalten einen kurzen Überblick über die Stücke in Mainz. Nun geht das Wort an Manfred Beilharz.
11.11: Manfred Beilharz gibt einen kurzen Überblick über die Festivalgeschichte, ein Drittel der eingeladenen Stücke wird heute bekannt gegeben. Er hat um “die Braut Matthias Fontheim” geworben, erfolgreich. Leicht süffisantes Lachen im Publikum.
11.13: Manfred Beilharz verrät jetzt schon, dass und warum wir um 12.00 Uhr Schluss machen müssen. Wir halten das aber weiterhin geheim.
11.16: Tankred Dorst sagt was zum Patensystem. Die Frau mit der Fernsehkamera wird sehr hektisch. Die Befürchtung Dorsts, dass die Paten hauptsächlich ihre eigenen Stücke empfehlen, wurde unterbunden, denn die Paten dürfen keine eigenen Stücke in Wiesbaden spielen… Sind Autoren wirklich so?
11.17: Das Patensystem funktioniert über mittelalterliches Zunftdenken. Sagt Manfred Beilharz.
11.18: In medias res. Wir stellen Stücke vor. Wird auch Zeit, bei zehn Stücken bis 12.00 Uhr.
11.18: Matthias Fontheim erzählt, dass er letztes Jahr mit Marine Parade - “Auch noch in einer Inszenierung von mir” – das Festival eröffnet hat. Diese Jahr kommt Simon Stephens mit Three Kingdoms (Münchner Kammerspiele, Lyric Hammersmith Theatre und dem NO99 Tallinn).
11.20: Es geht um einen Krimi, in England und Estland. Jede Wahrheit verbirgt eine andere Wahrheit. Der Name David Lynch fällt, inszniert von Sebastian Nübling. Inklusive Sprachgewirr. Europäisches Stück. Das muss kommen!
11.22: Manfred Beilharz übernimmt mit gleich drei Produktionen.
1) Rumänien kommt mit Peca Stefan und dem Stück Spielplatz Târgovişte. Da reichen die Produktionen aus Bukarest nicht ran. Peca Stefan und die Regisseurin Ana Mărgineanu haben aus Recherchen in der Stadt ein Stück gemacht über die Stadt, die früher einmal Hauptstadt war und in der auch Dracula ein Schloss hatte. Es wird ein Fest im ganzen Haus! 18 Minidramen, man wird ausgelost, es geht auf Hinterbühnen und in Keller!
11.26:
2) Irland kommt mit Blue Boy, das von der Gruppe Brokentalkers ist. Es reagiert auf Skandale in der katholischen Kirche und es fallen Begriffe wie Gesamtkunstwerk, Tanz, Medien, Performance. Einige Probeneindrücke finden sich hier. “Es ist kein dramatisierter Regierungsbericht, sondern die Inszenierung der Reaktion darauf, um sie erfahrbar zu machen” (Manfred Beilharz).
11.30:
3) Berkun Oya kommt aus der Türkei mit Schöne Dinge sind auf unserer Seite. Es geht um ein junges Paar aus Istanbul, der “hippsten Stadt auf der ganzen Welt, zumindest in Europa”. Nach einem Einbruch, bei dem nichts gestohlen wurde, findet das Paar in seinem Schlafzimmer ein anderes Paar, das vor seiner Familie flieht, aus der Provinz. Die Inszenierung findet hinter eine Glasscheibe statt. Geräusche werden ausschließlich technisch übertragen, man fühlt sich wie hinter einem überdimensionalen Fernseher.
11.32: Tankred Dorst ist dran und stellt Unsere Klasse von Tadeusz Słobodzianek aus Warschau vor. Es geht um eine Schulklasse in Polen, während draußen die deutsche Nazibesetzung tobt. Die Jungen verletzen und verraten sich, beschützen sich aber auch. Schließlich kommt mit dem Kommunismus neue Unterdrückung. Jetzt wird es schwierig, denn Tankred Dorst liest schneller als ich tippe.
11.33: Aus Slowenien kommt Verdammt sei der Verräter seiner Heimat! von Oliver Frljić. Das ist eine Ensemble-Produktion, in der die Schauspieler wie in einer Art Nachruf über den Tod sprechen. Sie erzählen, was sie erlebt haben, als Tito starb. Dabei wird – Peter Handke lässt grüßen – auch das Publikum beschimpft und Nationalitäten werden geklärt. Die Aufführung zeigt eindrucksvoll “den pornographischen Charakter von Gewalt” (Ursula Ehler). Das klingt nach einer interessanten Mischung. Manfred Beilharz schickt hinterher, dass die Chauvinismen, die der Autor verdreht, ihre Absurdität durch diese Verdrehung selbst offenbaren.
11.38: Maya Schöffel stellt nun ebenfalls drei Stücke vor. Vorher wird noch kurz erklärt, dass sie bald in Mutterschutz geht und Christine Bocksch sie vertritt. So zwischendurch. Das wäre auch nach den Stücken gegangen, oder?
Aber, jetzt, 1) Béla Pintér kommt aus Ungarn mit seiner Produktion Miststück. Das Miststück ist ein junges Mädchen, das seinen Namen zurecht trägt, und von einem Paar adoptiert und auf einen Biobauernhof gebracht wird. Das führt zu Konflikten in der arkadischen Landwelt, die zugleich die zeitgenössische ungarische Politik kommentieren.
11.43:
2) Ich werde eiskalt von Maya abgehangen. Jetzt geht es um Hypermnesie vom Bitef Theater, das von unterschiedlichen Paten empfohlen wurden, sowohl aus Serbien als auch aus Bosnien. Die 8 Schauspieler haben ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben und teilen sie mit den Zuschauern und der Öffentlichkeit. Da geht es um einen großen Abend aus dem ehemaligen Jugoslawien, um Freundschaften über Grenzen hinweg und die Tragik, wenn sie wegen eines Fußballbildes kaputt gehen. “Ein theatraler Hochgenuss” (Maya Schöffel).
11.44:
3) A Machine to see with von Blast Theory aus Großbrittannien. Man wird auf seinem Mobil-Telefon angerufen, man läuft durch eine Stadt, der Krimi für Wiesbaden wird geschrieben und es geht um die Frage: Raube ich eine Bank aus oder nicht?
11.46: Immer noch Sturm von Peter Handke kommt auch. Es ist eine Koproduktion der Salzburger Festspiele und des Hamburger Thalia Theaters. Es handelt sich um eine Art Denkmal für die eigene Familie – also die Familie Handke -, das von Dimiter Gotscheff mit zwei Musikern vom Balkan umgesetzt wird. Bei den großartigen Schauspielern ist Jens Harzer dabei und die Bühne ist – wie sollte es anders sein – von Katrin Brack. Es schneit bunte Papierschnipsel. Denken da auch andere jetzt an eine andere Gotscheff/Brack-Inszenierung?
11.48: Jetzt werden die Workshops vorgestellt. Ich würde gerne mehr zum slowenischen Stück hören. Manfred Beilharz glaubt gerade selbst “zu albern” zu sein, was er aus einem kritischen Blick seines Nachbarn schließt. Mehr zu den Workshops gibt es beim nächsten Mal. Jetzt dürfen Fragen gestellt werden. Maya Schöffel weist auf das Blog und auf diesen live-blog hin. Yipieh!
11.53: Jemand von der dpa fragt nach der Peter Handke-Inszenierung. “Wieso wird so ein arrivierter Autor eingeladen, wenn es sonst eher um Nachwuchs geht?” Manfred Beilharz macht deutlich, dass es nicht ausschließlich um Nachwuchs geht und verweist auf Tankred Dorst.
11.54: Ursula Ehler “will nicht vorwitzig sein”, aber verweist darauf, dass es neue Stücke und nicht neue Autoren aus Europa heißt.
11.55: Jetzt wird die “Standardfrage” erläutert. Wer bezahlt das Festival? Das kann man auf der Förderseite nachlesen…
11.56: Der Journalist fragt nach einer Summe. Die liegt im Moment knapp unter 1,1 Millionen. Vielleicht kommt die EU aber noch dazu, dann wird es noch ein bisschen mehr…
11.57: Das Lied vom Trailer wird befragt – ist das die offizielle Festivalmusik? Manfred Beilharz erklärt, dass eine bulgarische Schauspielerin, die deutsch spielt, hier auf portugiesisch singt – passend zum Festival also.
11.59: Ein Drittel der Produktionen soll in Mainz präsentiert werden, zwei Drittel in Wiesbaden. Langsam könnte Tankred Dorst hibbelig werden… eins vor zwölf!
12.01: Die Zeit wäre jetzt eigentlich rum. Es wird aber noch gefragt, wie man es sprachlich bewältigt, ein slowenisches dialoglastiges Stück in den Recherchereisen anzuschauen. Häufig gibt es Übersetzungen, manchmal Übertitel oder man hat einen Übersetzer, der einem ständig was ins Ohr flüstert, sehr zum Verdruss aller anderen Zuschauer!
12.02: Tankred Dorst muss los. Es geht um 12.40 mit dem Zug weiter nach Paris, wo heute Abend eine Produktion für das Festival angeschaut werden muss.
12.03: Manfred Beilharz kann da vorne gerade soviel über die europäische Krise reden wie er will, hier im Hintergrund sind alle noch mit Tankred Dorsts Aufbruch beschäftigt.
12.05: Es geht weiterhin um die Krise, in Griechenland fehlt laut Petros Markaris dazu noch das Stück.
12.08: Es wird gefragt, wie die deutschen Zuschauer denn die Stücke verstehen können. Die Fragende weiß, dass es Kopfhörer mit Simultanübersetzung gibt, fragt sich aber, wie der Zuschauer denn so reagiert (obwohl sie selbst schon da war). Was ist das denn für eine Frage?! Vielleicht hätten wir das doch mit dem Aufbruch der Dorsts beenden sollen…
12.11: Noch mal zu möglichen Konflikten zwischen den Paten und den Autoren. Manfred Beilharz hebt hervor, dass die hier kommenden Autoren nur sehr wenige Überschneidungsmengen haben und sich daher auch nicht in die Quere kommen. “Es geht hier nicht um Hollywood.”! So sieht’s aus!
12.13: Es gibt keine Fragen mehr. Doch! Doch, auch wenn alle schon die Jacke anziehen! Wer kommt aus Deutschland? Das ist natürlich doch ziemlich wichtig. Wenn schon nur eine Inszenierung aus Deutschland kommen kann, dann will man doch frühzeitig wissen, auf was man sich da einstellen kann…
12.16: Aufbruch! Wenige Minuten und fast alle sind weg. Ich sitze mit dem Blog nahezu verwaist im Foyer und es bestätigt sich wieder, das der Weg nach Hause immer kürzer ist, als der von zu Hause weg. Das ging schnell. Jetzt gilt es, viel Input zu verarbeiten. Die komplette Zusammenfassung der bereits vorgestellten Stücke findet sich hier. Viel Spaß dabei!


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“es fallen Begriffe wie Gesamtkunstwerk, Tanz, Medien, Performance” – na, wenn das nicht vielversprechend ist!
(aber ernsthaft: das programm klingt schon mal spannend, vielfältig & interessant, v. a. auf peca stefans delokalisiertes & fragmentiertes stück freue ich mich schon.
um die dame / den herren von der DPA ein wenig in schutz zu nehmen vor vorwitzigkeit & co.: man muss schon sagen, dass sich das festival von dieser gewissen mehrdeutigkeit auch zehrt. so ist z.b. tadeusz różewicz natürlich ein spannender & wichtiger polnischer autor, aber werder ist er unarriviert, noch war das 1994 aufgeführte stück allzu neu (d.h. über zehn jahre hattes es schon auf dem buckel).
positiv gewendet wird diese ambivalenz natürlich taktisch klug genutzt, um ein schönes programm zusammenzustellen. nur programmatisch ist es nicht wirklich.
…hübsch süffisanter blog, aber das mit 12.08 und der möchtegern gravierenden frage einer dame der firma “schlau & wichtig” hat die bloggerin richtig erfaßt.
das programm wächst noch, is aber bis dato schon sehr ambitioniert & nmmt sich in den ankündigungen schon spannend aus. wenn´s eintrifft…