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Theater hilft nicht


Die irische Compagnie Brokentalkers verweigert es in „The Blue Boy“, die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche theatral aufzulösen.

Insgesamt prägen historische Dokumente und vom Tonband kommende Erinnerungen den Abend (Foto: Martin Kaufhold).

Der 2009 veröffentlichte Ryan-Report über unzählige Missbrauchsfälle in katholischen Schulen hat in Irland hohe Wellen geschlagen. Die irische Compagnie „Brokentalkers“ entzieht sich in „The Blue Boy“ den medialen Mechanismen emotionsheischender Empörung und einebnender Berichterstattung und gibt stattdessen jenen Menschen Raum, die diese Schrecken überlebt haben. Das ist dokumentarisches Theater im wahrsten Sinne des Wortes: Historische Dokumente und persönliche Erinnerungen, die vom Tonband kommen, prägen den Abend. Im Widerspruch dazu stehen kleine Szenen, die den Abend mit einer theatralen Melodie unterlegen. Doch insgesamt entscheiden sich Brokentalkers für eine rohe Form, anstatt zu emotionalisieren. Berührt ist der Zuschauer trotzdem.

„Ursprünglich wurde dieser Zollstock dazu gebraucht, tote Körper zu vermessen. Er gehörte meinem Großvater,“ sagt Gary Keegan zu Beginn des Abends. Der Regisseur führt selbst durch die Inszenierung. Die Geschichte seines Großvaters, der Bestatter war, und jeweils auch im nahe gelegenen katholischen Kinderheim Särge an Körper anmessen musste, fungiert als Bindeelement zwischen den schrecklichen Verbrechen der Vergangenheit und der Frage, wie heute damit umgegangen wird. Lange Zeit vermieden die Menschen, darüber zu sprechen. Stattdessen erzählten sie einander die Gruselgeschichte vom Titel gebenden blauen Jungen, einem Heimkind, das unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen war. Den blauen Jungen zum Gegenstand einer Geistergeschichte zu machen, ist aber die Verharmlosung eines jahrzehntelang begangenen Verbrechens, das Irland noch immer beschäftigt.

Sich der Methode des Films bedienend, schneidet der Abend ein Panorama von Missbrauch-Beispielen aneinander. Auf einem Gazevorhang werden Hände projiziert, die Perlen auffädeln. Sechzig Rosenkränze mussten die Kinder dereinst täglich produzieren. „Wir waren so hungrig, dass wir die Perlen dieser Rosenkränze aßen,“ erinnert sich eine Überlebende per Tonband. Parallel dazu führen fünf Tänzerinnen in blauen Uniformen mit papiernen Masken auf dem Gesicht zerhackte Bewegungsabläufe aus, als gäbe es keinen Ort mehr in ihnen, an dem die Fäden zusammenlaufen könnten. Bürsten scheuern über Wände, Springseile schlagen hart auf den Boden. Schlag um Schlag werden Leben zerstört, Körper gebrochen, Seelen geschunden. Ohne Ausweg reiben sich die Kinder an den grauen Kirchenmauern auf.

„Wie bei einer faulen Henne kann ich einem Menschen ansehen, ob er faul ist, in dem ich ihm in die Augen sehe,“ sagt Bruder Joe in einer Videoeinspielung. Es sind die 1970er Jahre in Irland, der Bruder sitzt in einem Fernsehstudio, und das Publikum applaudiert. Heute wissen wir, dass dieser Bruder, der so selbstsicher auftritt, etliche Kinder missbraucht hat. Aber in dieses Wissen mischt sich das Gefühl des Unwohlseins, weil wir annehmen müssen, dass wir wahrscheinlich mitgeklatscht hätten – wir hätten ihm nichts angesehen. Die Verbrechen haben inmitten der Gesellschaft stattgefunden, das betont die Inszenierung durch ihre Machart. Während der Papst sich feiern lässt und Kennedy in die Kamera strahlt, verstummen die Kinder.

Zuerst irritiert es, wie das dokumentarische Material roh in die bildlichen, mit künstlerischen Mitteln fein gearbeiteten Szenen aus der Kindheit ragt. Mit voranschreitender Überlagerung der Ebenen erschließt sich aber, dass diese Form angebracht ist: Die Verbrechen müssen klar benannt werden, schwarz auf weiß stehen. Endlich können die Überlebenden aussprechen, was so lange niemand geglaubt und gesehen hat. Scherbengleich bohrt sich diese Inszenierung in unser Denken.

One Comment to “Theater hilft nicht”

  1. avatar noe says:

    Spannender und sehr treffsicher formulierter Beitrag! Ein wichtiges Thema – die Aufarbeitung – unendlich und ewig unvollständig. Nach diesem Beitrag mein Eindruck: schade, war ich nicht da!

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