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Zagreb Pentagramm

Paolo Magelli hat für seine fünfteilige Produktion “Zagreb Pentagramm” fünf Autoren aus Zagreb gebeten, für ihn zu schreiben. Wir haben fünf junge Kritiker gebeten, sich jeweils einen Teil vorzunehmen.

"Zagreb Pentagramm", Teil 1. Foto: Martin Kaufhold

1: Monologduett
Nataša und Goran heißen die zwei Seiten eines zwiegespaltenen Schriftsteller-Ichs. Diese beiden lässt Filip Šovagović in “Traumzone” am Schreiben und an den Menschen in selbstreflexiven Monologen verzweifeln: “Jeder Mensch ist der Autor seines Lebens, jeder Mensch ist Schauspieler und Regisseur seines Alters nur, manchen scheint, dass die Masken nie fallen werden”, sinnieren sie pirandellesk. Als irreale und unbegreifbare Traumexistenzen tragen sie in Paolo Magellis Inszenierung Masken, liefern sich spielerische Wortgefechte. Der Regisseur hat sie als Clowns verkleidet, die mit rot unterpunkteten Augen und einer skelettartig geschminkten Unterlippe aussehen, als seien sie direkt einem Albtraum entstiegen. Ihr Buchstabenfeuer findet mal einen gemeinsamen, stakkatoartigen Rhythmus, mal fallen sie sich gegenseitig ins Wort. Sie reflektieren über Erfolg und Misserfolg, Schreiben und Leersein, Leben und Sterben. Clowns sind nicht nur dazu da, Kinder zu erfreuen, sondern üben Kritik ohne Worte. Das hat uns Charlie Chaplins Tramp gelehrt. “Oh, wie schön war früher der Stummfilm”, schwärmt auch Nataša einmal. Am Ende bleibt Schweigen. (Judith Drokur) weiterlesen »

“Anything But Easy”

They like to write on the couch, know their way around hotels and have been part of NEW PLAYS FROM EUROPE from the very beginning. A look back with the festival founders Ursula Ehler and Tankred Dorst.

At the opening of the first biennial NEW PLAYS FROM EUROPE in Bonn in the year 1992. The writers Ursula Ehler, Tankred Dorst are chatting with former German president Richard von Weizsäcker. Photo: Thilo Beu

How did you come up with the idea for NEW PLAYS FROM EUROPE?
Dorst: Curiosity. We knew about all the new plays in Paris and London, but no one knew what, for example, was being done in Iceland. We wanted to know what kind of theatre they were doing there. And we didn’t want to force them to adhere to an agenda, we simply wanted to know the truth.
Ehler: Eastern Europe was emerging at that time. And people in Germany were only focusing on spectacular productions. We talked about it and decided we needed an authors’ festival. But we didn’t want to have to have a panel of experts or a jury of critics to judge the plays, we just wanted to convey subjective views.
Dorst: We didn’t want to say, “This is what it’s like in those countries,” but to present what we had found.

Any particular memories come to mind?
Ehler: The bulletproof vest.
Dorst: A bulletproof vest for Croatia was stored in the dramaturgy office in Bonn. But I didn’t wear it, I remained unprotected. weiterlesen »

Nachhilfe in philosophischer Zärtlichkeit

Das niederländische Stück “Hannah und Martin” stellt sich der altbekannnten Heidegger-Arendt-Geschichte

Auf Holzwegen: Der Professor (Willem de Wolf) und sein Schützling (Lineke Rijxman). Foto: Lena Obst.

Die junge Studentin Lineke erwartet von Professor Wolf eine Nachhilfestunde in Sachen verbotener Liebe: Wie war das damals, zwischen der 19-jährigen Hannah Arendt und ihrem 17 Jahre älteren und verheirateten Dozenten Martin Heidegger? Und während Professor Wolf (Willem de Wolf) interessierter an einem Re-Enactment des erotischen Stelldicheins wäre, will Lineke (Lineke Rijxman) den Vermischungen des Politischen mit dem Privaten nachgehen, ohne von ihrem Konterpart aufs Kreuz gelegt zu werden. Das ist die Ausgangssituation einer szenischen Verhandlung nicht nur der Liebelei unter Philosophen, sondern auch manch philosophischer Problematik. Wolf und Rijxman schlüpfen in diesem dialoglastigen Werk in und aus den Rollen, sind mal am Debattieren der ganz eigenen erotischen Anziehung, mal bei Heideggers politischen Verirrungen, dann wieder wird Arendts Gestik und Mimik spöttisch reproduziert. weiterlesen »

Fragebogen für Manfred

Wie viele Stunden schlafen Sie momentan?

Fünf bis fünfeinhalb.

Der Intendant auf der Couch. Foto: J. C. Heller

Wenn Sie in eine der Figuren dieser Biennale schlüpfen könnten, welche wäre es?

Schwierig, weil meistens Frauen im Mittelpunkt stehen. Aber ich würde sagen, einer der beiden Bodyguards des afrikanischen Diktators aus “Bab et Sane”, der kleinere. Der Autor hat ihm eine Sprache in den Mund gelegt, die mich an Karl Valentin erinnert.

Welcher Droge sind Sie verfallen?

Dem Theater.

Denken Sie, dass Sie etwas verpasst haben, weil Sie nicht Jurist geworden sind?

Nein. Ich hätte ja damals auch ins bayerische Kultusministerium gehen können, habe mich aber für die schlecht bezahlte Assistentenstelle an den Münchner Kammerspielen entschieden.

Wo würden Sie am liebsten wohnen?

In Istanbul, wo mein Bruder lange Zeit Arzt war. Das ist für mich derzeit die aufregendste Stadt Europas mit einer unglaublich kreativen Kunstszene und ganz vielen normalen Leuten, die nicht das Gefühl haben, sie seien der Nabel der Welt, wie die Pariser oder die Berliner. Die Stadt wurde von der griechischen, römischen, seldschukischen Geschichte und von den Osmanen geprägt, später dann von den Genuesen. Und von all dem sind noch Zeugnisse da und stehen unverbunden nebeneinander. weiterlesen »

Im Malersaal

Dmitrij Krymow und seinem Team fehlte Präsenz. Ein Spielkommentar zu “Tod einer Giraffe”.

Erwartungsvoll hat sich in Wiesbaden das Publikum versammelt, um Dmitrij Krymow und seine Moskauer Mannschaft zu sehen. Im Vorfeld der Partie gab es bereits einen handfesten Skandal: Wegen Visa-Schwierigkeiten sagten Krymow und seine Mannschaft vom “Tod einer Giraffe” das angesetzte Auswärtsspiel ab, die Russen mussten unfreiwillig daheim bleiben. Die Fans, die einer spannenden Live-Partie entgegenfieberten, waren zu Recht enttäuscht: Public viewing, eine Notlösung. So herrschte im Wiesbadener Malersaal eine eher lahme Stimmung, auch wenn die Veranstalter sich ins Zeug legten, authentisches Feeling zum Match zu liefern. Russland-Flaggen und Vuvuzelas waren nirgendwo zu entdecken, auch Dosenbier ließen die Sportbegeisterten daheim. Dafür gab es russische Süßigkeiten und Wodka, beides sehr begehrt. weiterlesen »

Fort Malakoff

Wohin nach dem Theaterbesuch an einem lauen Sommerabend? Ein Ort mit Weitblick in Mainz.

An den Wassern zu Mainz saßen wir und schauten. Foto: J. C. Heller

Was macht man an einem lauen Sommerabend nach dem festlichen Theaterbesuch? Raus aus der Abendgarderobe, weg mit dem Sektglas und im Mercedes nach Mainz – hier, an der Fort Malakoff-Terrasse, kann sich auch der arrivierteste Theaterconnaisseur wieder wie ein armer Student fühlen. Mir fällt das nicht sonderlich schwer, Student bin ich noch und prekäre Arbeitsverhältnisse sind sowieso en vogue. Also setze ich mich auf die sonnengewärmten Holzstufen. Gerade im Sommer treffen sich hier jeden Abend Studenten, Musizierende und Liebende. Pärchen und Grüppchen sitzen zusammen, trinken Wein oder Bier aus der Flasche, unterhalten sich und schauen raus auf den Rhein. Ein Jogger joggt vorbei, ein Radfahrer radfahrt hinterher, der Fluss fließt unbeteiligt. Ich zünde mir eine Zigarette an und schließe mich den schweigend Starrenden an. Man blickt direkt auf das hessische Rheinufer. Drüben ist alles begrünt, mit Bäumen bepflanzt und wirkt fast wie eine bessere Welt. Neben mir nehmen ein paar Freunde Platz, sie packen zwei Gitarren aus und stimmen ein spanisches Lied an. Nein, die bessere Welt ist gleich hier, neben mir.

Andere Ausgeh- und Weitergehtipps hier.

Szenen einer Ehe

Und einmal mehr ist es Zeit für einen Live-Blog: Das FORUM JUNGER THEATERKRITIKER trifft in den intimen, warmen Räumlichkeiten des Presseclubs einige der Teilnehmer des FORUMs JUNGER AUTOREN EUROPAS unter Leitung von Martin Heckmanns. Warum? Weil die Kritiker die Autoren brauchen, die Autoren die Kritiker, und beide dennoch gewisse Abneigungen gegeneinander haben – könnte man zumindest meinen. Im Zentrum der kommenden Stunde also die Frage: Was erwarten Kritiker von ihren Autoren, was Autoren von ihren Kritikern? Eines auf jeden Fall: Nicht aus dem Kontext herausgelöst zitiert zu werden. Da freut sich der Live-Blogger. weiterlesen »

Sechs von Zehn

Mein Zehnter zum Zehnten der Biennale

Mein zehntes Jubiläum war nicht der zehnte Geburtstag, nicht der zwanzigste, sondern der vierzehnte. 1989, zehn Jahre zuvor, hatten meine Eltern das damals noch kommunistische Polen verlassen auf der Suche nach einer besseren Existenz, die sie im westlichen Nachbarland zu finden erhofften. Für den damals noch kleinen Jakob bedeutete das den Eintritt in eine andere Welt, und wie so oft wurde diese neue Welt vermittelt über eine neue Sprache, die deutsche. Nach der polnischen der Eintritt in die deutsche Wirklichkeit: Es ist, als hätte man zwei Geburtstage – einen biologischen und einen kulturellen. Es ist, als wäre Identität immer in Bewegung und sollte es auch sein, immer dynamisch, sich entwickeln, als sollte jeder Eintritt in eine andere Sprachlichkeit, mithin jede verfremdende-entfremdende Übersetzung gefeiert werden, jede Vermittlung zwischen Kontingenz und Kultur. Wenn auch dieses zehnte Jubiläum damals in Unterfranken, fernab der Kultur, stattfand.

Existenzielle Pinguineier

Lässt sich über Theater streiten? Zwei Kritiker probieren es. Das Versuchsobjekt: Cezaris Graužinis Stück “Alles oder nichts”.

Finstere Hampelei: Vilma Raubaitė, Brigita Arsobaitė und Paulius Čižinauskas in "Alles oder nichts". Foto: Martin Kaufhold

Wladimir: Beeindruckend, dieser Cezaris Graužinis: Vier schlichte Hocker, vier Menschen, ein bisschen Licht und Musik – mehr braucht er für sein Sinnspiel nicht.

Estragon: Sinnspiel oder Singspiel?

Wladimir: Naja, irgendwie beides: Die vier Schauspieler erfreuen sich ja ganz offensichtlich am Klang ihrer Stimme, sei es nun rufend oder tatsächlich singend, dazu wird gehüpft, gerannt und getanzt. Aber ich meinte tatsächlich Sinnspiel.

Estragon: Hm. Anfangs dachte ich ja, einer Therapiesitzung beizuwohnen, zu der der Gruppenleiter nicht aufgetaucht ist. Aber dann ist die Handlung zerspargelt: Pinguineier werden gebrütet, Leichen gejagt, ein bisschen eine beliebige Schauspielübung.

Wladimir: Oder höchst bedeutsam, metaphysisch fast schon. Graužinis inszeniert da eine Meditation über die sprichwörtlichen letzten Dinge.

Estragon: Oho, Herr Kollege, also ein Streitgespräch! Inspirierte Morgengymnastik oder Beckett? Alles oder nichts? weiterlesen »

Der Europäer in uns allen

Wie das Festival uns Europa näher und manchmal auch zu nahe bringt.

Der Euro wackelt, die Wirtschaft klagt und die Wiege der Demokratie droht im Staatsbankrott zu verenden. Um Europa steht es schlecht, wenn man der Medienberichterstattung vom Spiegel (Euro-Lüge) über die ZEIT (Die neue Hartleibigkeit) bis zur taz (Tragödie) glauben mag. Krisenzeiten sind immer Fragenzeiten: Was ist es, das Europa im Innersten zusammenhält? Ein Festival, das sich auf die Suche nach der, wie der Dramatiker Tankred Dorst emphatisch in unserem Interview betonte, “Wahrheit” der europäischen Länder begibt, kann sich dieser Frage nur schlecht entziehen.

Schauen wir in die Statistik: 265 Produktionen zeigte NEUE STÜCKE AUS EUROPA in 18 Jahren, dieses Jahr sind 21 Länder auf dem Festival vertreten. Das ist Europa, oder zumindest ein repräsentativer Ausschnitt, und Wiesbaden wird zu einem Zentrum, von dem aus wir notgedrungen den Kontinent betrachten. weiterlesen »