Archive for the ‘German’ Category


Gatis Šmits‘ Inszenierung von Agnese Rutkēvičas „Dukši“ kommt nicht in Fahrt

Zwei ungleiche Brüder (Copyright Martin Kaufhold)

Ein etwas heruntergekommenes Landhaus mitten im Wald, die nächste Bushaltestelle vier Kilometer entfernt. Aufräumen müsste man mal wieder, den Rasen mähen vielleicht. Hier treffen zwei erwachsene Brüder anlässlich der Beerdigung ihrer Mutter zusammen. Dukši ist der Name des lettischen Dörfchens, in dem die junge Autorin Agnese Rutkēviča ihr gleichnamiges Stück spielen lässt. In Wiesbaden war die Tragikomödie nun in einer Inszenierung des Jaunais Rīgas teātris zu Gast. Regie führte Gatis Šmits.

Die beiden Brüder haben nicht viel gemeinsam: Kārlis wohnt – bis vor kurzem gemeinsam mit der Mutter – noch im Elternhaus. Dort (more…)


Die Theaterbiennale als Plattform der europäischen freien Szene

Wer die Spielpläne der deutschen Theater in den letzten Jahren verfolgt hat, dem wird der Wandel des Stadt- und Staatstheaterbetriebs nicht entgangen sein. Der klassische Gegensatz von Ensembletheater und Freier Szene ist durchlässig geworden, die „Freien“ erhalten vermehrt Einzug auf großen Bühnen. Theatergruppen, Kollektive oder Einzelkünstler, die projektspezifisch arbeiten und sich durch diverse Fördergelder finanzieren, binden sich für einige Zeit an Institutionen. Dabei stehen sie meist für innovative Darstellungsformen, die Auflösung klassischer Raumkonzepte und das Aufgreifen aktueller Themen. Inzwischen hat sich die Freie Szene nicht nur einen festen Platz im Feuilleton, sondern auch bei Festivals erarbeitet und das nicht nur in Deutschland: Die diesjährige Theaterbiennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA zeigte 24 Stücke aus 23 Ländern. Über die Hälfte der eingeladenen Künstler arbeitet in Kompanien oder Gruppen, hat ihr Theater selbst gegründet oder sich Projekthäusern angeschlossen. (more…)


Erinnerung an das Forum Junger Theaterkritiker 2010

Verliebt ist man schnell. Und wenn es richtig funkt, möchte man den Zustand so lange wie möglich bewahren, am besten gleich vakuumieren oder schockfrosten, um ihn bei der nächsten Mangelerscheinung, dem nächsten Stimmungstief wieder auftauen zu können. Aber das geht nicht, also schaut man, wie man immer wieder hineingeraten kann in diesen Zustand.

Theater kann ein solches temporäres Hormonhoch verschaffen. Für Theaterschaffende hält das mit ups and downs im Schnitt sechs Wochen an.

Copyright: Christian Kleiner

So lange ist zumeist die Probenzeit einer Produktion und seit ich am Theater arbeite, ist das der Rhythmus, sind das die Intervalle, die mein Leben strukturieren. Wenn bei der Konzeptionsprobe alle Beteiligten zusammen kommen, um für anderthalb Monate in einer einmaligen Konstellation zu arbeiten, gemeinsame Lebenszeit zu verbringen, ist das im besten Fall der magic moment.

Die rosarote Brille wird erstmal nicht abgesetzt, was besonders für Dramaturgen ungut ist. Aber dazu später. In Theaterproduktionen taucht man ab, versinkt, gräbt sich ein (more…)


Martin, Student aus Leipzig und Teilnehmer des Forums Dramaturgie im Rahmen von NEUE STÜCKE AUS EUROPA, beantwortet dem newplays-blog 3 Fragen.


-„Wie lange machen wir eigentlich am Sonntag?“
- „Warum?“
-„Ich hab um 15Uhr eine Jugendstil-Tour durch Wiesbaden gebucht.“

(Aus der Redaktion)


Pawel Prjaschko nimmt uns mit in die Hölle

Gleich wird es dunkel (Copyright: Lena Obst)

Es ist dunkel. Der hölzerne Pfad zu den drei Militärzelten, die in der riesigen Halle des Frankfurt LAB aufgebaut sind, knarzt unter unseren Schritten. In Gruppen werden wir den Zelten zugeteilt, in die wir uns, dicht an dicht, mit jeweils dreißig Leuten zusammenzwängen. Plötzlich durchreißen eingespielte Stimmen die gespannte Stille. In rasantem Tempo prasseln Geschichten von Alltagsszenen aus den Vorstädten der weißrussischen Hauptstadt Minsk auf uns nieder. Die Bewohner kämpfen täglich um ihre bescheidene Existenz. Sie sind der Korruption und staatlicher (more…)


Ein Gespräch mit Ann-Marie Arioli

Ann-Marie Arioli (Copyright: Franzi Kreis)

Sie sind künstlerische Leiterin und Organisatorin der Theaterbiennale. Wo liegt der Fokus?

Eindeutig auf der künstlerischen Arbeit, aber durch die Organisation kann ich einschätzen, welche Stücke realisierbar sind, und ich treffe eine Vorauswahl. Ich begreife die technische Seite als Herausforderung, Dinge zu realisieren, die sonst nicht möglich wären. Dadurch besteht die Möglichkeit, Stücke einzuladen, bei denen die technische Leitung erst mal sagen könnte: „Das ist in der Form nicht machbar“. Das heißt, dass das Organisatorische das Künstlerische ergänzt, oder (more…)


Ein Gespräch mit Peter Michalzik

Peter Michalzik (Copyright: Franzi Kreis)

Sie sind zum ersten Mal Mitglied der künstlerischen Leitung von NEUE STÜCKE AUS EUROPA. Es ist eine Neuheit, dass ein Kritiker dem Gremium angehört. Haben Sie das Gefühl, das Lager gewechselt zu haben? Kommt es zu Konflikten mit den anderen?

Zu Konflikten: Nein. Und zu einem Lagerwechsel würde es nur kommen, wenn ich im Moment die ganze Zeit als Theaterkritiker arbeiten würde. Das mache ich aber nicht. Ich schreibe relativ selten Kritiken, und auch nicht mehr so, wie ich das früher gemacht habe, sondern mehr über Theater im Allgemeinen. Das beißt (more…)


Kornél Mundruczós „Dementia“, eine Performance-Operette über Willkür und Vergessen

Sie haben sich ihre eigene Realität geschaffen (Copyright: Martin Kaufhold)

„Wir verbarrikadieren uns. Das Versteckspiel beginnt“, sagt Mercédesz Sápy, gealterte Operettendiva und die älteste von vier verbleibenden Patienten einer Psychiatrie in Budapest. Der Geschäftsmann János Bartonek hat die heruntergekommene Klinik gekauft, um eine „Casa di Amor“ daraus zu machen. Die psychisch kranken Bewohner würde er am liebsten auf die Straße setzen. Sie aber möchten bleiben. Wo sollen sie auch hin?

Kornel Mundruczós Stück basiert auf einer wahren Begebenheit: Vor einigen Jahren wurde das Budapester Krankenhaus „Lipot“ von einem Investor erworben. Der ungarische Theatermacher erarbeitete „Dementia“ gemeinsam mit der Co-Autorin Kata Webér und den Schauspielern seines 2009 in Budapest gegründeten Proton Theaters. Unter seiner Regie ist etwas sehr Außergewöhnliches entstanden: eine kritische Performance-Operette über die Gesellschaft. Das Stück erzählt von Menschen, die nicht mehr vom Leben wollen als eine frische Windel, ein sauberes Hemd und ihre Ruhe. (more…)


 

Ich schwimme in einem Fluss aus Menschen, Begegnungen, Stücken, Theaterarbeit, Reibung, Rebellion oder vielleicht Revolution. Zeit und Raum verdichten sich, ich bin auf einer Reise. Gesichter fliegen an mir vorbei, wie gerahmte Fensterbilder auf einer Zugfahrt. Manche dieser Gesichter kann ich mir genauer ansehen, weil ich kurz stehenbleibe, um durchzuatmen. Andere sind in dem Moment, in dem ich sie sehe, bereits wieder verschwunden, doch für diesen kurzen Moment haben sie magische Geschichten einer ganz neuen Welt erzählt. (more…)